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8.12.2006 | Von:
Juliana Ströbele-Gregor

Indigene Emanzipations-
Bewegungen in Lateinamerika

Forderungen nach Umgestaltung der Gesellschaft

Armut und extreme Armut kennzeichnen die Lebensumstände der Mehrheit der indigenen Völker Lateinamerikas, wie Studien, z.B. der Interamerikanischen Entwicklungsbank, belegen.[4] Das gilt für die städtische, mehr noch für die ländliche Bevölkerung. Armut ist zudem nicht nur am Einkommen zu messen. Sie bedeutet auch mangelnde Schulbildung und Gesundheitsversorgung, weitgehenden Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe an Entscheidungen über Ressourcenverteilung und -nutzung. Die jeweiligen nationalen Gesellschaften haben bisher wenig für die grundlegende, reale Verbesserung der Lebensumstände getan - trotz Rechtsreformen, die mehrere Staaten in den 1980er Jahren zugunsten der indigenen Bevölkerung verabschiedet haben. Im Prozess von Staatsmodernisierung und Dezentralisierung wurden zwar in mehreren Ländern die Selbstverwaltungsstrukturen gestärkt. Gleichwohl zeigte der Aufstand in Bolivien im Oktober 2003, dass sich die indigene Bevölkerung bis dahin weiterhin von maßgeblichen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen fühlte.[5]

In verschiedenen Ländern mobilisieren lokale, regionale und nationale Verbände zu Protestmärschen, organisieren Blockaden von strategischen Straßen oder Besetzungen von Erdöl- bzw. Gasbohrstellen und Staudamm-Großprojekten. Mit Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen (NROs) klagen sie öffentlich Umweltzerstörungen, die sozialen Folgen von Großprojekten, illegalen Holzschlag oder Biopiraterie sowie die Komplizenschaft staatlicher Institutionen bei solchen Unternehmungen an. Sie fordern Land- und Ernährungssicherheit, Agrarreformen, Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung sowie selbstverwaltete Territorien. Die Forderung nach Autonomie im Sinne des Rechts auf eine selbstbestimmte Entwicklung, die auf den eigenen kulturellen Werten basiert ("desarrollo con identidad"), nimmt zu. Das schließt ein eigenes Bildungs-, Rechts- und Gesundheitswesen sowie die ökonomische Entwicklung ein. Dabei berufen sich die indigenen Völker auf die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO über "Rechte indigener und in Stämmen lebender Völker", die von 13 lateinamerikanischen Staaten[6] unterzeichnet, aber kaum umgesetzt wurde.

Die Indígena fordern nicht nur menschenwürdige Lebensbedingungen, die Anerkennung ihrer Kulturen sowie angemessene gesellschaftliche und politische Teilhabe. Sie verlangen auch eine tief greifende Demokratisierung der jeweiligen Gesellschaft und darüberhinaus der herrschenden Weltordnung und Abkehr von neoliberalen ökonomischen Strukturen.

Aber der politische Kampf ist nur ein Aktionsfeld - wenn auch ein besonders wichtiges. Im letzten Jahrzehnt hat sich das Spektrum ihrer ganz an den praktischen Bedürfnissen der Bevölkerung ausgerichteten Aktivitäten, die selbständig oder mit Unterstützung externer Partner - Kirchen, NROs oder entwicklungspolitischen Agenturen - durchgeführt werden, immer weiter ausgedehnt. Es reicht von Bildungsprogrammen der zweisprachigen interkulturellen Erziehung, kulturell angepasster Gesundheitsversorgung oder nachhaltiger Landwirtschaft bis hin zu Rechtshilfe, Förderprogrammen, die sich speziell an Frauen richten, oder Projekten zur Pflege des eigenen kulturellen Erbes, wie etwa die Dorfmuseen etc. Es geht stets um zwei Ziele: Zum einen will man das eigene kulturelle Wissen erhalten und in der Gemeinschaft weitergeben, um sich innerhalb der nationalen Gesellschaft der eigenen Wurzeln zu vergewissern und das Selbstbewusstsein - die eigene Identität - zu stärken. Zum anderen geht es um die Organisation von Selbsthilfe. Die Umsetzung dieses zweiten Zieles ist eine Herausforderung an die indigenen Organisationen und variiert sehr stark von Land zu Land und von Region zu Region. In der Regel beschränken sich die Initiativen - insbesondere im Bereich Ökonomie - auf die lokale Ebene. Aber es gibt durchaus auch erfolgreiche Initiativen auf Provinzebene, oftmals angeleitet von indigenen Bürgermeistern.

Fußnoten

4.
Vgl. Anne Deruyterre, Población indígena y desarrollo sostenible: el papel del Banco Interamericano, Foro de los Américas, 8 de Abril, 1997.
5.
Vgl. Juliana Ströbele-Gregor, Für ein anderes Bolivien - aber für welches? Indigene Völker und Staat in Bolivien, in: Fransziska Bopp/Georg Ismar (Hrsg.), Bolivien - Neue Wege und alte Gegensätze (i.E.).
6.
Argentinien, Bolivien, Brasilien, Costa Rica, Dominikanische Republik, Eucador, Guatemala, Honduras, Kolumbien, México, Paraguay, Peru, Venezuela.