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8.12.2006 | Von:
Juliana Ströbele-Gregor

Indigene Emanzipations-
Bewegungen in Lateinamerika

Bolivien

Auch Bolivien blickt auf eine jahrhundertelange Geschichte der indigenen Bewegungen und der Rebellionen zurück.[9] Die Nationale Revolution von 1952, an der sich die indigene Hochlandbevölkerung - Bergleute, Bauern, Arbeiter - maßgeblich beteiligt hatte, stürzte die Oligarchie sowie die damit verbundene Wirtschafts- und Machtordnung und setzte eine Agrarreform durch. Während die in starken marxistisch und trotzkistisch orientierten Gewerkschaften organisierte Bergarbeiterschaft sich sehr bald gegen den reformistischen Kurs der Regierung stellte und die Opposition gegen die Diktaturen zwischen 1964 und 1982 anführte, befreite sich die Landbevölkerung erst schrittweise ab den 1970er Jahren aus der Bevormundung durch den Staat.

Ende der 1960er Jahren entstand die Bewegung Tupac Katari von andinen Bauern und Migrantinnen und Migranten, die sich stark auf ihr kulturelles Erbe bezog. Es ging um die Landfrage, kulturelle Identität und Demokratieforderung. Einflussreich waren indianistische Ideologien sowie marxistische Positionen. Organisatorischer Ausdruck dieser Bewegung sind der in den 1970er Jahren gegründete Dachverband der Bauern und Landarbeiter CSUTCB (Confederación Sindical Unica de Trabajadores Campesinos de Bolivia) sowie zahlreiche indianistische Parteien seit den 1980er Jahren. Viele Aktivisten der Kataristenbewegung beteiligten sich am Kampf gegen die Diktaturen der 1970er undfrühen 1980er Jahre, und die CSUTCB wurde zum wichtigsten Hoffnungsträger der indigenen Bevölkerung.

Mit der Demokratisierung ab 1982 schwächten interne Machtkämpfe den Einfluss der CSUTCB. Aber bis in die Gegenwart bleibt sie eine der wichtigsten Indígena-Organisationen und der Katarismus eine verbindende Idee insbesondere unter den Aymara. Bei den Machtkämpfen innerhalb der CSUTCB geht es sowohl um Rivalitäten zwischen Führungspersonen und Unterstützer-Parteien als auch um die ideologische Vorherrschaft. Zur Debatte stehen unterschiedliche Staatsvorstellungen bzw. das Verhältnis zum bolivianischen Staat. Die Zunahme radikal-indianistischer Strömungen innerhalb der CSUTCB in den 1980er Jahren führte Ende der 1990er Jahre zur zeitweisen Spaltung.

Gesellschaftliche Visionen, politische Programme, eigenständige Parteien und die Konstruktion einer indigenen Identität entstehen vor allem unter indigenen Migranten in den Hochlandstädten, in denen sie sich in indianistischen Zirkeln, Kulturvereinen und Netzwerken der Herkunftsgemeinden organisieren und die kulturellen Identitäten pflegen.

Bei der Betrachtung der gegenwärtigen Bewegung und der an die Regierungsmacht gewählten Partei MAS (Movimiento al Socialismo) des Präsidenten Evo Morales dürfen die Verbindungen zwischen der marxistischen und trotzkistischen Bergarbeiterschaft sowie lokalen Bauernorganisationen, die seit den 1940er Jahren bestehen, nicht übersehen werden. Denn gerade im MAS ist diese Geschichte ideologisch wirksam. Das verbindende Element damals wie heute war die Gegnerschaft zur herrschenden Gesellschaftsordnung, zur Staatsform und der jeweiligen Regierung. Aus Sicht der Linken ging es um die Bekämpfung des kapitalistischen Ausbeutungssystems und die Errichtung der Diktatur des Proletariats. Indianisten interpretieren die herrschenden Verhältnisse als Ausdruck kolonialer Unterdrückung und Fremdherrschaft der Weißen.

In den 1980er Jahren traten einige indianistische sowie trotzkistische Fraktionen für den bewaffneten Kampf ein. Die kleine Guerillaorganisation EGTK (Ejercito Guerillero Tupac Katari) verdient Beachtung. Mit ihren verbalradikalen und rassistischen Verlautbarungen und ihrer Apologie des bewaffneten Kampfes versuchte die dem EGTK verbundene Fraktion innerhalb der CSUTCB Einfluss zu gewinnen. Alvaro García Linera, heute Vizepräsident, gehörte der EGTK an. Ihr Gründer Felipe Quispe Huanca, Chef der radikal-indianistischen Partei MIP (Movimiento Indígena Pachakutik), war zeitweise Generalsekretär der CSUTCB. Auch wenn die MIP bei den Wahlen 2005 - anders als 2002 - kaum mehr Erfolge erringen konnte, findet ihr Diskurs durchaus weiterhin Anhängerschaft - insbesondere unter jungen Leuten auf dem Hochland.

Vor dem Hintergrund dieser verschiedenen ideologischen Grundlagen entstand Ende der 1990er Jahre die Forderung nach einer neuen Verfassung zur gesellschaftlichen Neuordnung des Landes. Die Regierung Morales setzte ihr Versprechen, den Rechtsweg für eine Verfassungsgebende Versammlung zu eröffnen, sofort um. Am 2. Juli 2006 fanden dazu die Wahlen statt.

Einen anderen Entwicklungsweg nahm die politische Organisierung der Völker des bolivianischen Tieflands. Diese begann erst in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre und ist seit 1990 eine politische Kraft, die sich im Dachverband CIDOB organisiert. Ihre Forderungen lauten: Rechtstitel für ihre Territorien, Selbstverwaltung, Schutz vor dem Eindringen von Viehzüchtern und Holzunternehmen in die von indigenen Gemeinden genutzten Gebiete und Sicherung ihrer hergebrachten Lebensformen. Eine Konfrontation mit den ökonomischen Machtgruppen des Landes war damit vorprogrammiert. Die verschiedenen Regierungen versuchten, Konflikte nach beiden Seiten zu vermeiden. So erkannte die Regierung Anfang der 1990er Jahre nach dem Marsch "Für Territorium und Würde" der Völker Ostboliviens zum Regierungssitz La Paz Indígena-Territorien an, allerdings ohne die Umsetzung zu sichern.

Im Unterschied zu den Organisationen des Hochlands sind diejenigen der Tieflandvölker bisher politisch weniger auf Konfrontation zur Regierung gegangen. Ihre Strategien sind Verhandlungen und Beteiligung an politischen Reformen. Seit dem 1994 verabschiedeten Gesetz der Volksbeteiligung existiert eine sehr weitgehende politische Partizipation auf Munizipalebene. Indigene Organisationen und traditionelle Autoritäten erhielten Rechtsstatus und nehmen ihre neuen Rechte wahr.

Mit dem Wahlerfolg von MAS und Evo Morales hat sich die politische Landschaft grundlegend verändert. An dieser Stelle kann keine Analyse dieser neuen Politik erfolgen. Anzumerken sind aber einige grundlegende Aspekte: Nach schweren politischen Turbulenzen im Jahre 2005 waren im Dezember Neuwahlen unumgänglich geworden. Morales und seine Partei MAS konnten über 50 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinen - ein noch nie in der Geschichte des Landes erreichtes Wahlergebnis. Erstmals regiert nun ein Aymara-Indígena Bolivien, und die indigene Bevölkerungsmehrheit ist entsprechend im Parlament repräsentiert. Die MAS war in ihren Anfängen die Repräsentation der Coca-Bauern der tropischen Region des Departements Cochabamba; ideologisch und organisatorisch stark von den hierher abgewanderten ehemaligen Bergarbeitern mit ihrer marxistischen und trotzkistischen Tradition beeinflusst. Erst nachdem der Einfluss indianistischer Ideologien in Bolivien immer manifester wurde, integrierte der MAS entsprechende Positionen.

Der Diskurs von Morales verbindet sozialistische und indianistische Ideen, eine stark anti-US-amerikanische, die nationale Souveränität betonende Rhetorik und anti-neoliberale Positionen. Seine Versprechen, die neoliberalen Strukturreformen rückgängig zu machen, eine Rückverstaatlichung der strategischen Betriebe vorzunehmen - insbesondere auch der Erdgasunternehmen -, und der sozialen Frage höchste Priorität zuzuweisen, haben die Wähler honoriert.

Fußnoten

9.
Der Abschnitt basiert auf der ausführlichen Analyse in: J. Ströbele-Gregor (Anm. 5).