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24.11.2006 | Von:
Heinrich Kreft

China - Die soziale Kehrseite des Aufstiegs

Demographie und Altersversorgung

Traditionell wurde die Altersversorgung insbesondere auf dem Land von den Familien getragen, und zwar primär von den Söhnen, was den Wunsch nach männlichen Nachkommen erklärt (der inzwischen zu einem erheblichen Männerüberhang geführt hat[6]). Durch Abwanderung der jungen Leute in die Städte und durch den wachsenden Anteil alter Menschen aufgrund der steigenden Lebenserwartung ist - auch als als Folge der Ein-Kind-Politik - die traditionelle Altersversorgung auf dem Lande in hohem Maße gefährdet.

Chinas demographische Entwicklung gleicht immer mehr jener weitaus entwickelterer Gesellschaften. Die chinesische Gesellschaft altert rapide, und das bei nach wie vor niedrigem Einkommensniveau. Gemäß Projektionen der Vereinten Nationen wird der Altersmedian in den Jahren zwischen 2005 und 2050 um 12,2 Jahre auf fast 45 Jahre springen (in Deutschland dürfte der Wert im gleichen Zeitraum um 5,3 auf 47 Jahre steigen).[7] Die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter[8] - ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung - wird mit 72,2 Prozent etwa um 2010 ihren Höhepunkt erreichen, von diesem Zeitpunkt an abnehmen - und 2050 60,7 Prozent betragen. Nimmt man aber die niedrigere Pensionierungsgrenze in China zum Maßstab (50 bis 55 Jahre bei Frauen und 60 bis 65 bei Männern), wird dieser Höhepunkt, der dann bei nur 62,3 Prozent liegt, bereits zwischen 2005 und 2010 erreicht werden; unter diesen Bedingungen wird die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter im Jahr 2050 auf 47 Prozent zurückgehen. Würde sich an der Pensionierungsgrenze nichts ändern, kämen 2050 79 Rentner auf 100 Personen im beschäftigungsfähigen Alter. Als Folge der Demographie wird die Zahl der Rentnerinnen und Rentner schneller wachsen als die Zahl der beschäftigungsfähigen Bevölkerung, die ab 2011 nicht mehr ansteigen wird. Ohne einschneidende Reformen dürfte die derzeit bestehende, ohnehin äußerst bescheidene Altersversorgung bald kollabieren.[9]

Da im industriellen Sektor die Renten von den einzelnen Betrieben gezahlt werden, führt dies zu einer schnell wachsenden Belastung insbesondere für ältere Unternehmen im Vergleich zu neueren Betrieben mit jungem Personalbestand. Eine der in Angriff genommenen Reformen soll hier Abhilfe schaffen, indem die Unternehmen einen bestimmten Anteil (etwa 20 Prozent) der Lohnsumme in eine Versicherung einzahlen, die dann die Rentenzahlungen übernimmt. Die Beschäftigten führen vier Prozent ihres Lohnes an den zuständigen Versicherungsfonds ab, ein Rentenanspruch entsteht nach Ablauf von 15 Beitragsjahren. Allerdings ist die Höhe der Renten gering, so dass viele Rentner verarmen und auf Zusatzverdienste im Privatsektor angewiesen sind.

Parallel zu den Reformen hat die Regierung damit begonnen, eine im sozialistischen System per definitionem nicht notwendige Arbeitslosenversicherung aufzubauen. Seit 1999 müssen alle Unternehmen etwa zwei Prozent der Lohnsumme in einen entsprechenden Fonds einzahlen, die Beschäftigten ein Prozent ihres Gehaltes dahin abführen. Ansprüche auf Leistungen aus diesem Fonds erwachsen nach einem Jahr. Sie steigen mit der Zahl der Beitragsjahre, aber auch nach zehn Jahren wird Arbeitslosengeld nur für 18 Monate gezahlt. Dieses System ist allerdings bisher nur in einigen Regionen eingeführt worden. Es dürfte noch lange dauern, bis ein landesweites Arbeitslosenversicherungssystem aufgebaut sein wird, vor allem weil es für den Staat (derzeit) nicht finanzierbar ist. Zeitgleich mit der Arbeitslosenversicherung wurde auch eine Sozialhilfe eingeführt. Diese Aufgabe obliegt den Einwohnerkomitees in den städtischen Nachbarschaftsvierteln.

Fußnoten

6.
Aufgrund des medizinisch-technischen Fortschritts wird der Jungenüberhang immer dramatischer, so dass befürchtet wird, dass im nächsten Jahrzehnt bis zu 60 Millionen Frauen fehlen könnten.
7.
Vgl. United Nations, Population Division, The World Population Prospects: The 2004 Revision.
8.
Gemäß allgemeiner Definition die 15 - 64jährigen als Anteil an der Gesamtbevölkerung.
9.
Vgl. Tamara Trinh, China's pension system, Deutsche Bank Research, February 17, 2006.