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13.11.2006 | Von:
Axel Pohl
Andreas Walther

Benachteiligte Jugendliche in Europa

Maßnahmen gegen Jugendarbeitslosigkeit

Wie in Bezug auf das frühe Verlassen des Bildungssystems lassen sich auch Maßnahmen gegen Jugendarbeitslosigkeit entsprechend der Dimensionen individualisierend versus strukturbezogen und präventiv versus kompensatorisch analysieren - hier beginnend bei den eher individualisierenden Ansätzen:
  • Beratung zur beruflichen Orientierung von Schulabgängern (zu individuellen Eingliederungsplänen für Arbeitssuchende siehe unten);
  • Berufsvorbereitung im Sinne der Kompensation individueller Defizite zur Erleichterung des Übergangs in reguläre Ausbildung (meist nicht zertifiziert);
  • Qualifizierungsprogramme und teilqualifizierende Maßnahmen (in Ländern mit standardisierten Ausbildungssystemen oft nicht zertifiziert);
  • Lohnkostenzuschüsse oder Steuererleichterungen für Arbeitgeber, die Schulabgänger bzw. Langzeitarbeitslose einstellen;
  • Schaffung neuer Beschäftigungsmöglichkeiten durch Unterstützung von Existenzgründungen und Selbstständigkeit, Ausbau des öffentlichen Sektors oder des Dritten Sektors (vor allem Genossenschaften).
Eine ambivalente Form aktiver Arbeitsmarktpolitik stellt Deregulierung dar. Einerseits zielt sie auf die Dynamisierung von Arbeitsmarktstrukturen und Zugängen, andererseits setzt sie eine Absenkung der Ansprüche in puncto Lohnniveau und sozialer Sicherung auf Seiten der Arbeitssuchenden voraus. Für ihre integrative Wirkung entscheidend ist deshalb, ob Deregulierung durch erwerbsunabhängige soziale Sicherung flankiert wird. Die Evaluation aktiver Arbeitsmarktpolitik erweist sich durchweg als uneindeutiger als die der Maßnahmen gegen das frühzeitige Verlassen des Bildungssystems. So lassen die meisten Evaluationen keine Aussagen darüber zu, wie viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch ohne Hilfe eine Arbeit gefunden hätten. Gleichzeitig können auch erfolgreiche Beratung und Qualifizierung wirkungslos bleiben, wenn die Nachfrage nach Arbeitskraft ausbleibt. Inzwischen ist außerdem hinlänglich nachgewiesen, dass Effekte eines Maßnahmetyps von einer Vielzahl kontextgebundener Variablen abhängig sind, die sich nur schwer verallgemeinern lassen.

Eine weitere Einschränkung entsteht durch das Vorherrschen eines quantitativen und auf den kurzfristigen Verbleib von Maßnahmeteilnehmern begrenzten Monitorings, auch weil sie Effekte der Verschiebung hin zu anderen prekären Situationen verdeckt. So ist in Spanien die Jugendarbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren gesunken, der Anteil befristeter Arbeitsverträge und von 'working poor' aber gestiegen. Im Vereinigten Königreich ist der Preis für eine niedrigere Jugendarbeitslosigkeit das Ansteigen der komplett aus Bildungssystem und Erwerbsleben herausgefallenen Bevölkerung unter 25 Jahren, der so genannten 'NEET'-Jugendlichen (='Not in Education, Employment or Training') sowie derer, die sich auch nicht mehr beim Sozial- oder Arbeitsamt melden, die Gruppe der 'Status Zer0'-Jugendlichen.

Sind die Effekte aktiver Arbeitsmarktpolitik auf die Höhe der Jugendarbeitslosigkeit bestenfalls uneindeutig, so trifft dies nicht unbedingt für deren Dauer zu. In einigen Ländern mit unterschiedlich hoher Jugendarbeitslosigkeit liegt die Quote der Langzeitarbeitslosen (über ein Jahr) kontinuierlich bei ca. 10 Prozent (Dänemark, Finnland, Vereinigtes Königreich), bei einer Vielzahl anderer Länder dagegen bei über 50 Prozent. Auch hier bleibt jedoch unklar, durch welchen anderen Status der der Jugendarbeitslosigkeit jeweils ersetzt wird.