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23.10.2006 | Von:
Jutta Allmendinger
Rita Nikolai

Bildung und Herkunft

Soziale Herkunft und Bildung

Zweifellos hat die Bildungsexpansion der sechziger und siebziger Jahre insgesamt zu einer Steigerung des Bildungsniveaus in allen Sozialgruppen geführt. War die Hauptschule zu Beginn der fünfziger Jahre noch die Regelschule, an der drei Viertel der Schülerinnen und Schüler lernten, so belief sich deren Anteil 2003 nur noch auf 30 Prozent. Im gleichen Zeitraum hat sich der Anteil der Schülerinnen und Schüler an den Realschulen (von 7 auf 23,5 Prozent) verdreifacht und an den Gymnasien (von 15 auf 32,5 Prozent) verdoppelt.[1] Von 1952 bis 2003 hat sich somit das Bildungsniveau insgesamt erhöht; die Chancenunterschiede haben sich zwar abgeschwächt, kennzeichnen jedoch die Bildungsergebnisse weiterhin.[2]

Während die Bildungsexpansion konfessionelle, regionale und geschlechtsspezifische Ungleichheiten abbauen konnte, war sie beim Abbau der schichtenspezifischen Ungleichheiten weniger erfolgreich.[3] Zu einer Verringerung der Chancenunterschiede zwischen den sozialen Schichten ist es nur bei den mittleren Bildungsabschlüssen gekommen. Die Öffnung des Bildungssystems für berufliche Bildungsmöglichkeiten erfasste vor allem Kinder aus Facharbeiterfamilien, während die höheren Bildungssysteme weiterhin den Kindern aus der Mittel- und Oberschicht vorbehalten blieben.[4]

Nach wie vor hängen die Bildungschancen für eine höhere Ausbildung an Gymnasien und Universitäten für Jugendliche stark von ihrer sozialen Herkunft ab. Infolgedessen istder durchschnittliche Anteil der Kinder aus "bildungsnahen Schichten", also aus der "oberen Dienstklasse", die ein Gymnasium besuchen, mehr als viermal so hoch wie der Anteil der Kinder aus Facharbeiterfamilien.[5] Auch auf den Hochschulzugang wirkt sich die soziale Herkunft aus. Nur sechs von 100 Arbeiterkindern beginnen ein Hochschulstudium, während 49 von 100 Gymnasiasten aus einkommensstarken Familien eine Universität besuchen. Die soziale Zusammensetzung der Studierenden nach Herkunftsgruppen hat sich deutlich verschoben: Zwischen 1982 und 2003 ist der Anteil der Studierenden aus der höchsten Sozialschicht von 17 auf 37 Prozent kontinuierlich angestiegen, während sich der Anteil der Studierenden aus der untersten Herkunftsgruppe von 23 auf 12 Prozent verringert hat.[6] Nach wie vor finden sich Kinder aus Arbeiterfamilien häufiger in einer nichttertiären Berufsausbildung. Im Zeitverlauf hat sogar die Tendenz zur nichttertiären beruflichen Ausbildung zugenommen, so dass sich die Bildungsungleichheiten deutlich verstärkt haben dürften.[7]

Auch international vergleichende Schülerleistungstests wie PISA und IGLU haben auf den starken Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und erreichten Kompetenzen aufmerksam gemacht. Zwar schnitt in der zweiten PISA-Studie von 2003 Deutschland in den Kompetenzbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften im internationalen Vergleich durchschnittlich, im "Problemlösungsbereich" sogar überdurchschnittlich ab; das bessere Abschneiden Deutschlands gegenüber der ersten PISA-Studie von 2000 sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Verbesserung der Bildungskompetenzen nicht gleichmäßig auf die Schulformen verteilt. Der Zuwachs an Kompetenzen geht vor allem auf die Gymnasien zurück und weniger auf die Hauptschulen, die kaum Lernzuwächse verzeichnen konnten.

Auch und gerade diese Daten zeigen, dass in kaum einem anderen vergleichbaren Industrieland der Bildungserfolg so eng mit der sozialen Herkunft verknüpft ist wie in Deutschland.[8] Denn erstmals wurde in der PISA-Studie von 2003 ein Indikator verwendet, der die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Indikatoren der familiären Herkunft für den Bildungserfolg zusammen abbildet. Der "Index of Economic, Social and Cultural Status" (ESCS) erfasst die Familienstruktur, die Bildungsabschlüsse und die Berufstätigkeit der Eltern und setzt diese in Beziehung zu den mathematischen Kompetenzen der Jugendlichen (Tabelle). Die Stärke des Zusammenhangs ist in Deutschland mit 22,8 Prozent im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch. Nur in Ungarn und Belgien ist der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und Bildung noch stärker ausgeprägt.

Wie stark auslesend das deutsche Schulsystem weiterhin ist, lässt sich an folgenden Zahlen ablesen: Etwa 45 Prozent der Schülerinnen und Schüler in den Hauptschulen kommen aus den unteren sozialen Schichten, welche die PISA-Studie im untersten ESCS-Quartil verortet. Aus dem obersten ESCS-Quartil besuchen dagegen rund die Hälfte der Schülerinnen und Schüler das Gymnasium. Auch im nationalen Bundesländervergleich der Schülerleistungen ist der familiäre Hintergrund von Schülerinnen und Schülern der stärkste Erklärungsfaktor für Bildungskompetenzen. Die Chancen für Jugendliche, das Gymnasium zu besuchen, ist in den ostdeutschen Bundesländern weniger schichtenabhängig als in den westdeutschen. Am stärksten ist der Zusammenhang zwischen Bildungsbeteiligung und sozialer Herkunft in Bayern, Rheinland-Pfalz und in Schleswig-Holstein.[9] In Bayern haben Kinder aus einkommensstarken Familien eine 6,65-mal so große Chance, das Gymnasium zu besuchen, wie Kinder aus Arbeiterhaushalten. Im internationalen wie im Bundesländervergleich zeigt sich, dass gerade Jugendliche aus den unteren sozialen Schichten zu den Bildungsverlierern im deutschen Schulsystem zählen.

Neben der sozialen Herkunft ist der "Migrationshintergrund" der Jugendlichen mitentscheidend für die Bildungskarriere. In den internationalen Vergleichstests und im nationalen Bundesländervergleich zeigt sich, dass in Deutschland Schülerinnen und Schüler nichtdeutscher Herkunft ein geringeres Bildungsniveau erreichen.[10] Leistungsunterschiede zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund können in allen Staaten festgestellt werden. In Deutschland fällt jedoch auf, dass Jugendliche aus zugewanderten Familien der ersten Generation schlechter abschneiden als Jugendliche aus Migrantenfamilien, die noch nicht als ansässig gelten können - obwohl Erstere doch in Deutschland geboren sind und dort ihre Schulzeit verbracht haben. Die schulischen Bildungsmöglichkeiten werden somit nicht nur durch die soziale Herkunft, sondern auch durch den Migrationshintergrund massiv begrenzt, wobei soziale Herkunft und Migrationshintergrund stark miteinander korrelieren. Die starke Kopplung der sozialen Herkunft mit Bildungserfolgen in Deutschland verweist darauf, dass in Deutschland Chancengerechtigkeit und Kompetenzerwerb ungünstig kombiniert sind. Der internationale Vergleich zeigt hierbei, dass andere Länder besser in der Lage sind, Jugendliche aus unterschiedlichen Sozialgruppen an ein höheres Kompetenzniveau heranzuführen. Das Leistungspotenzial von Kindern aus den unteren Schichten kann das deutsche Bildungswesen nicht wirklich ausschöpfen. In Deutschland werden Ungleichheiten zum großen Teil institutionell erzeugt. Ursachen hierfür sind die frühe Selektion im deutschen Schulsystem und das Unvermögen des dreigliedrigen Schulsystems, soziale Ungleichheiten auszugleichen.

Fußnoten

1.
Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), 17. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes, Berlin 2004; BMBF, Grund- und Strukturdaten 2005, Berlin 2005.
2.
Vgl. Walter Müller/Dietmar Haun, Bildungsungleichheit im sozialen Wandel, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 46 (1994) 1, S. 1 - 42; Walter Müller/Reinhard Pollak, Weshalb gibt es so wenige Arbeiterkinder in Deutschland?, in: Rolf Becker/Wolfgang Lauterbach (Hrsg.), Bildung als Privileg?, Wiesbaden 2004, S. 311 - 352.
3.
Vgl. Rainer Geißler, Die Illusion der Chancengleichheit im Bildungssystem - von PISA zerstört, in: Zeitschrift für Sozialisationsforschung und Erziehungssoziologie, 24 (2004) 4, S. 362 - 380. Verbesserte Bildungschancen der Frauen bedeuten jedoch nicht, dass Bildungserfolge von Frauen sich adäquat in Arbeitsmarkt- und Einkommenserfolge umsetzen.
4.
Vgl. ebd.
5.
Vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung, Bildung in Deutschland, Bielefeld 2006.
6.
Vgl. BMBF 2004 (Anm. 1), S. 136ff.
7.
Vgl. W. Müller/R. Pollak (Anm. 2), S. 346.
8.
Vgl. Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.), Pisa 2003, Münster 2005.
9.
Vgl. Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.), PISA 2003. Der zweite Vergleich der Länder in Deutschland, Münster 2005.
10.
Vgl. OECD, Where immigrants students suceed - A comparative review of performance and engagement in PISA 2003, Paris 2006; 27 Prozent der unter 25-Jährigen, die das Bildungswesen durchlaufen, sind Jugendliche mit Migrationshintergrund. Vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung (Anm. 5), S. 138ff. Rund 19 Prozent der ausländischen Jugendlichen verließen nach dem Schuljahr 2003/04 das Schulsystem ohne Schulabschluss, bei den deutschen Jugendlichen lag der Anteil bei etwa 7 Prozent, in: http://www.destatis.de/basis/d/biwiku/schultab16.php (5.4. 2006).