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23.10.2006 | Von:
Jutta Allmendinger
Rita Nikolai

Bildung und Herkunft

Bildungspolitik als präventive Sozialpolitik

Die deutschen Ergebnisse stimmen bildungs- und gesellschaftspolitisch bedenklich. Der soziale Status prägt hierzulande nicht nur den Bildungserfolg, sondern auch die späteren Berufsaussichten der Kinder und ihre soziale Integration. Diese "Sozialvererbung" der Bildungschancen ist in anderen europäischen Ländern, allen voran in den skandinavischen Staaten, markant weniger ausgeprägt. Bildungsungleichheiten setzen sich auch bei der beruflichen Integration fort. Die zunehmende Flexibilisierung der Arbeit wird in Zukunft noch mehr hochqualifizierte Arbeitskräfte als heute erfordern. Jugendliche aus bildungsfernen Schichten und mit Migrationshintergrund drohen sich zu einer neuen Bildungsunterschicht zusammenzuballen. Die starke Korrelation zwischen einer geringen Qualifikation und Arbeitslosigkeit zeigt, dass Bildungsförderung auch eine präventive Beschäftigungspolitik ist. Junge arbeitslose Erwachsene rekrutieren sich zu einem großen Teil aus Jugendlichen ohne Schulabschluss oder mit einfachen Abschlüssen.

Die Unterausbildung ist hierbei nicht nur inhuman, sondern auch wirtschaftlich höchst ineffizient, da Geringqualifizierte überdurchschnittlich stark von Arbeitslosigkeit betroffen sind und durch staatliche Transferzahlungen unterstützt werden müssen. Der Zusammenhang von Bildung und Sozialpolitik ist - im Gegensatz etwa zu den angelsächsischen Ländern - in Deutschland immer noch nicht erkannt worden.[11] Im angelsächsischen Verständnis der Sozialpolitik wird Bildung und Soziale Sicherung als ein einheitliches Konzept verstanden,[12] während in Deutschland beide Bereiche nicht unter dem Begriff der Sozialpolitik zusammen gesehen werden.

Mit Blick auf die Gesamtstruktur des Sozialbudgets zeigt sich, dass ein Großteil des deutschen Sozialbudgets in sozialpolitische Sektoren mit einem eher geringen Zukunftsprofil fließt, wie etwa in die hohen Ausgaben für die Alterssicherung, deren Ausgabenhöhe nur noch von der Schweiz und Griechenland übertroffen werden.[13] Zukunftsorientierte Leistungen, zu denen neben den Ausgaben für Familien auch die Leistungen für Bildung und Forschung gehören, weisen dagegen eine relativ geringe Finanzierung auf. Anders sieht es in den USA, Kanada, Australien und Neuseeland aus, die zwar ein deutlich geringes Sozialbudget aufweisen, jedoch relativ viel in die zukunftsorientierten Politikfelder Bildung und Forschung investieren. In den angelsächsischen Ländern fließt somit mehr Geld in die Bildung als in die Sozialpolitik. Gleichermaßen hoch sind die Sozial- und die Bildungsausgaben in den skandinavischen Ländern.[14] Es verwundert insgesamt nicht, dass diese Ländergruppen mit ihrer zukunftsgerichteten Staatstätigkeit bei den PISA-Ergebnissen wesentlich besser abschneiden und auch der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungskompetenzen weniger stark ausgeprägt ist als in Deutschland. Seit Jahren stagnieren die Bildungsausgaben in Deutschland - und das bei gleichzeitig immer höheren Aufwendungen für die Sozialpolitik, deren Zuwächse vor allem auf höhere Ausgaben für die Alterssicherung und die Gesundheitspolitik zurückzuführen sind. Festzuhalten bleibt, dass Bildung in Deutschland nach wie vor einen anderen gesellschaftlichen Stellenwert hat als in anderen Ländern. Bildung wird hierzulande noch viel zu wenig im Sinne einer präventiven - und produktiven, eben investiven - Sozialpolitik gesehen.

Fußnoten

11.
Vgl. John Baldock/Nick Manning/Sarah Vickerstaff (Hrsg.), Social Policy, Oxford 2003. Den Zusammenhang zwischen Bildungs- und Sozialpolitik erfasst das Konzept der Bildungsarmut. Vgl. Jutta Allmendinger/Stephan Leibfried, Bildungsarmut. Zum Zusammenhang von Sozialpolitik und Bildung, in: Michael Opielka (Hrsg.), Bildungsreform als Sozialreform, Wiesbaden 2005, S. 45 - 60.
12.
Das sieht man am besten bei Thomas H. Marshall, Staatsbürgerrechte und soziale Klassen, in: ders., Bürgerrechte und soziale Klassen. Zur Soziologie des Wohlfahrtsstaates (hrsg. von Elmar Rieger), Frankfurt/M. 1992, S. 33 - 94. Marshall verwendet in diesem Aufsatz aus dem Jahr 1949 mehr Seiten auf das Bildungssystem als auf das System der sozialen Sicherung insgesamt.
13.
Vgl. OECD, Social Expenditure Database, Paris 2004.
14.
Vgl. Manfred G. Schmidt, Warum Mittelmaß? Deutschlands Bildungsausgaben im Vergleich, in: Politische Vierteljahresschrift, 43 (2002) 1, S. 3 - 19.