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23.10.2006 | Von:
Jutta Allmendinger
Rita Nikolai

Bildung und Herkunft

Aktuelle Reformansätze

Forderungen nach höheren Investitionen in das Bildungswesen stehen schon seit längerem auf der bildungspolitischen Agenda. Eine Erhöhung der Bildungsausgaben allein würde nicht zwangsläufig zu besseren Schülerleistungen führen. Wie die Tabelle auf Seite 34 zeigt, erreicht es eine Vielzahl von Ländern mit geringeren öffentlichen Bildungsausgaben, dass die Bildungsungleichheit zwischen Kindern verschiedener sozialer Herkunft geringer ausfällt. Es kommt neben einer verbesserten finanziellen Ausstattung also auch auf institutionelle Strukturreformen an. An umfassenden Förder- und Betreuungsangeboten zur Vermeidung ungleicher Bildungschancen fehlt es nach wie vor weitgehend. Das Ziel, die Bildungschancen von der sozialen Herkunft abzukoppeln, kann nur über eine integrierte Bildungs- und Sozialpolitik erreicht werden. Neben einem durchlässigeren Schulsystem, das auch Spätentwicklern eine Chance für den Bildungserwerb bietet, ist eine verbesserte Infrastruktur im Bildungswesen erforderlich, etwa durch den Ausbau der frühkindlichen Bildung, ein breiteres Netz anKinderkrippen und Vollzeit-Kindergärten und durch den konsequenten Ausbau von Ganztagsschulen. In der aktuellen Diskussion zur Verbesserung der Bildungschancen im deutschen Bildungswesen werden ferner eine gezielte Sprachförderung und auch Studiengebühren gefordert. Wie könnten sich solche Reformansätze in der Familien- und Bildungspolitik auf den festgestellten Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildung auswirken? Dieser Frage soll nun nachgegangen werden.

Nicht zuletzt aufgrund des schlechten Abschneidens deutscher Schüler in internationalen Vergleichen von Schülerleistungen - so in den PISA-Studien - hat die Ganztagsschule eine Renaissance in der Diskussion um mögliche institutionelle Reformen erlebt. Dadurch können zum einen Ziele wie die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf[15] erreicht werden, zum anderen stellen bildungspolitische Argumente das deutsche Modell der Halbtagsschule zunehmend in Frage.[16] Nur etwa fünf Prozent der allgemeinbildenden Schulen in Deutschland sind Ganztagsschulen, in anderen Ländern ist es dagegen selbstverständlich, dass Schülerinnen und Schüler auch nachmittags unterrichtet werden. Nach der ersten PISA-Studie (2000) schneiden die Länder mit Ganztagsschulen besser ab als etwa Deutschland mit seinem Modell der Halbtagsschulen. PISA hat gezeigt, dass die Rahmenbedingungen für eine individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler verbessert werden müssen, damit die Bildungsbarrieren im deutschen Bildungswesen langfristig verringert und soziale Ausgrenzungen verhindert werden können. Die Vorteile eines Ganztagsschulmodells liegen insoweit auf der Hand: Durch ein Mehr an Zeit für einen anspruchsvollen Unterricht und eine gute Betreuung können sowohl leistungsschwache Schüler und Hochbegabte individuell gefördert als auch Migranten durch Sprachkurse besser integriert werden. In der Debatte um eine stärkere individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen wird aktuell die gezielte Sprachförderung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im vorschulischen Bereich diskutiert. Im Vordergrund steht vor allem die frühe Sprachförderung, um die sprachlichen Defizite von Migrantenkindern noch vor Einschulungsbeginn zu beseitigen und ihnen damit gleichwertige Startchancen beim Schuleintritt zu ermöglichen. Hier hat Bayern als erstes Bundesland im April 2006 einen Deutschtest für Grundschüler eingeführt.[17]

Mit dem Investitionsprogramm des Bundes "Zukunft Bildung und Betreuung", durch das den Ländern bis 2007 rund vier Milliarden Euro zur Verfügung gestellt werden, damit sie ein bedarfsgerechtes Angebot an Ganztagsschulen schaffen können, sollen benachteiligte Kinder zusätzlich gefördert werden. Die Gefahr ist allerdings groß, dass angesichts der leeren Kassen im Bildungswesen der Ausbau der Ganztagsschulen in den Kinderschuhen stecken bleibt, insbesondere da das Bildungswesen und damit die Einrichtung von Ganztagsschulen in die Kulturhoheit der Länder fällt. Die Kulturhoheit der Bundesländer, parteipolitisch-ideologische Präferenzen und Unterschiede in der Finanzkraft der Länder haben bislang weniger zu einer Vereinheitlichung als zu einer Differenzierung in der Qualität der Schultypen und in den Abschlüssen geführt, so dass im Zuge der Föderalismusreform eher ein ausufernder Bildungsföderalismus mit zusätzlichen Spreizungen zu befürchten ist.

Eine weit reichende und auch nachhaltige Reform im Bildungsbereich erfordert ein Bildungskonzept aus einem Guss, die Ergebnisse der Föderalismusreform weisen jedoch in eine andere Richtung. Da der Bund im Zuge der Föderalismusreform die Rahmengesetzgebung für das Hochschulwesen, die Bildungsplanung und das Instrument der Mischfinanzierung aufgegeben hat, wird sein Handlungsspielraum für Initiativen eingeschränkt sein. Vor allem die Mehrkosten für die Personalaufwendungen, die sich nach Schätzungen auf rund 30 Prozent belaufen, werden die Ländern nur schwer schultern können. Nach wie vor ist die Finanzierung ungeklärt, etwa ob der Bund durch eine einmalige Anschubfinanzierung den Ausbau der Ganztagsschulen unterstützt oder ob dies fortlaufend und regelmäßig erfolgen soll. Ebenso ist unklar, wie die historisch gewachsene Vielzahl von freien Trägern in der Freizeitgestaltung und bei den Erziehungsaufgaben in die Ganztagsschulen eingebunden werden kann, um Synergieeffekte zu erzeugen. Insgesamt kann festgehalten werden, dass die Diskussion um den Ausbau der Ganztagsschulen bislang wohl mehr von wahlpolitischen Kalkülen als von einem wirklichen, nachhaltigen Reformwillen geprägt wird.

Ein seit Jahren stark diskutiertes Thema ist die Einführung von Studiengebühren an den deutschen Hochschulen. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Januar 2005, in dem das Verbot von Studiengebühren für verfassungswidrig erklärt wurde, können die Bundesländer nun Studiengebühren erheben. Ein wesentlicher Streitpunkt bei der Ausgestaltung dieser Gebühren besteht darin, wie sie sozialverträglich gestaltet werden können. Nach wie vor entscheidet die soziale Herkunft darüber, wer ein Studium aufnimmt. Laut der 17. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes begannen 2003 nur 12 Prozent der jungen Erwachsenen aus einkommensschwachen, bildungsfernen Familien ein Studium, vier Fünftel der Studierenden kamen dagegen aus einkommensstarken Haushalten.[18] Diese Zahlen zeigen, dass das Potenzial der nicht genutzten Begabungsreserven bislang nicht annähernd ausgeschöpft ist. Im internationalen Vergleich ist die Abschlussquote im Tertiärsektor nach wie vor gering. Mit nur 20,6 Prozent liegt die Absolventenrate Deutschlands 2004 deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 34,8 Prozent. Besonders hoch ist der Anteil von jungen Erwachsenen mit akademischen Abschlüssen in Australien (46,5 Prozent), Großbritannien (39,3 Prozent), aber auch in den USA (33,6 Prozent) - und das in all diesen Ländern trotz Studiengebühren.[19]

Das deutsche Bildungswesen steht vor der Herausforderung, das Qualifikationsniveau anzuheben und mehr Hochqualifizierte ausbilden zu müssen. Angesichts des drohenden Fachkräftemangels muss die Zahl der Hochschulabsolventen langfristig erhöht werden, dabei darf das Bildungspotenzial von Kindern aus bildungsfernen Schichten aber nicht verschenkt werden. Die bisherige Gebührenfreiheit und das seit rund drei Jahrzehnten existierende staatlich finanzierte BAföG konnten nicht ausreichend dafür sorgen, dass junge Erwachsene aus einkommensschwachen Familien studierten.

Mit Blick auf die Verteilungsgerechtigkeit sei auf Folgendes hingewiesen: Das deutsche Hochschulsystem ist weitgehend steuerfinanziert, das heißt es wird überwiegend durch die unteren bis mittleren Einkommensgruppen finanziert. Tatsächlich studieren aber vor allem Kinder aus den oberen sozialen Schichten. Beobachter fürchten nun, dass die Einführung von Studiengebühren junge Menschen aus einkommensschwachen Familien noch stärker vom Studium abhalten könnte. Im Gegensatz zu den USA oder Australien hat Deutschland kein weit ausgebautes Stipendiensystem. Mit rund 150 Stipendiengebern und zwölf Begabtenförderungswerken werden hierzulande nur etwa zwei Prozent der Studierenden unterstützt. Da sich daran in kurzer Zeit nichts ändern wird, ist die Einführung eines sozialverträglichen Finanzierungssystems notwendig, das es jedem jungen Erwachsenen erlaubt, unabhängig vom Einkommen der Eltern zu studieren. Instrumente hierfür könnten Bildungskredite sein, um Studierenden aus einkommensschwachen Familien die notwendige Kreditwürdigkeit zu verschaffen. Diese müssen Zugang zu Darlehen erhalten, die sie nach dem Studienabschluss im Laufe ihres Erwerbslebens zurückzahlen können. Unabhängig davon, ob Studiengebühren gerecht sind oder nicht, kann ein sozialverträgliches Finanzierungssystem etwa in Form von darlehensfinanzierten Hochschulgebühren gewährleisten, dass potenzielle Studenten ohne Rücksicht auf das Einkommen der Eltern ein Studium aufnehmen können. Ohne grundlegende Veränderungen können jedoch auch Studiengebühren die Bildungschancen von Abiturienten aus einkommensschwachen Familien nicht verbessern.

Die Herausforderungen gehen über ein enges schulisches Bildungsverständnis hinaus. Derzeit ist aber noch nicht absehbar, ob die jeweiligen Reformen langfristig greifen und ob sie zu den gewünschten verbesserten Bildungschancen führen werden. Die aktuelle Bildungspolitik lässt daran eher zweifeln. Nach wie vor fehlt ein gemeinsames bildungspolitisches Konzept der Bundesländer - von einer Kooperation mit dem Bund nicht zu reden. Eher herrscht in der Bildungspolitik Kleinstaaterei vor, da die Länder im Bildungswesen eigene Wege gehen wollen: Bei gleichzeitiger Beibehaltung des dreigliedrigen Schulsystems werden dann verschiedene Konzepte zur Anwendung kommen. Unklar ist nach wie vor die Finanzierung der Ganztagsschulen, das heißt wie die Förderbedingungen an den Hauptschulen verbessert und wie Studiengebühren sozialverträglich ausgestaltet werden können. Dass der Bildungserfolg hierzulande Lebensläufe, Berufschancen und soziale Risikolagen bestimmt, schreit danach, Bildungs- und Sozialpolitik nicht getrennt voneinander, sondern als Ganzes zu sehen; es gilt, die politischen Gestaltungschancen endlich zu ergreifen.

Fußnoten

15.
Vgl. Miriam Beblo u.a., Ganztagsschulen und Erwerbsbeteiligung von Müttern - Eine Mikrosimulationsstudie für Deutschland, ZEW Discussion Paper No. 05 - 93, Mannheim 2005.
16.
Die lange Tradition der Halbtagsschule in Deutschland liegt nach Gottschall und Hagemann darin begründet, dass nach wie vor die Vorstellung bestimmend ist, dass der Schule lediglich eine Bildungsaufgabe zukommt, während die Erziehung in der Verantwortung der Familie verbleibt. Versteht man im englischen Sprachraum unter "education" Bildung und Erziehung, wird im deutschen Sprachgebrauch zwischen beidem strikt getrennt. Vgl. Karin Gottschall/Karen Hagemann, Die Halbtagsschule in Deutschland: Ein Sonderfall in Europa?, in: APuZ, (2002) 41, S. 12 - 22.
17.
Katharina Spieß u.a. konnten anhand von Daten des Sozioökonomischen Panels für Westdeutschland zeigen, dass der verpflichtende Kindergartenbesuch von entscheidender Bedeutung für den Bildungserfolg von Kindern mit Migrationshintergrund ist. Kinder von Immigranten besuchen umso häufiger die Realschule oder das Gymnasium, wenn sie im Kindergarten waren. Vgl. Katherina Spieß u.a., Children's School Placement in Germany: Does Kindergarten Attendance Matter?, IZA Discussion Paper No. 722 (2003).
18.
Vgl. BMBF 2004 (Anm. 1).
19.
Vgl. OECD, Education at a Glance, Paris 2006.