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21.9.2006 | Von:
Antonia Grunenberg

Hannah Arendts Jüdische Schriften

Eichmann und die "Banalität des Bösen"

Aus einem anderen Blickwinkel nahm Arendt das Thema des Parias und der politischen Selbstorganisierung der Juden in "Eichmann in Jerusalem" wieder auf. Sie hatte den Prozess gegen Adolf Eichmann, der 1961 in Jerusalem stattfand, im Auftrag der Zeitschrift "The New Yorker" beobachtet. Im Frühjahr 1963 erschienen ihre Beobachtungen, und später fügte sie aus den Reportagen ein Buch zusammen. Der Prozess gegen Adolf Eichmann war aus vielen Gründen ein Politikum. Im Nachhinein konnte man den Eindruck gewinnen, als habe der erst 14 Jahre alte israelische Staat ein Exempel statuieren wollen. Zum einen sollte Eichmann als der Repräsentant der Organisatoren des Massenmords abgeurteilt werden. Der Prozess sollte zum zweiten der Welt beweisen, dass der Staat Israel in der Lage war, über die Mörder am jüdischen Volk selbst zu richten, und nicht darauf warten musste, bis sich das post-nazistische Deutschland dazu verstand, die Verbrechen zu verfolgen. Er sollte drittens das jüdische Volk aus seiner Opferrolle befreien. Und schließlich sollte er den heftigen Streit zwischen den israelischen Siedlern und den Diaspora-Gemeinden in Europa beenden.

Im Bewusstsein der Nachwelt und mit Hilfe aller Beteiligten, des Angeklagten, der Zeugen, Ankläger, Richter und Verteidiger und der Presse sollte der Prozess zu einer Art zweiter, symbolischer Gründung Israels als eines starken, verteidigungsbereiten Staates werden. Daher war von vornherein eine Vermengung von Politik und Rechtsprechung angelegt. Dafür standen der Staatsgründer und Ministerpräsident David Ben Gurion, die damalige Außenministerin Golda Meir und der Staatsanwalt Gideon Hausner. Von Ben Gurion wurde erzählt, er habe vor Beginn des Prozesses gesagt: "Es geht hier nicht um ein Individuum, das in diesem historischen Prozeß auf der Anklagebank sitzt, es geht auch nicht um das Nazi-Regime allein, auf der Anklagebank sitzt der Antisemitismus durch die Geschichte hindurch."[11] Hinzu kam, dass die Ermordung des an Verhandlungen zionistischer Organisationen mit dem NS-Regime beteiligten ungarischen Funktionärs Rudolf Kastner 1957, der in den Jahren nach der Gründung Israels Regierungsmitglied gewesen war, die Emotionen geschürt hatte.

Analytisch scharf argumentierend wies Arendt auf die Ungereimtheiten hin, die die symbolische Aufladung des Prozesses mit sich brachte. Ihr fiel vor allem die Diskrepanz zwischen der Monstrosität der Massenmorde, der Perfektion ihrer Organisation und der Seichtheit des Täters auf. Sie schilderte Eichmann als intelligenten, gleichwohl denkunfähigen und phantasielosen Menschen, der der deutschen Sprache kaum mächtig sei und sich in die scheinbare Sicherheit des Amtsdeutsch seiner Jahre als Offizier flüchte. Eichmann repräsentierte für sie den durchschnittlichen Tätertypus, der das eigene Leben "schicksalhaft" und aus Karrieregründen mit dem des Regimes verband, bereit zum Morden, wann immer es befohlen wurde. Im Epilog für die deutsche Edition vermerkte sie: "Das Beunruhigende an der Person Eichmanns war doch gerade, dass er war wie viele und dass diese vielen weder pervers noch sadistisch, sondern schrecklich und erschreckend normal waren. Vom Standpunkt unserer Rechtsinstitutionen und an unseren moralischen Urteilsmaßstäben gemessen, war diese Normalität viel erschreckender als all die Greuel zusammengenommen, denn sie implizierte - wie man zur Genüge aus den Aussagen der Nürnberger Angeklagten und ihrer Verteidiger wußte -, daß dieser neue Verbrechertypus, der nun wirklich hostis generis humani ist, unter Bedingungen handelt, die es ihm beinahe unmöglich machen, sich seiner Untaten bewußt zu werden."[12]

Ihre Kritiker warfen Arendt vor, insbesondere mit dem Begriff "Banalität des Bösen" eine Verharmlosung der NS-Verbrechen zu betreiben. Tatsächlich hatte sie, auf Kant und Schelling zurückgreifend, den Begriff des Bösen in ihren früheren Essays durchaus essentialistisch, als das radikale Böse bestimmt, das aus dem Willen, Böses zu tun, entstand. Im Eichmann-Prozess schien das Böse jedoch eine andere Gestalt anzunehmen. Das Neue sah sie nicht in der Bösartigkeit des Täters, sondern in der Kombination von absoluter Sinnlosigkeit der Taten und kühler Berechnung des Täters. Mit "Banalität des Bösen" bezeichnete sie eine Dimension, die bis dahin wenig in den Blick genommen worden war: die vollständige Abwesenheit des Denkens und damit auch von Gewissen und Selbstreflexion in der Person des Täters. Eichmann war in Arendts Augen ein "normaler" Typus des modernen Menschen, eines Weltlosen, der den Bezug zu der von Menschen bewohnten Welt, als deren Teil er geboren war, verloren hatte. Mit ihrer Begriffsprägung wollte Arendt auf das Phänomen aufmerksam machen, dass "das Böse" Bestandteil einer unauffälligen Normalität sein konnte. Ein Massenmörder konnte zugleich ordentlicher Beamter und liebender Vater sein.

Ein weiterer Stein des Anstoßes in ihrem Buch lag in der Frage, ob nicht die Ermordung der europäischen Juden auch Folge des Umstands war, dass die europäischen Juden sich über die Jahrhunderte in einen Zustand der politischen Ohnmacht hatten drängen lassen, dem mörderischen Antisemitismus seit Ende des 19. Jahrhunderts keinen Widerstand entgegensetzen konnten und schließlich zu Teilen sogar in die Situation gerieten, mit ihren Mördern unfreiwillig zu kooperieren. Die Grundlage für diese These hatte sie in ihrem Buch "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" gelegt.

Erregt ihr Urteil über Eichmann als Verkörperung der "Banalität des Bösen" bis heute immer wieder Unwillen, so stieß erst recht die Art und Weise, wie Arendt mit der erzwungenen Kooperation der Judenräte und anderer jüdischer Organisationen beim Massenmord umging, auf heftige Kritik. Auf einen Schlag hatte Arendt die Jewish Community gegen sich. Es erschienen hoch emotionale, ja hasserfüllte Gegendarstellungen. Eine öffentliche Kampagne wurde gestartet. Landesweit wurden Veranstaltungen zu Arendts Berichten organisiert. Stil und Ton, mit denen sie die "Geschäftsverhandlungen" zwischen den nationalsozialistischen Institutionen und den jüdischen beziehungsweise zionistischen Hilfsorganisationen schilderte, wurde als "Verhöhnung der Opfer" wahrgenommen.

Der Ton, den Arendt anschlug, war distanziert, ironisch, sarkastisch; er sollte nicht erkennen lassen, welche Gefühle die Autorin bewegten. Diese fehlenden Gefühle aber klagten ihre Kritiker sowohl gegenüber den ermordeten Juden als auch gegenüber den unfreiwilligen jüdischen "Helfern" der Nationalsozialisten ein. Gershom Scholem, ihr Freund aus alten Tagen, der ihr die Kritik am zionistischen Establishment nie verziehen hatte, warf ihr einen "herzlose(n), ja oft geradezu hämische(n) Ton" vor. Sie habe einen "Stil der Leichtherzigkeit" gepflegt. Ihr mangele es an "Herzenstakt", denn sie liebe das jüdische Volk nicht. Sie habe "kein abgewogenes Urteil, sondern vielmehr ein oft ins Demagogische ausartendes Overstatement".[13]

Für ihre weitere Arbeit hatte die Kontroverse um das Buch einschneidende Folgen: Ausgehend von der Person Eichmanns beschäftigte sich Arendt zeit ihres Lebens mit Phänomenen wie: Gewissen, Urteilskraft, Verantwortung. Noch in ihrem letzten, Fragment gebliebenen Buch "Vom Leben des Geistes" gab sie als Anlass für ihre Beschäftigung mit den Grundtätigkeiten des menschlichen Geistes - Denken, Wollen und Urteilen - ihre Begegnung mit der Banalität des Bösen in der Gestalt Eichmanns an.

Zum anderen entwickelte sie jenen anderen Gedanken weiter, den sie seit ihren frühen Essays zum Zionismus herausgearbeitet hatte - Der Sinn des menschlichen Daseins ist Freiheit, eine Freiheit der Selbstbestimmung und des politischen gemeinsamen Handelns -, und arbeitete ihn für verschiedene geschichtliche und aktuelle Kontexte aus.

Fußnoten

11.
Zit. nach Daniel Bell, The Alphabet of Justice. Reflections on "Eichmann in Jerusalem", in: Partisan Review, 30 (1963) 3, S.421.
12.
Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem, Leipzig 1986, S. 425.
13.
Gerhard Scholem an Hannah Arendt, Brief vom 23.6. 1963, in: Hannah Arendt, Nach Auschwitz. Essays und Kommentare 1, hrsg. von Eike Geisel/Klaus Bittermann, Berlin 1989.