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Jubelnd laufen drei junge Ost-Berliner am 10.11.1989 durch einen Berliner Grenzübergang.

23.8.2019 | Von:
Ilko-Sascha Kowalczuk

Das Ende der DDR 1989/90. Von der Revolution über den Mauerfall zur Einheit

Neue Erfahrungen

Der Wahlausgang am 18. März bedeutete eine politische, wirtschaftliche und sozialpolitische Richtungsentscheidung. Die eingeschlagene Richtung wurde durch die Verträge, die zum 1. Juli 1990 die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion einleiteten, bestätigt und durch den Einigungsvertrag langfristig befestigt. Die "Schockwirkungen"[3] dieser Entwicklungen wurden ab Sommer 1990 sichtbar, erstreckten sich über die nächsten Jahre und spitzten sich sozial immer weiter zu. Die Revolution hatte ihr institutionelles Korsett gefunden. Künftige Historikerinnen und Historiker werden darüber zu befinden haben, wann die Vereinigungsgeschichte "beendet" war – wahrscheinlich im ersten Dezennium des 21. Jahrhunderts.[4]

Der DGB-Vorsitzende Heinz-Werner Meyer brachte Anfang August 1990 auf den Punkt, was sich seit 1. Juli 1990 in der DDR abspielte: Ihm käme es so vor, als würde versucht werden, während einer rasanten Autofahrt die Reifen zu wechseln.[5] Die soziale Problemlage baute sich in der DDR schneller auf als erwartet – aber der allgemein herrschende zukunftsorientierte Optimismus in der ostdeutschen Gesellschaft schien ungebrochen. Dies wurde befördert durch Bilder von rasch "blühenden Landschaften" im Osten und dem noch im Sommer 1990 von der Bundesregierung gebetsmühlenartig wiederholten "Versprechen", die Lohn- und Lebensniveauanpassung an die alte Bundesrepublik würde in drei bis fünf Jahren erreicht sein.

1989 wies die DDR 9,7 Millionen Beschäftigte auf, Ende 1993 waren es noch 6,2 Millionen. Bereits im Laufe des ersten Halbjahres 1990 stieg die Zahl an Arbeitslosen rasch. Waren im Januar offiziell 7.440 Menschen arbeitslos, lag deren Zahl im Juni schon bei 142.096. Dieser Trend verstärkte sich ab 1. Juli 1990. Ende Juli stieg die Zahl der Arbeitslosen auf 272.017, im September auf 444.856 und zum Jahresende auf 642.000. Auf Kurzarbeit waren Ende September bereits 1.728.749 Menschen. Der Anteil der Facharbeiter bei den Arbeitslosen betrug etwa zwei Drittel, hinzu kamen noch rund 20 Prozent un- oder angelernte Arbeiter. Über die Hälfte der Arbeitslosen waren weiblich, im Laufe des Jahres 1991 begann der Anteil zwei Drittel zu erreichen, sodass doppelt so viele Frauen erwerbslos gemeldet waren als Männer. Die Verlierer(innen) waren Arbeiterinnen.

Dieser Arbeitsmarktrend wurde dadurch noch verschärft, dass im Herbst 1990 die Arbeitslosenquote im alten Bundesgebiet auf den niedrigsten Stand seit 1981/82 sank, zugleich die Konjunktur im Westen deutlich angekurbelt wurde, das Bruttoinlandsprodukt stieg, während es im Osten dramatisch einbrach. Der arbeitsmarktpolitische Kontrast zwischen Ost und West hätte 1990/91 größer kaum sein können – ein Kontrast, der in den 1990er Jahren bestehen blieb, obwohl es ab 1993 im alten Bundesgebiet ebenfalls zum Konjunktureinbruch und zum signifikanten Anstieg der Arbeitslosenzahlen kam.

Hinzu kommt noch, dass die statistisch errechnete Arbeitslosenquote für den Zeitraum 1990 bis 1994 die reale Arbeitslosigkeit nur sehr unzureichend erfasst: Letztere war jedoch entscheidend für ostdeutsche Wahrnehmungen des Einheitsprozesses. Einerseits setzte sie die Erwerbstätigen erheblich unter Stress, weil Arbeitslosigkeit als Gefahr über fast allem schwebte. Andererseits bedeuteten gerade Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM), Umschulungsmaßnahmen oder Kurzarbeit in der ersten Hälfte der 1990er Jahre oft nichts anderes, als real arbeitslos zu sein oder zu werden. Die Maßnahmen brachten oft nichts und frustrierten nur noch mehr, Hunderttausende durchwanderten mehrere ABM oder Umschulungen, um nach Auslaufen der "Förderungen" endgültig und nunmehr offiziell arbeitslos zu werden.

Besondere Formen der Arbeitslosigkeit, die für den mentalen Teil des Vereinigungsprozesses meist unterschätzt werden, finden gar keinen Eingang in die Statistiken: Die Vorruhestandsregelungen zum Beispiel haben ganze Jahrgänge der über 55-Jährigen aus dem Arbeitsprozess herausgelöst, sodass sie in den offiziellen Statistiken gar nicht als arbeitslos gelten. Aber auch Männer und Frauen im Rentenalter, von denen in der DDR 1989 etwa 15 Prozent noch arbeiteten, berücksichtigt keine Statistik. Weitere Phänomene waren die hohe Zahl befristeter Arbeitsverträge sowie Teilzeitbeschäftigungsverhältnisse. Hinzu kam, dass noch 1990 der Ausbildungsmarkt im Osten dramatisch einbrach und so ein Teil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen statistisch unberücksichtigt blieb. Mit anderen Worten: Die Arbeitslosenstatistiken spiegeln nur einen Teil jener Problemlage, die für die sozialgeschichtliche Betrachtung des Transformationsprozesses entscheidend ist. Ganz zu schweigen davon, was das bisher unbekannte Damoklesschwert reale oder drohende Arbeitslosigkeit für die betroffenen Familien psychisch hieß, selbst wenn nur eine Person betroffen war. Es gab wohl kaum eine ostdeutsche Familie, die in den 1990er Jahren nicht davon betroffen war: ein Phänomen, das in keiner Lebensplanung vorgesehen war.

Die Sozialstruktur Ostdeutschlands veränderte sich grundlegend: "Nach der Vereinigung hat sich das Wachstum des tertiären Sektors [Dienstleistungsbereich] zu Lasten des sekundären Sektors [Industrie und Handwerk] und des bereits stark geschrumpften primären Sektors [Landwirtschaft] fortgesetzt. Die erhebliche Tertiärisierungslücke der DDR – diese hinkte um ca. 25 Jahre hinter der Bundesrepublik her – wurde quasi über Nacht beseitigt. Im Zuge der schmerzlichen Krisen der ostdeutschen Industrie und Landwirtschaft wurde eine Entwicklung, die in Westdeutschland 25 Jahre gedauert hatte, innerhalb von drei Jahren nachgeholt."[6]

1989/90 galt in Ostdeutschland etwa die Hälfte aller Beschäftigten als "Arbeiter". Schnell war es weniger als ein Viertel – der ostdeutsche Arbeiter war bereits bis 1994 aus seiner sozialstrukturellen Dominanzrolle zur sozialstrukturellen Minorität geschrumpft, deren Zukunftsaussichten nicht sonderlich rosig waren. Diese Entwicklung entspricht einem Trend in westlichen Industriegesellschaften. Der Transformationsprozess hat diese Entwicklung radikal befördert, ist dafür aber nicht allein verantwortlich. Hier zeigte sich bereits eine andere Tendenz: In Ostdeutschland hatte sich der Wandel in einer radikalen Beschleunigung gezeigt, wie es bislang in der westlichen Welt untypisch war. Erst Jahre später sollte sich erweisen, dass das Tempo der Veränderungen in Ostdeutschland nicht etwas ganz Spezifisches gewesen war, sondern im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung allgemein typisch werden sollte.[7] Die nachholende Modernisierung war so auch zu einem vorausgehenden Entwicklungstrend geworden, zumindest was die Geschwindigkeit anbelangte.

Fußnoten

3.
Jan Priewe/Rudolf Hickel, Der Preis der Einheit. Bilanz und Perspektiven der deutschen Vereinigung, Frankfurt/M. 1991, S. 91.
4.
Vgl. ausführlich Ilko-Sascha Kowalczuk, Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde, München 2019.
5.
Zit. nach Ulrike Füssel, Ein Reifenwechsel in voller Fahrt. Die Lage in den DDR-Betrieben ist schlimmer als befürchtet, in: Frankfurter Rundschau, 8.8.1990.
6.
Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands. Aktuelle Entwicklungen und theoretische Erklärungsmodelle, Bonn 2010, S. 16.
7.
Vgl. etwa Hartmut Rosa, Beschleunigung, Frankfurt/M. 200511; ders., Unverfügbarkeit, Wien-Salzburg 2018; ders., Beschleunigung und Entfremdung, Berlin 20186.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Ilko-Sascha Kowalczuk für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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