Jubelnd laufen drei junge Ost-Berliner am 10.11.1989 durch einen Berliner Grenzübergang.

23.8.2019 | Von:
Ilko-Sascha Kowalczuk

Das Ende der DDR 1989/90. Von der Revolution über den Mauerfall zur Einheit

Hoffnungen und Erwartungen

Kohls aus Anlass der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli 1990 in einer Fernsehansprache geäußerte Zuversicht, es würde niemandem schlechter gehen als zuvor und überall würden "blühende Landschaften" entstehen, entsprach exakt den Vorstellungen der allermeisten Menschen im Osten, die am 18. März 1990 für die Allianz gestimmt hatten. Genug der Experimente, genug der Schaufenster, nun endlich wollte eine übergroße Mehrheit selbst im Schaufenster leben.

Im Prinzip hätte man bereits an diesem Wahlabend ahnen können, was das eigentlich für die Zukunft des Landes hieß: Wenn eine Gesellschaft sich der Diktatur entledigt, ein großer Teil befreit wird, nur der kleinere Teil sich selbst befreit hat und zugleich dem großen Teil die neue Freiheit schenkt, ohne dass dieser etwas dafür tun musste, ohne dass dieser anschließend irgendetwas tun muss, dann kann das nicht folgenlos bleiben. Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit hatten 1990 in Ostdeutschland von Anfang an einen schweren Stand, weil die offene Gesellschaft als Geschenk "von oben" für die Mehrheit daherkam und "von unten" sie nur von einer Minderheit angestrebt worden war. Hinzu kam, dass die ersten Erfahrungen mit dem neuen Staat für viele Menschen unerfreulich waren: Arbeits- und Sozialämter sowie Institutionen des Rechtsstaats. Zudem saßen in fast allen wichtigen Führungspositionen bald schon Personen aus dem Westen, die nicht selten wenig Verständnis für die anders gelagerten Erfahrungen der ihnen nun unterstellten Ostdeutschen aufbrachten.[8] Sozialpsychologisch gesehen, geht der Mensch mit dem Selbsterrungenen, dem Selbsterkämpften sorgsamer um, ist es eher bereit zu verteidigen, als wenn ihm etwas geschenkt wird. Hinzu kam, dass Millionen Menschen sich nun in einem System zurechtfinden mussten, das ihnen nie jemand erklärt hat, und auch später vielen nie erklärt wurde.

Der Wahlausgang am 18. März 1990 war ein Hinweis, wie stark die ostdeutsche Gesellschaft bereit war, die Diktatur gegen neue Heilsversprechen einzutauschen. Ganz offenkundig hatte der Osten die "Schnauze voll" von "Zukunft". Kaum jemand hatte Lust, erneut auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu warten. Die Zukunft sollte jetzt und heute beginnen. Kanzler Kohl war der gute Onkel aus dem Westen, der die Geschenke verteilen würde. Freiheit und Demokratie hieß für die meisten lediglich, "richtiges Geld" zu besitzen. Im Prinzip war das eine Situation, in der Kohl als neuer Patriarch agieren musste – selbst wenn er es nicht gewollt hätte.

In das Jahr 1989 gingen die meisten Ostdeutschen hoffnungslos – ohne Hoffnung, dass sich bald etwas ändern würde. Nur eine kleine Minderheit engagierte sich für Veränderungen. Eine größere Minderheit war so hoffnungslos, dass sie wegging, flüchtete und große Gefahren für das eigene Leben in Kauf nahm. Von diesem Staat war nichts zu erwarten, so der weitverbreitete Tenor. Am Ende des Jahres war die Überraschung, Freude bei allen, ob aktiv oder passiv, schier grenzenlos – die Hoffnungslosigkeit hatte sich in pures Glück verwandelt, für die absolut meisten Menschen ohne eigenes Zutun.

Die Gesellschaft ging dementsprechend in das Jahr 1990 und die folgende Wiedervereinigung ganz anders als in das Jahr zuvor mit sehr, sehr hohen Erwartungen. Sie waren gespeist von einem traditionellen Etatismus. Dieser neue Staat versprach dann auch das Blaue vom Himmel herunter: "D-Mark", "blühende Landschaften", "es wird niemanden schlechter gehen" – die Hochglanzkataloge der Versandhäuser und das Westwerbefernsehen schienen nicht mehr nur Schaufensterversprechen zu sein, sondern alsbald Lebensrealität. Der bundesdeutsche Staat würde dafür sorgen. Für Ostdeutsche änderte sich alles. Die kaum Grenzen kennenden Hoffnungen bargen ein sehr hohes Enttäuschungspotenzial bereits in sich, weil sich viele einer Täuschung hingaben: Der Staat würde es richten.

Für viele Ostdeutsche wurde der Westen tatsächlich zum Glück, zum Erfolg, zum erträumten oder wenigstens erwarteten Leben in Freiheit und Wohlstand. Für viele andere trat das nicht ein. Sie wurden tief enttäuscht, nicht nur, weil sie überspannte Erwartungen gehegt hatten, sondern weil sie gar keine Chance bekamen, ein Leben jenseits staatlicher Alimentierungen zu entfalten. Und viele Gruppen wurden enttäuscht: Opfer der Kommunisten, weil sie der Rechtsstaat nicht gebührend zu würdigen und entschädigen wusste. Treue SED-Systemgänger, weil sie sich benachteiligt und gedemütigt vorkamen. Arbeiter, weil sie keine Arbeit mehr fanden. Kinder, weil ihre Eltern aufgrund sozialer Nöte mental abwesend waren. Wissenschaftler, weil ihr Wissen niemand mehr zu benötigen schien. Bauern, weil die Landwirtschaft ohne sie auskam. Bürgerrechtler, weil die Bürger ihren Rat und ihr Engagement nicht würdigten, nicht benötigten. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Wie vor 1989 erscheint Ostdeutschland auch heute als eine stark fragmentierte, tief gespaltene, in sich zerrissene und zerstrittene Gesellschaft.[9] Keine Frage: Dies ist der Normalfall menschlicher Gesellschaften, aber auch ein Problem, wenn eine solche Gesellschaft in die Zukunft aufbricht. Heute fehlt dem Osten die Jugend und damit der Zukunft wichtigster Garant.

Anerkennung und Missachtung

Der größte politische Irrtum in Deutschland und Europa liegt am Beispiel Ostdeutschlands offen: Die Annahme, wer sozial befriedet und zufrieden sei, werde Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat, sprich die westlichen Werte, wie von selbst stützen, stimmt nicht. In dem Maße, in dem die Ostdeutschen sozial im Westen angekommen waren, fingen sie an, sich von ihm zu distanzieren. Zunächst nutzte dafür ein Drittel bis zur Hälfte der Gesellschaft die PDS beziehungsweise Die Linke und andere Populisten, seit Mitte der 2010er Jahre die AfD und deren Umfeld. Dieses Reaktionsmuster ist kein typisch ostdeutsches. Es lässt sich so oder ähnlich in vielen Regionen der Welt beobachten. Anerkennung und Missachtung gehen Hand in Hand. Fehlt Anerkennung, wird das als Missachtung wahrgenommen. Anerkennung ist eine Bedingung für Selbstanerkennung. Fehlende Selbstanerkennung und wahrgenommene Missachtung können in Gewalt münden.[10] Und Anerkennung ist eine oft unterschätzte Vorbedingung für Freiheit, die "als eine Art von nach innen gerichtetem Vertrauen zu verstehen" ist, "das dem Individuum Sicherheit sowohl in der Bedürfnisartikulation als auch in der Anwendung seiner Fähigkeiten schenkt".[11] Überall auf der Welt sehen wir große Gesellschaftsgruppen, die sich nicht anerkannt fühlen, die sich als zurückgesetzt wahrnehmen, die sich als ausgegrenzt bezeichnen. Es geht nicht einmal um die Frage, ob es so ist oder nicht – und meistens stimmt das durchaus –, denn tatsächlich ist die Macht von Emotionen wirkungsvoller als jede Sozialstatistik.[12] Emotionen verbinden, Statistiken sind kalt.

Ostdeutschland hat bis heute einen vergeblichen Kampf um Selbstanerkennung geführt. Die in der DDR existierende Spaltung der Gesellschaft schien 1989/90 kurzzeitig aufgehoben zu sein – doch diese Wahrnehmung war eine Illusion. Noch 1990 ist die alte Spaltung öffentlich geworden, die sich nun rasch durch neue Spaltungstendenzen aufgrund der gesellschaftspolitischen Entwicklungen erweiterte, verfestigte und zugleich von ihnen überlagert worden ist. Deswegen kann die heutige Situation in Ostdeutschland auch nicht allein mit den Jahren seit 1990 erklärt werden.[13] Die ostdeutschen Erfahrungsräume im 20. Jahrhundert parzellierten die Gesellschaft – je nachdem, wie man wo in den verschiedenen Staatssystemen stand. Der Transformationsprozess hat das verstärkt, weil die hinzugetretenen Führungskräfte fast durchweg mit anderen Erfahrungen, Einstellungen, Vorstellungen und Herangehensweisen Takt und Richtung vorgaben. Eine "Durchmischung" Ost und West fand in der Breite nicht statt, "Westler" traten vorwiegend als Vorgesetzte in Erscheinung. Die "Ostler" nahmen sich häufig als unterlegen, deklassiert und Befehlsempfänger war. Die Rolle hatten die Ostdeutschen zwar lange genug gelernt. Ihnen ist aber seit 1990 unentwegt mitgeteilt worden, sie seien nun selbst die Macher. Das wurden sie aber nicht: Weil die einen nicht konnten, die anderen nicht durften, die nächsten nicht wollten und diejenigen, die es ausfüllten, in den Augen der anderen Ostdeutschen alsbald nicht mehr als Ostdeutsche galten.

Fußnoten

8.
Siehe dazu ausführlich Kowalczuk (Anm. 4).
9.
Exemplarisch steht dafür der jüngste Streit um die Fragen, ob Gregor Gysi am 9. Oktober 2019 in Leipzig eine Festrede halten sollte oder wie der Charakter der Revolution von 1989 einzuschätzen sei. Siehe hierzu http://www.havemann-gesellschaft.de/themen-dossiers/streit-um-die-revolution-von-1989«.
10.
Vgl. Amin Maalouf, Mörderische Identitäten, Frankfurt/M. 2000.
11.
Axel Honneth, Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, Frankfurt/M. 19982, S. 278f.
12.
Vgl. Didier Eribon, Gesellschaft als Urteil. Klassen, Identitäten, Wege, Frankfurt/M. 2017.
13.
Vgl. Kowalczuk (Anm 5.).
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