Jubelnd laufen drei junge Ost-Berliner am 10.11.1989 durch einen Berliner Grenzübergang.

23.8.2019 | Von:
Greta Hartmann
Alexander Leistner

Umkämpftes Erbe. Zur Aktualität von "1989" als Widerstandserzählung

Streit der Oppositionellen

Der politische Transformationsprozess von 1989/90 lässt sich idealtypisch als Abfolge unterschiedlicher Modi politischer Beteiligung beschreiben. Der Umbruch nimmt seinen Ausgangspunkt bei der Versammlungsdemokratie der Straßenproteste im Herbst 1989. Aus der Opposition, aber auch aus der elitenkritischen und misstrauisch-politikabstinenten "Halbdistanz"[5] heraus strömten die Menschen landesweit auf die Straße. Faktisch und im überraschenden Ergebnis wurde die entstandene Bewegung durch den Sturz der SED-Diktatur damit zu einer Entmachtungsbewegung. Die Versammlungsdemokratie transformierte sich für eine kurze Zeit in eine direkte Verhandlungsdemokratie der überregionalen und lokalen Runden Tische. Diese mündete schließlich mit der Wiedervereinigung in die Implementierung von Institutionen und Verfahren der repräsentativen Demokratie. In diesem Prozess wurden die Oppositionellen marginalisiert, und die Wegbereiter der friedlichen Revolution wurden von der Geschichte überholt. Schon die Ergebnisse der ersten freien Volkskammerwahl waren für die neuen Bürgerbewegungen verheerend. Sie war zugleich ein Plebiszit für die Wiedervereinigung und die Währungsreform. Auf die Phase des unverhofften Umbruchs folgte eine Phase populistisch genährter Wohlstandserwartungen mit ebenso verheerenden Enttäuschungen. Ausgehend von dieser zunächst diffusen, ergebnisoffenen und unklaren Situation der Revolution und ihren Folgen stellen sich im Nachhinein verschiedene Fragen: Was ist das Erbe von "1989"? Welche Ereignisse werden geschichtspolitisch besonders akzentuiert? Wie sieht die alltagskulturelle Erinnerung an "1989" aus?

Innerhalb des offiziellen gesamtdeutschen erinnerungskulturellen "Inventars" variiert der Stellenwert der genannten Phasen. Die Erinnerung an die Runden Tische ist gegenüber den charismatischen Ereignissen des Herbstes weitestgehend marginalisiert. Die Erinnerung an den Aufbau der parlamentarischen Demokratie mit der Wiedervereinigung ist retrospektiv überlagert von den wirtschaftlichen Schieflagen des Transformationsprozesses: Deindustrialisierung, Abwanderung, biografischer Entwertung. Auch erinnerungskulturell ist "1989" und die "Politik der Straße" aufgewertet. Das dominante, geschichtspolitisch opportune Narrativ war und ist zugespitzt dieses: "1989" war die Selbstbefreiung eines gefangenen Volkes.

Der Streit um das Erbe von "1989" begann früh – zunächst vor allem innerhalb der verschiedenen Fraktionen ehemaliger Bürgerrechtler*innen und Oppositioneller, die sich lange Zeit als die legitimen Erben wähnten oder einander diesen Status streitig machten. Besonders eindrücklich waren für solche Statuskonflikte die Debatten um die Kandidatur des einstigen Rostocker Pfarrers Joachim Gauck als Bundespräsident. Dessen Status als Bürgerrechtler wurde von alten Weggefährt*innen aus dem Neuen Forum entweder heftig bestritten, weil Gauck als Anhänger der Wiedervereinigung die Revolution verraten und beendet habe, oder wie von Heiko Lietz, ehemaliger Sprecher des Neuen Forums, an die Bedingung geknüpft, dass Gauck in seinem neuen Amt ein wesentliches, nicht realisiertes Projekt des Zentralen Runden Tisches angehen solle: die Verabschiedung einer Verfassung für das geeinte Deutschland. "So wie im Verfassungsentwurf des Zentralen Runden Tisches der DDR aus dem Jahr 1990, dem ‚Vermächtnis der DDR-Bürgerbewegung‘, müsse laut Lietz die neue Verfassung einklagbare wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte enthalten. Wenn Gauck diese Diskussion vorantreibe, würde er das Etikett ‚Bürgerrechtler‘ inhaltlich füllen, das ihm derzeit zu Unrecht angeheftet wurde."[6]

Es lassen sich somit idealtypisch zwei geschichtspolitische Bezugnahmen auf die friedliche Revolution unterscheiden: Erinnerungskulturell dominant war lange Zeit ein konservatorischer Bezug auf "1989". Er ist das Ergebnis erinnerungskultureller Sedimentierung, die das politische Engagement in den oppositionellen Gruppen auf Widerstand und Protest gegen die SED-Diktatur reduziert. Aus dieser Perspektive hat sich die friedliche Revolution mit der Wiedervereinigung selbst erfüllt – Ende der Geschichte. Dagegen artikulierten Teile der ehemaligen Opposition aktualisierende Bezugnahmen auf "1989".[7] Aus ihrer Sicht ist die friedliche Revolution eine unabgeschlossene Geschichte steckengebliebener Reformimpulse. Oder, wie der Theologe Heino Falcke schrieb: "Sie ist unabgegolten, sie steht an unter veränderten Verhältnissen. Sie liegt vor uns. Das Gedenken weist nach vorn."[8]

Fußnoten

5.
Karl-Siegbert Rehberg, Dresden-Szenen. Eine einleitende Situationsbeschreibung, in: ders./Franziska Kunz/Tino Schlinzig (Hrsg.), PEGIDA – Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und "Wende"-Enttäuschung?, Bielefeld 2016, S. 15–50, hier S. 32.
6.
Andreas Frost, "Das Etikett Bürgerrechtler hat er zu Unrecht", 28.2.2012, http://www.tagesspiegel.de/6261414.html«.
7.
Der Begriff "Aktualisierung" zielt auf unterschiedliche verschiedene geschichtspolitische Strategien: appellative Erinnerungen an uneingelöste politische Forderungen, Parallelisierungen zwischen den historischen Ereignissen und gegenwärtigen gesellschaftlichen Zuständen und schließlich Vereinnahmungen für politische Zwecke. Gemeinsam ist diesen Strategien die Intention einer politischen Mobilisierung.
8.
Heino Falcke, Wo bleibt die Freiheit? Christ sein in Zeiten der Wende, Freiburg 2009, S. 115.
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