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Jubelnd laufen drei junge Ost-Berliner am 10.11.1989 durch einen Berliner Grenzübergang.

23.8.2019 | Von:
Greta Hartmann
Alexander Leistner

Umkämpftes Erbe. Zur Aktualität von "1989" als Widerstandserzählung

Erneute Revolution

Wie schnell sich die Machtverhältnisse in solchen geschichtspolitischen Deutungskämpfen verschieben können, zeigt das Beispiel Ungarn.[17] Anstelle des Jahres 1989 ist dort vor allem der Arbeiteraufstand von 1956 der erinnerungskulturelle Kristallisationspunkt. Dessen Interpretation (als nationaler Aufstand oder als reformkommunistische Revolution) war sehr viel stärker Gegenstand parteipolitischer Auseinandersetzungen, und das rechtskonservative Lager, allen voran Viktor Orbán, forcierte das Geschichtsbild eines nationalen Aufstands gegen die kommunistische Fremdherrschaft. Mit dieser Auslegung wurden nun die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse Ungarns (und dessen Stellung in der EU) parallelisiert und die Notwendigkeit einer erneuten Revolution begründet. Die Aktualisierung bestand hier in einem Widerstandsnarrativ, begleitet von gewaltsamen und antiparlamentarischen Protesten gegen die amtierende ungarische Regierung im Jahr 2006, die mittelfristig in die Machtübernahme Orbans (und in deren Folge zum staatlichen Rückbau von zeitgeschichtlichen Forschungsinstituten) münden sollten.

Auch in Ostdeutschland lassen sich derzeit Tendenzen feststellen, die in eine ähnliche Richtung weisen könnten. Aktuell zeichnet sich ein Kampf um die geschichtspolitische Hegemonie ab – mit ungewissem Ausgang. Die Landtagswahlkämpfe der AfD in Sachsen, Thüringen und Brandenburg sind semantisch vom Widerstandsnarrativ von "1989" geprägt. Sie stehen unter dem Motto "Wende 2.0" beziehungsweise "Wende vollenden".[18] In Wahlkampfreden wird die politische Situation von "1989" in Erinnerung gerufen, die anstehende Wahl als "friedliche Revolution" bezeichnet und zum Widerstand aufgerufen: "Ja, liebe Freunde, es fühlt sich wieder so an wie damals in der DDR. Aber das versprechen wir uns heute hier gemeinsam: Wir werden uns nie wieder in eine neue DDR führen lassen, wir werden uns nicht beugen. (…) Der Osten steht auf! Holen wir uns unser Land zurück", heißt es beispielsweise in einer Rede von Björn Höcke, die er auf einem Treffen der Gruppierung "Der Flügel", die sich innerhalb der AfD für die Stärkung völkischer und nationalistischer Inhalte einsetzt, hielt.

Dies ist mehr als bloß eine wahltaktische Instrumentalisierung. Im aktualisierten Widerstandsnarrativ verlängert sich jenes Misstrauen zwischen Regierten und Regierenden, das auch für die DDR prägend war; es bedient eine historisch tradierte Distanz und innere Abwehr gegenüber sogenannten herrschenden Eliten. Das Deutungsmuster hat in den vergangenen Jahren an Attraktivität und Resonanz gewonnen, weil es anschlussfähig für kollektivistische Homogenitätsbegehren ("das Volk") und fatalistische Weltsichten ist.

Ein Teil der Resonanz dürfte auch – so unsere These – darin gründen, dass es innerhalb der ostdeutschen Bevölkerung konkurrierende Vorstellungen von Demokratie gibt, die auf die Erfahrungen in der DDR und auf die Ereignisse von 1989 bezogen sind. Die offizielle, erinnerungskulturelle Dominanz der Befreiungs- und Entmachtungserzählung und die politisch-historische Erinnerung an die Straßenproteste haben die "Politik der Straße" selbst charismatisch aufgeladen und die Erinnerung an die Demokratisierungsprozesse "1989" tendenziell vereinseitigt. Derlei Vereinahmungen blieben vonseiten ehemaliger Oppositioneller nicht unwidersprochen. Schon mit dem Aufkommen von Pegida gab es deutliche Abgrenzungen – ebenso, wie auch zuletzt, gegenüber dem Wahlkampf ostdeutscher AfD-Landesverbände. Allein die Resonanz öffentlicher Abgrenzungserklärungen dürfte bescheiden sein – auch das unterscheidet die heutige Gesellschaft von der DDR, wo ein in westdeutschen Medien veröffentlichter Appell von Oppositionellen ein machtvolles Instrument gewesen war.[19]

Das Jubiläumsjahr 2019 hat damit eine besondere Brisanz bekommen: Es markiert auch die Renaissance einer "Demokratie der Straße",[20] die – legitimiert durch die "Eigenvollmacht" des auf der Straße angeblich versammelten und repräsentierten "Volkswillens" – (wieder) auf die Entmachtung politischer Repräsentanten zielt.[21] Anders als "1989" ist das heutige Widerstandsnarrativ aber sehr viel gewaltgeladener.[22] Die Straßenversammlung ist gleichermaßen Legitimationsbasis wie Drohkulisse geworden. Man mochte vielleicht noch schmunzeln und verwundert den Kopf schütteln, als Pegida-Demonstrant*innen anstimmten: "Merkel hat das Land gestohlen, gib es wieder her. Sonst wird dich der Sachse holen mit dem Luftgewehr". Spätestens nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ist einem das Schmunzeln vergangen.

Fußnoten

17.
Vgl. Thomas von Ahn, Demokratie oder Straße? Fragile Stabilität in Ungarn, in: Osteuropa 10/2006, S. 89–104; Victoria Harms, A Tale of Two Revolutions: Hungary’s 1956 and the Un-doing of 1989, in: East European Politics and Societies 3/2017, S. 479–499.
18.
Höcke wird als Star gefeiert. AfD will "Wende 2.0" – erst im Osten, dann im ganzen Land, 14.7.2019, http://www.zeit.de/news/2019-07/13/die-afd-blickt-auf-die-wende-der-osten-steht-geschlossen«.
19.
Siehe DDR-Bürgerrechtler kritisieren Pegida. "Jesus hätte gekotzt", 23.12.2014, http://www.deutschlandfunk.de/ddr-buergerrechtler-kritisieren-pegida-jesus-haette-gekotzt.2852.de.html?dram:article_id=307060«; Florian Gathmann, DDR-Bürgerrechtler wehren sich gegen AfD-Vereinnahmung, 7.8.2019, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/a-1280723.html«.
20.
Weber (Anm. 4), S. 868.
21.
Angesichts dieser aktuellen rechtspopulistischen Vereinnahmungen und vor dem Hintergrund der Entwicklungen der vergangenen Jahre in Ungarn irritiert der Vorstoß des Soziologen Detlef Pollack. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" insistierte er im Sommer 2019 darauf, dass die Revolution dem "Volk" gehöre und nicht etwa der Opposition, deren Einfluss auf die friedliche Revolution er für überbewertet hält. Die veröffentlichten und unveröffentlichten Beiträge dieser Kontroverse hat die Robert-Havemann-Gesellschaft dokumentiert: http://www.havemann-gesellschaft.de/themen-dossiers/streit-um-die-revolution-von-1989«.
22.
Vgl. Franz Erhard/Alexander Leistner/Alexander Mennicke, "Soldiers for Freedom, Nation and Blood". Der Wandel von Anerkennungsordnungen kollektiver Gewaltausübung durch Fußballhooligans im Zuge der _GIDA-Bewegungen, in: Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft 1/2019, S. 46–68.
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