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Jubelnd laufen drei junge Ost-Berliner am 10.11.1989 durch einen Berliner Grenzübergang.

23.8.2019 | Von:
Mandy Tröger

Die Treuhand und die Privatisierung der DDR-Presse

Marktaufteilung

Parallel zu diesen politischen Initiativen wurde der DDR-Pressemarkt früh wirtschaftlich durch westdeutsche Verlage erschlossen. Schon im Februar 1990 problematisierte die "Tageszeitung" das "Einsteigen bundesdeutscher Großverlage über Joint-ventures in [die ostdeutsche] Presselandschaft".[15] Zwei Monate später, im April 1990, gab es keine DDR-Zeitungen mehr, "bei denen nicht bereits Kaufverhandlungen laufen".[16] Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) schlussfolgerte, alle westdeutschen Verlage versuchten, "sich mit Beteiligungen an DDR-Verlagen eine günstige Ausgangsposition für den Wettbewerb zu verschaffen".[17]

Diese deutsch-deutschen Kooperationsverhandlungen liefen in einer rechtlichen Grauzone und waren laut dem Medienwissenschaftler Horst Röper "sehr vielgestaltig".[18] Sie reichten von der Gewinnung von Anzeigenkunden und dem Verkauf von Werbung bis hin zum Druck der Zeitungen durch die Partner in der Bundesrepublik. "Überwiegend wurden allerdings auch Kapitalbeteiligungen vollzogen oder in Vorverträgen geregelt."[19] Diese Allianzen waren "im Fluss" – Kooperationen also ständig in Verhandlung.[20] Offiziell lag die Zustimmung über deutsch-deutsche Presse-Joint-Ventures beim MKR. Dieser erlaubte Minderheitsbeteiligungen westdeutscher Verlage. Inoffiziell aber wurden Verträge und Kooperationen an allen staatlichen Einrichtungen vorbei ausgehandelt.

Diese Prozesse liefen so schnell, dass nur die Beteiligten wussten, wer mit wem verhandelte. Im Mai 1990 versuchte sich die DDR-Regierung darüber einen Überblick zu verschaffen. Danach hielt der Axel Springer Verlag (inklusive Tochtergesellschaften) mit insgesamt elf Zeitungen Kooperations-, Joint-Venture- oder Kaufgespräche. Die Bauer Verlagsgruppe hatte fünf Joint-Venture-Abkommen geschlossen, und fünf weitere waren in Vorbereitung. Gruner + Jahr plante ein Joint Venture mit der "Sächsischen Zeitung" (Auflage 544.700) und wollte zwei Zeitschriften kaufen. Die WAZ-Gruppe plante Joint Ventures mit vier Zeitungen, darunter die "Leipziger Volkszeitung" (Auflage rund 500.000).[21]

Vor allem die 14 großen ehemaligen SED-Bezirkszeitungen, wozu die "Sächsische Zeitung" und die "Leipziger Volkszeitung" gehörten, standen bei den großen finanzstarken Verlagen hoch im Kurs. Mit hohen Auflagenzahlen und den nach wie vor bestehenden strukturellen Privilegien (etwa bei der Papierversorgung und beim Druck) hielten sie in ihren jeweiligen Bezirken eine quasi-Monopolstellung und waren damit die "Filetstücke" unter den DDR-Zeitungen.[22] Hier gaben sich, schrieb der Journalist und Verleger Peter Turi im Mai 1990, "die Großverlage die Klinke in die Hand".[23]

Insbesondere die "Großen Vier" – Springer, Burda, Gruner + Jahr und Bauer – waren aktiv damit beschäftigt, ihre Ansprüche in der DDR anzumelden. Laut Andreas Ruppert, Vertreter von Gruner + Jahr, hatten die Großverlage bereits im Mai 1990 die DDR-Zeitungen und -Zeitschriften untereinander aufgeteilt. Es kursierten Listen, auf denen kauffreudige westdeutsche Verlage neben "ihren" hilfsbedürftigen DDR-Partnern positioniert waren. Letztere waren, so Ruppert, auf finanzielle Hilfe angewiesen – sie alle steckten in den roten Zahlen und brauchten Investitionen.[24]

Tatsächlich kämpften DDR-Zeitungen mit schlechter Papier- und Druckqualität, Papierknappheit und der Streichung von Subventionen. Vor allem aber massive Importe westdeutscher Presseprodukte und die Dumpingpreise westdeutscher Zeitungen ab März 1990 setzten sie früh unter hohen wirtschaftlichen Druck.[25] Begünstigt wurde diese Entwicklung durch den Bau eines exklusiven DDR-Vertriebssystems der "Großen Vier" für westdeutsche Produkte, wovon 70 Prozent aus eigener Produktion stammten.[26] Trotz staatlicher Teilung war der deutsche Pressemarkt im Mai 1990 faktisch vereint, mit der Folge, dass DDR-Verlage, die durch planwirtschaftliche Strukturen weiterhin eingeschränkt waren, frühzeitig in direkter Konkurrenz zu westdeutschen Verlagen standen, die wiederum in einem rechtlichen Vakuum nach privatwirtschaftlicher Logik agierten. Der MKR forderte vergeblich eine "Schonfrist".[27] Auch der Zentrale Runde Tisch und die DDR-Regierung sahen diese Entwicklung kritisch. Medienminister Gottfried Müller schrieb in sein Ministertagebuch, "das alte SED-Monopol bei Bezirkszeitungen" ginge zusammen "mit neuem Monopol aus dem Westen."[28]

Beispiel Bauer: Der Verlag hatte sich bis August 1990 ein großes Stück des DDR-Kuchens gesichert. Bis Juni 1990 hielt Bauer 49 Prozent der Eigentumsanteile an den "Brandenburgischen Neuesten Nachrichten", der "Märkischen Oderzeitung", den "Norddeutschen Neusten Nachrichten", dem "Nordkurier", der "Schweriner Volkszeitung" und der "Volksstimme", die eine Gesamtauflage von rund 1,2 Millionen Exemplaren hatten. Der Verlag leistete technologische Unterstützung (etwa Lieferung von Redaktionstechnik und Kopiergeräten) und zielte auf die Modernisierung der veralteten Druckereien seiner Partner.

Der Hauptkonkurrent von Bauer war der Axel Springer Verlag. Mit seinen Tochtergesellschaften und Beteiligungen unter anderem an der "Märkischen Volksstimme", der "Norddeutschen Zeitung" und der "Ostsee-Zeitung" hielt er Anteile an 30 Prozent der DDR-Gesamtauflage.[29] Laut dem Vorstandsvorsitzenden Peter Tamm war das Ziel, "die Stellung als führendes Pressehaus und bedeutendes Medienunternehmen in ganz Deutschland durch das starke Engagement in der DDR zu sichern".[30] Das hieß, Joint-Venture-Vereinbarungen wurden auch in rechtlichen Grauzonen eingegangen. Minister Müller betonte zwar, diese Kooperationen seien rechtlich nicht bindend, das letzte Wort hätte die Treuhand, aber Bauer und andere Großverlage erwarteten die baldige "Umwandlung von Absichtserklärungen in endgültige Verträge".[31] Sie sollten Recht behalten.

Fußnoten

15.
"Der Postminister übte Zensur aus", Interview mit Konrad Weiss, 10.2.1990, https://taz.de/!1780897«.
16.
Zit. nach Aschenputtel auf dem Ball, 24.4.1990, https://taz.de/!1770939«.
17.
Deutsche Presse-Agentur, Hintergrund. Pressemarkt der DDR, 10.8.1990, S. 1–17, hier S. 10, BArch, DC9/1050.
18.
Horst Röper, Treffer sind Glücksache, in: Journalist 6/1990, S. 32–35, hier S. 34.
19.
Ebd.
20.
Ebd.
21.
Tabelle, Kooperationsbeziehungen im Pressebereich, 15.5.1990, S. 1–4, BArch, DC9/1050.
22.
Röper (Anm. 18), S. 35.
23.
Peter Turi, Schlechte Karten, in: Journalist 5/1990, S. 40f., hier S. 41.
24.
Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst, Medienexperte: DDR-Medienmarkt ist aufgeteilt – Interesse an regionalen Zeitungen, 29.5.1990, ID-Archiv im Internationalen Institut für Sozialgeschichte, MKR, Akte 35d.
25.
Westdeutsche Presseprodukte wurden nicht zum 1:3-Umtauschkurs verkauft sondern im 1:1-Verhältnis.
26.
Vgl. Mandy Tröger, Pressefrühling und Profit: Wie westdeutsche Verlage 1989/1990 den Osten eroberten, Köln 2019 (i.E.).
27.
Gerhard Bächer, Notizen, März 1990, Archiv Grünes Gedächtnis, Box 27–30, Akte 30.
28.
Gottfried Müller, Ministertagebuch (April–Mai 1990), 18. Mai 1990, E-Mail an die Autorin vom 30.1.2017.
29.
Genauer 2.177.000 von 7.213.000 Exemplaren. Siehe Röper (Anm. 18).
30.
Zit. nach Axel Springer Verlag mir Rekordinvestitionen, in: Die Welt, 14.6.1990.
31.
Deutsche Presse-Agentur, Neuorganisation der DDR-Verlage bringt viele Arbeitsplätze, 20.6.1990, IISG/ID-Archiv, MKR, Akte 35e.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Mandy Tröger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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