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6.9.2006 | Von:
Tobias Plieninger
Oliver Bens
Reinhard F. Hüttl

Landwirtschaft und Entwicklung ländlicher Räume

Ländliche Räume sind geprägt von der Landwirtschaft, obwohl diese als Arbeitsplatz und Wirtschaftsfaktor stetig an Bedeutung verloren hat. Welche Konsequenzen hat die Peripherisierung ländlicher Räume für die Landwirtschaft?

Einleitung

Ländliche Räume sind vor allem geprägt von der Landwirtschaft, die bei der Flächennutzung in Deutschland mit einem Anteil von 54 Prozent dominiert.[1] Im ländlichen Raum ist die Landwirtschaft ein wichtiger landschaftsprägender, kultureller und wirtschaftlicher Faktor,[2] und beide sind administrativ eng miteinander verwoben: Politik für Landwirtschaft und ländliche Räume fällt in den Geschäftsbereich ein und desselben Bundesministeriums; die Förderung des ländlichen Raums ist ein Teilbereich - die so genannte "zweite Säule" - der öffentlichen Agrarförderung. Vor diesem Hintergrund wird in diesem Beitrag einerseits die Frage nach den Konsequenzen der Peripherisierung ländlicher Räume für den Agrarsektor gestellt. Andererseits soll aber auch gefragt werden, welche Beiträge die Landwirtschaft zur Entwicklung peripherer ländlicher Räume leisten kann. Hierzu erfolgen ein Rückblick auf die Veränderungen der Landwirtschaft in den letzten 100 Jahren sowie ein Ausblick auf die Chancen und Herausforderungen, vor denen die Nutzung ländlicher Räume gegenwärtig steht.

100 Jahre Fortschritte in der Landwirtschaft und deren Folgen

Die Landwirtschaft des 20. und 21. Jahrhunderts ist durch einen gewaltigen technischen Fortschritt gekennzeichnet, der gleichermaßen die Produktivität des Bodens (so genannte biologisch-technische Fortschritte) und die Produktivität der Arbeit (so genannte mechanisch-technische Fortschritte) steigerte.[3] Möglich wurde dies durch den Einsatz von Mineraldüngern und Pflanzenschutzmitteln, die Mechanisierung der Bewirtschaftung und die Züchtung von leistungsfähigen Tierrassen und Kulturpflanzensorten. Tabelle 1 (vgl. PDF-Version) zeigt, dass die Rationalisierungen den Bedarf an Arbeitskräften in der Landwirtschaft innerhalb von 50 Jahren um mehr als den Faktor 8 verringerten. In der Folge nahm der Anteil des Agrarsektors an den Erwerbstätigen dramatisch ab. Parallel dazu führten die Fortschritte zu einer Vervielfachung der Ertragsleistungen. Damit wuchs das Produktangebot der Landwirtschaft rasch an, während die Nachfrage nach Lebensmitteln nur geringfügig zunahm. Dieses Auseinanderdriften von Angebot und Nachfrage führte zu einem Verfall der Preise, wodurch die Landwirtschaft gezwungen war und ist, den aus dem technischen Fortschritt resultierenden wirtschaftlichen Nutzen vollständig an die Verarbeiter und Verbraucher weiterzureichen. Wie der Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel am privaten Verbrauch kontinuierlich abnahm, so sank auch der Anteil der Landwirtschaft an der Bruttowertschöpfung beständig. Ironischerweise führten also gerade die enormen technischen Neuerungen in der Landwirtschaft zu deren "ökonomischem Dauerproblem" und zu einem Rückgang ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung.

Einen eigenen Verlauf nahm die ostdeutsche Landwirtschaft. Dort war bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs agrarischer Großgrundbesitz vorherrschend. Dieser wurde ab 1945 im Zuge der Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone entschädigungslos enteignet und dem Staat bzw. in kleinen Parzellen an so genannte "Neubauern" übertragen. Die neu entstandenen Kleinbauernbetriebe wurden ab 1952 durch Kollektivierung zusammengelegt, so dass die DDR von sehr großen Produktionseinheiten geprägt war. In den siebziger Jahren folgte eine Phase von Konzentration und Spezialisierung, und in den neunziger Jahren die Transformation nach der deutschen Vereinigung. So erlebte der ostdeutsche Agrarsektor innerhalb von 50 Jahren gleich vier fundamentale Strukturbrüche.[4] Die letzte Phase war gekennzeichnet durch eine Anpassung an die Marktwirtschaft, die Privatisierung von Grund und Boden, die Übernahme der Verantwortung durch die Landwirte selbst und die Integration in die Gemeinsame Agrarpolitik der EU. So fand in den neunziger Jahren innerhalb weniger Jahre ein stark beschleunigter Strukturwandel statt, der sich besonders deutlich in einem dramatischen Einbruch der Viehbestände sowie einer starken Abnahme der einstmals sehr hohen Beschäftigtenzahlen in der Landwirtschaft äußerte.[5] Zurückzuführen ist dies einerseits auf Produktivitätssteigerungen, andererseits aber auch auf den Abbau zahlreicher Dienstleistungen der Landwirtschaft, etwa von Vertriebszentren, Feuerwehr oder Kindergärten.[6] Allerdings wurde das ursprünglich vorgesehene politische Ziel einer Überführung der DDR-Agrarbetriebe in bäuerliche Familienbetriebe nach westdeutschem Vorbild nicht erreicht.[7]

Fußnoten

1.
Alle in diesem Beitrag genannten statistischen Daten entstammen, wenn nicht anders angegeben, den folgenden Quellen: Deutscher Bundestag, Agrarpolitischer Bericht 2006 der Bundesregierung. Drucksache 16/240, Berlin 2006; Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Statistisches Jahrbuch über Ernährung, Landwirtschaft und Forsten der Bundesrepublik Deutschland 2005, 2002, 1992, Münster-Hiltrup; Statistisches Jahrbuch über Landwirtschaft und Ernährung der Bundesrepublik Deutschland 1982, 1972, 1962, Hamburg-Berlin. Zur Vergleichbarkeit der Daten sei auf die dortigen Anmerkungen verwiesen.
2.
Vgl. Stephan Beetz, Veränderungen ländlicher Gesellschaften in Ostdeutschland, Vortrag auf der caminante-Starterkonferenz in Magdeburg 2005.
3.
Vgl. Ulrich Hampicke, Werte, Gerechtigkeit und Verantwortung in der genutzten Landschaft. Materialien der interdisziplinären Arbeitsgruppe "Zukunftsorientierte Nutzung ländlicher Räume" Nr. 7, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin 2006.
4.
Vgl. Siegfried Thieme, Agrarstruktureller Wandel im Land Brandenburg, in: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie, 39 (1995), S. 229 - 239; Karl Martin Born, The dynamics of property rights in post-communist East Germany, in: Hannes Palang/Helen Sooväli/Marc Antrop/Gunhild Setten (Hrsg.), European Rural Landscapes: Persistence and Change in a Globalising Environment, Dordrecht 2004.
5.
Vgl. Hans-Rudolf Bork/Claus Dalchow/Harald Kächele/Kurt Christian Kersebaum/Hans-Peter Piorr, Landschaftswandel in Nordost-Deutschland seit der Vereinigung, in: Geoökodynamik, 16 (1995), S. 211 - 242.
6.
Vgl. Stephan Beetz, Dörfer in Bewegung: Ein Jahrhundert sozialer Wandel und räumliche Mobilität in einer ostdeutschen ländlichen Region, Hamburg 2004.
7.
Vgl. Eva Barlösius/Claudia Neu, Scheitern als Vorbedingung zum Erfolg - der Wandel der ostdeutschen Landwirtschaft nach 1980, in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie, 51 (2003), S. 56 - 77. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch die Beiträge von E. Barlösius und C. Neu in dieser Ausgabe.