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6.9.2006 | Von:
Tobias Plieninger
Oliver Bens
Reinhard F. Hüttl

Landwirtschaft und Entwicklung ländlicher Räume

Situation der Landwirtschaft heute

Kennzeichnend für die heutige Situation der Landwirtschaft in Deutschland ist deren relativ geringe Bedeutung in Wirtschaft und Gesellschaft. Derzeit ist sie nur noch einer von mehreren Wirtschaftsfaktoren im ländlichen Raum. Zu vernachlässigen ist die Landwirtschaft dennoch nicht, gilt sie doch weiterhin als sehr bedeutsam für die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, für den Erhalt der Sozialstruktur und des Kulturerbes ländlicher Räume [8]sowie für die [9]Gestaltung der Kulturlandschaft als Siedlungs-, Wirtschafts- und Erholungsraum.[10] Zudem steht die Landwirtschaft in engem Zusammenhang mit vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen, etwa der Agrarindustrie, dem Ernährungshandwerk, der Ernährungsindustrie, dem Groß- und Einzelhandel und dem Gastgewerbe. All diese Bereiche zusammen erzielten im Jahr 2000 fast sieben Prozent der Bruttowertschöpfung in Deutschland.[11]

Heute bestehen in Deutschland rund 366 000 landwirtschaftliche Betriebe (vgl. Tabelle 2 der PDF-Version). Eine hohe Zahl kleiner Agrarbetriebe, die häufig im Nebenerwerb betrieben werden, steht einer kleinen Zahl großer Betriebe gegenüber: Nur 8 Prozent der Betriebe sind größer als 100 ha, bewirtschaften aber 50 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche Deutschlands. Eine ähnliche Konzentration zeigt sich für die Viehbestände: So hielten im Jahr 2005 4 Prozent der Rinderbetriebe 26 Prozent des gesamten deutschen Milchviehbestandes und 3 Prozent der Betriebe 29 Prozent des Mastschweinebestandes. Das mittlere Einkommen je Landwirt liegt um etwa 9 Prozent unter dem gewerblichen Vergleichslohn, also dem Lohn vergleichbarer Lohn- und Tarifgruppen in der gewerblichen Wirtschaft.[12] Unter anderem wurde mit dem systematischen Nachhinken der landwirtschaftlichen Einkommen, der so genannten "Einkommensdisparität", die Einführung der europäischen Agrarförderpolitik gerechtfertigt. Heute beruhen mehr als ein Drittel der landwirtschaftlichen Betriebseinkünfte in der EU auf öffentlichen Transferzahlungen, und es wird jede Arbeitskraft in der deutschen Landwirtschaft mit umgerechnet 12 446 Euro pro Jahr öffentlich unterstützt.

15 Jahre nach der Einigung Deutschlands gibt es immer noch eine deutliche Zweiteilung der Agrarstruktur zwischen West- und Ostdeutschland. Diese äußert sich insbesondere darin, dass die mittlere Größe der ostdeutschen Betriebe diejenige der westdeutschen um mehr als das sechsfache übertrifft (vgl. Tabelle 3 der PDF-Version).

Auch der Arbeitskräftebesatz liegt in ostdeutschen Betrieben deutlich niedriger, und Familienarbeitskräfte kommen zu einem wesentlich geringeren Teil zum Einsatz. Dominieren in Westdeutschland auf 91 Prozent der Fläche Einzelunternehmen, die überwiegend Familienbetriebe sind, so sind in Ostdeutschland auf 75 Prozent der Fläche juristische Personen (vor allem GmbHs und Genossenschaften) und Personengesellschaften (etwa Gesellschaften bürgerlichen Rechts) vorherrschend. Viele dieser Betriebe zeichnen sich hier durch eine sehr effiziente Wirtschaftsweise, große Produktionskapazitäten und ein professionelles Management aus, wodurch sie vergleichsweise konkurrenzkräftig sind. Sie gelten als wirtschaftlich stabil, teilweise sogar prosperierend.[13] Die Effizienz der Wirtschaftsweise bringt es jedoch mit sich, dass von der Landwirtschaft in Ostdeutschland nur bedingt Beschäftigungswirkungen auf den ländlichen Raum ausgehen.

Fußnoten

8.
Anteil der öffentlichen Transferzahlungen an den Bruttobetriebseinkünften, vgl. OECD, Agricultural Policies at a Glance, Paris 2004.
9.
Ausgedrückt als Summe der unternehmensbezogenen Direktzahlungen und Zuschüsse von Haupterwerbsbetrieben.
10.
Vgl. Karl-Friedrich Thöne, Europäische Politik für die ländliche Entwicklung, in: Zeitschrift für Kulturtechnik und Landentwicklung, 38 (1997), S. 203 - 208.
11.
Vgl. Deutscher Bauernverband, Situationsbericht 2006. Trends und Fakten zur Landwirtschaft, Bonn 2005.
12.
Die Vergleichbarkeit ist allerdings umstritten, vgl. Deutscher Bundestag (Anm. 1).
13.
Vgl. E. Barlösius/C. Neu (Anm. 7).