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6.9.2006 | Von:
Tobias Plieninger
Oliver Bens
Reinhard F. Hüttl

Landwirtschaft und Entwicklung ländlicher Räume

Extensivierung, Diversifizierung und Dispersion

Doch gibt es auch einen gegenläufigen Trend, der in der Literatur mit dem Begriff "Post-Produktivismus" umschrieben wird.[18] Entsprechende Formen der Landwirtschaft sind durch einen geringen Einsatz kapitalintensiver Produktionsmittel und durch geringere Flächenerträge charakterisiert. In der Regel werden vielfältige Agrarerzeugnisse produziert, die Handelsbeziehungen finden vorwiegend in der Region statt, und die räumliche Verteilung von Produktionsbereichen ist durch relativ geringe räumliche Konzentration gekennzeichnet.[19] Durch einen hohen Anteil naturnaher Habitate ist die Landschaftsstruktur komplex. Diese Form der Landnutzung nimmt häufig auf Belange des Umwelt- und Tierschutzes besondere Rücksicht. Ein Beispiel hierfür sind die Betriebe des ökologischen Landbaus, die 2004 auf 4,5 Prozent der deutschen Landwirtschaftsfläche wirtschafteten.[20] Die wachsende Tendenz vieler Betriebe, sich mit dem ländlichen Tourismus ein weiteres Standbein zu erschließen, fällt ebenso in diesen Bereich wie die Honorierung ökologischer Leistungen über staatliche Agrarumweltprogramme, etwa von Landschaftspflegetätigkeiten. So wurde die Kulturlandschaftspflege in Brandenburg im Jahr 2000 auf rund 19 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche über das Landes-Kulturlandschaftsprogramm gefördert.[21] Ebenfalls typisch sind die landwirtschaftliche Nischenproduktion, beispielsweise von Feldgemüse, Beerenobst oder Wild, und die regionale Vermarktung von Qualitätsprodukten, zum Beispiel im Ab-Hof-Verkauf oder über Großküchen.

Die Landwirtschaft differenziert sich also in Richtung Intensivierung oder Extensivierung bzw. "Produktivismus" oder "Post-Produktivismus" aus. Dabei nimmt die mittlere Betriebsgröße bei beiden Formen stetig zu. Die Größe eines Betriebes lässt jedoch keinen unmittelbaren Schluss auf den Intensitätsgrad der Bewirtschaftung zu. Zum Beispiel finden sich unter den mehrere tausend Hektar großen Betrieben in Ostdeutschland gleichermaßen hoch intensive und extensive Agrarbetriebe.

Fußnoten

18.
Vgl. Geoff A. Wilson, Post-Produktivismus in der europäischen Landwirtschaft: Mythos oder Realität?, in: Schweizer Zeitschrift für Geographie, 57 (2002), S. 109 - 126.
19.
Vgl. Lone Kristensen, Agricultural change in Denmark between 1982 and 1989: the appearance of post-productivism in farming?, in: Danish Journal of Geography, 101 (2001), S. 77 - 86.
20.
Allerdings sind auch innerhalb des Ökolandbaus Intensivierungstendenzen festzustellen, vgl. Rainer Oppermann/Alfons Krismann/Hermann Hötker/Jan Blew, Zielvorstellungen und Entwicklungsperspektiven für den Ökolandbau aus Naturschutzsicht, Singen-Bergenhusen 2004.
21.
Vgl. Land Brandenburg, Agrarbericht 2004, Potsdam 2004.