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6.9.2006 | Von:
Tobias Plieninger
Oliver Bens
Reinhard F. Hüttl

Landwirtschaft und Entwicklung ländlicher Räume

Neue Märkte: Von der Nahrungsmittel- zur Energiebereitstellung

Stark im Aufwind befindet sich der politisch geförderte Anbau nachwachsender Rohstoffe zur energetischen Nutzung, die so genannte Bioenergienutzung.[22] So wurden gut zwei Drittel der 2004 genutzten erneuerbaren Energien als Bioenergie bereitgestellt. Seit 1998 hat die Anbaufläche von Biomasse zur energetischen Verwertung um mehr als 100 Prozent zugenommen, so dass sie mittlerweile 11,8 Prozent der deutschen Ackerflächen einnimmt. Bis 2030 werden voraussichtlich zwischen 21 und 33 Prozent der Ackerfläche dem Biomasse-Anbau dienen.[23] Neben der energetischen findet auch eine stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe statt. 2005 waren bereits 12 Prozent der Grundstoffe in der chemischen Industrie biogenen Ursprungs. Die Vielfalt der Bioenergie-Optionen ist groß, doch werden in der Landwirtschaft zurzeit vor allem drei Wege eingeschlagen: die Verarbeitung von Raps zu Biodiesel, die Vergärung von Zuckerrüben und Getreide zu Bioäthanolkraftstoff und die Fermentation von Maissilage, Gras, Getreideganzpflanzen, weiteren Kulturen sowie von Reststoffen wie Gülle zu Biogas zur anschließenden Strom- und Wärmegewinnung. Der Anbau von Biomasse kann intensiv und extensiv erfolgen, wobei sich die gegenwärtige Form stark an den bestehenden, intensiven landwirtschaftlichen Systemen orientiert.

Die Nutzung von Bioenergie diversifiziert die Agrarlandschaft und ermöglicht den Absatz neuer landwirtschaftlicher Produkte. Dadurch kann sie positive Beschäftigungseffekte und eine Wertschöpfung für den ländlichen Raum mit sich bringen. Einen beispielhaften Erfolg erzielte etwa die Gegend um Güssing (Österreich). In der Landesstatistik wurde diese noch im Jahr 1988 als ärmste Region Österreichs mit den typischen Merkmalen von Peripherisierung wie fehlende Gewerbe- und Industriebetriebe, hohe Abwanderungsrate, hohe Pendlerzahlen und Aufgabe landwirtschaftlicher Betriebe identifiziert.[24] Der Umschwung gelang Güssing 1990 durch eine Gemeinderatsinitiative, in deren Ergebnis das Ziel einer einhundertprozentigen regionalen Energieautarkie beschlossen wurde. Es folgten der Bau einer Biodieselanlage, von Nah- und Fernwärmenetzen, der damals größten Biomasse-Heizkraftanlage Österreichs und von Biogasanlagen, die von konventionellen und ökologisch wirtschaftenden Betrieben beliefert werden. In der Folge siedelten sich zahlreiche Ingenieurbüros und Betriebe - insbesondere der Holz verarbeitenden Industrie- an. So entstanden gut 50 neue Unternehmen mit über 1 000 neuen direkten und indirekten Arbeitsplätzen in der Region. Die jährliche Wertschöpfung in diesem Bereich beträgt heute 13 Millionen Euro. Mittlerweile ist ein eigener "Ökoenergietourismuszweig" entstanden, es wurden nationale und international tätige Forschungs- und Entwicklungszentren im Erneuerbare-Energien-Bereich aufgebaut, und Güssing wurde 2004 zur "innovativsten Gemeinde Österreichs" ernannt. Für die Zukunft sind technologische und räumliche Erweiterungen geplant. Dabei sollen Leistungen und Wirkungsgrade der vorhandenen Anlagen gesteigert werden sowie neue Technologien und Rohstoffe zur Anwendung kommen. Neben der Forstwirtschaft soll vor allem die Landwirtschaft als Rohstofflieferant gestärkt werden. Auch soll die Bereitstellung von Wärme, Strom und Treibstoffen besser aufeinander abgestimmt werden. Ferner soll das Modell auf den gesamten Bezirk Güssing ausgedehnt werden.[25] Inzwischen entstehen auch in Deutschland "Bioenergiedörfer", beispielsweise das niedersächsische Jühnde und das sachsen-anhaltinische Iden.

Fußnoten

22.
Vgl. Tobias Plieninger/Oliver Bens/Reinhard F. Hüttl, Nachwachsende Rohstoffe, Bioenergie und Naturschutz, in: Werner Konold/Reinhard Böcker/Ulrich Hampicke (Hrsg.), Handbuch Naturschutz und Landschaftspflege, Landsberg 2006.
23.
Vgl. Öko-Institut, Stoffstromanalyse zur nachhaltigen energetischen Nutzung von Biomasse, Berlin2004.
24.
Vgl. Joachim Hacker, Kommunales Energiekonzept mit Wärme und Kraft(stoff) aus Biomasse, in: Allgemeine Forst Zeitschrift Der Wald, 61 (2005) 10, S. 552 - 553.
25.
Vgl. Christiane Brunner/Manfred Hotwagner/Alexandra Kopitar, Güssing/Südburgenland - erste energieautarke Stadt Österreichs, in: Informationen zur Raumentwicklung, (2006) 1/2, S.93-101.