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6.9.2006 | Von:
Tobias Plieninger
Oliver Bens
Reinhard F. Hüttl

Landwirtschaft und Entwicklung ländlicher Räume

Wechselwirkungen zwischen Peripherisierung, Landwirtschaft und Regionalentwicklung

Wie lassen sich die eingangs gestellten Fragen zu den Auswirkungen der Peripherisierung auf die Landwirtschaft und zu deren Beiträgen zur Regionalentwicklung beantworten? Periphere ländliche Räume Ostdeutschlands zeichnen sich vielfach durch eine hoch technologisierte, leistungs- und konkurrenzstarke Landwirtschaft aus. Ein Problem liegt für die Betriebe darin, qualifizierte und motivierte Arbeitskräfte zu finden - ungeachtet dessen, dass die Arbeitslosenrate in peripheren Regionen häufig mehr als 20 Prozent beträgt. Dabei behindert das mit Peripherisierung verbundene negative Image einer Region den möglichen Zuzug auswärtiger Fachkräfte. Eine weitere negative Konsequenz für die Agrarbetriebe ist ein Rückgang an regionaler Kaufkraft und damit der Nachfrage nach Lebensmitteln. Dies hat insbesondere für diejenigen Betriebe Auswirkungen, die sich im Bereich der Qualitätsproduktion und Regionalvermarktung engagieren. Allerdings wird ein großer Teil der Agrarprodukte bereits heute außerhalb der Produktionsregion abgesetzt. Zu erwarten ist, dass die Peripherisierung weiteren Auftrieb für eine überregionale Ausrichtung der Handelsbeziehungen von Betrieben gibt. Angesichts der genannten europäischen und globalen Herausforderungen erscheinen aber die Auswirkungen vonregionaler Peripherisierung auf die großen Landwirtschaftsbetriebe vergleichsweise überschaubar. Auch der Anbau von Bioenergieträgern ist weitgehend unabhängig von der lokalen Nachfrage nach Energie, da Strom und Treibstoffe leicht überregional absetzbar sind. Einzig die Verwertung der in Biogasanlagen anfallenden Heizwärme wird bei rückläufigen ländlichen Bevölkerungszahlen erschwert.

Die Gegenfrage nach den möglichen Beiträgen der Landwirtschaft zur Regionalentwicklung lässt sich nicht eindeutig beantworten. Bislang sind diese eher gering, da die hoch mechanisierte Landwirtschaft nur wenige Arbeitskräfte benötigt, und selbst diese zu einem großen Teil außerhalb der Region oder - im Falle der Saisonaushilfskräfte - aus dem Ausland rekrutiert. Einige Marktfruchtbetriebe in Nordostdeutschland werden sogar vom Ausland aus bewirtschaftet.[26] Zudem findet die Weiterverarbeitung und Vermarktung der erzeugten Agrarprodukte vielfach außerhalb der peripheren ländlichen Regionen statt. Im ländlichen Raum werden vorrangig nur die unverarbeiteten Rohstoffe bereitgestellt, während der Großteil der Wertschöpfung und der dadurch induzierten Beschäftigungseffekte bei der Veredelung dieser Produkte andernorts entsteht.

An eine zukunftsorientierte Landwirtschaft, die Impulse für die Entwicklung peripherer ländlicher Räume geben kann, wären demzufolge die folgenden Anforderungen zu stellen: Eine zukunftsorientierte Landwirtschaft soll
  • möglichst hohe Beschäftigungseffekte generieren, die vor Ort befindlichen Ressourcen nutzen und regionale Wirtschaftskreisläufe unterstützen;
  • innovativ und wirtschaftlich sein und sich idealerweise ohne Fördergelder und Subventionen weitgehend selbst tragen;
  • die gewachsene Kulturlandschaft erhalten und die Belange des Ressourcenschutzes adäquat berücksichtigen;
  • zur Erhaltung und Entwicklung regionaler Eigenarten sowie zur Identifikation mit dem Land, seiner Kultur und seinen Traditionen beitragen;
  • kompatibel mit anderen Landnutzungen sein und alternative Entwicklungspfade nicht behindern.[27]

    Tatsächlich finden sich in vielen ländlichen Regionen Pioniere einer nachhaltigen Landbewirtschaftung, die zur regionalen Wertschöpfung, zur Landschaftspflege und zum Erhalt von Dorfgemeinschaften beitragen und damit einer weiteren Peripherisierung entgegenwirken. Als Beispiel aus dem nordostdeutschen Tiefland können etwa der Milchviehbetrieb und die Bauernkäserei Wolters im uckermärkischen Bandelow genannt werden.[28] Auf 735 ha Land wurde eine ehemalige landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft schrittweise modernisiert. Heute hält der konventionell wirtschaftende Betrieb über 500 Milchkühe und 500 Jungrinder und betreibt neben Futterbau auch den Anbau von Raps, Weizen, Gerste und Zuckerrüben. Ein großer Teil der produzierten Milch wird in der eigenen Bauernkäserei zur Spezialität Uckerkaas verarbeitet, die unter der Regionalmarke des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin vermarktet wird. Eine Reihe innovativer Vermarktungsformen vom Internetshop bis zum Hofladen sichert den Absatz. Darüber hinaus baut der Betrieb aktuell unter der Bezeichnung "Q-Regio" ein im Franchisesystem betriebenes Netz von Regionalläden auf. In Zukunft soll eine eigene Biogasanlage den Betrieb mit Strom und Wärme versorgen. So entwickelte sich das Unternehmen mit heute 30 Mitarbeitern zum größten Arbeitgeber im Dorf.

    Warum aber sind derartige Erfolgsbeispiele eher eine Ausnahme als die Regel? Zentrales Problem sind die Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft, die aufgrund betriebswirtschaftlicher Zwänge zu einer Reduktion des Arbeitskräftebedarfs führen. Entsprechend haben sich die Beschäftigungseffekte der Landwirtschaft in der Vergangenheit stetig verringert. Vielfach ist die Zahl der landwirtschaftlichen Akteure in vielen ländlichen Räumen bereits so gering, dass die für regionale Entwicklungsaktivitäten notwendige kritische Masse nicht mehr vorhanden ist. Der Abbau von Wettbewerbsbeschränkungen auf dem Weltmarkt dürfte den Rationalisierungsdruck weiter erhöhen. Mittelfristig wird eine rein auf die Erzeugung standardisierter Agrarrohstoffe ausgerichtete Landwirtschaft in Deutschland vermutlich nicht überleben können. Zudem gibt es für die gesamtgesellschaftlichen Leistungen der Landwirtschaft, etwa im Bereich der Pflege von Kulturlandschaften, bislang nur unterentwickelte Märkte, wodurch sie betriebswirtschaftlich häufig nicht interessant sind.

    Um aktiv zur Regionalentwicklung beizutragen, ist die Landwirtschaft also gezwungen, permanent innovativ zu sein, spezialisierte Nischen zu suchen, ihre Produktpalette zu diversifizieren und das "Besondere" ihrer regionaltypischen Produkte gegenüber den globalisierten Agrarprodukten herauszustellen. Insbesondere sind betriebliche Kooperationen aufzubauen und die Verbindungen zu vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen in der Region zu stärken, um größere Teile der Wertschöpfungsketten in den peripheren Regionen zu halten. Daneben sollten die Agrarbetriebe an im klassischen Sinne "außerlandwirtschaftliche" Sektoren anknüpfen und sich dort neue Märkte erschließen: etwa im Bereich der erneuerbaren Energien, in Gastronomie und Tourismus, Naturschutz und Landschaftspflege sowie Gesundheit und Wellness. Gerade in letzteren Bereichen wird dies allerdings nur gelingen, wenn die Gesellschaft die bislang nicht marktfähigen Leistungen der Landwirtschaft - etwa die Bereitstellung von sauberem Wasser, von Biodiversität und von attraktiven Landschaften - gerecht honoriert.

  • Fußnoten

    26.
    Vgl. Stefan Mann, Die Entsiedelung ländlicher Räume und das Agrarsystem, in: Berliner Debatte Initial 15 (2004), 2, S.86-95.
    27.
    Z.B. kann eine großflächig ausgeräumte Agrarlandschaft Entwicklungsmöglichkeiten im Bereich des Tourismus blockieren.
    28.
    Vgl. Kenneth Anders/Lars Fischer, Von der Landschaft leben. Nachhaltiges Wirtschaften in regionalen Wertschöpfungsketten, Schiffmühle 2004.