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6.9.2006 | Von:
Tobias Plieninger
Oliver Bens
Reinhard F. Hüttl

Landwirtschaft und Entwicklung ländlicher Räume

Ländliche Räume sind geprägt von der Landwirtschaft, obwohl diese als Arbeitsplatz und Wirtschaftsfaktor stetig an Bedeutung verloren hat. Welche Konsequenzen hat die Peripherisierung ländlicher Räume für die Landwirtschaft?

Einleitung

Ländliche Räume sind vor allem geprägt von der Landwirtschaft, die bei der Flächennutzung in Deutschland mit einem Anteil von 54 Prozent dominiert.[1] Im ländlichen Raum ist die Landwirtschaft ein wichtiger landschaftsprägender, kultureller und wirtschaftlicher Faktor,[2] und beide sind administrativ eng miteinander verwoben: Politik für Landwirtschaft und ländliche Räume fällt in den Geschäftsbereich ein und desselben Bundesministeriums; die Förderung des ländlichen Raums ist ein Teilbereich - die so genannte "zweite Säule" - der öffentlichen Agrarförderung. Vor diesem Hintergrund wird in diesem Beitrag einerseits die Frage nach den Konsequenzen der Peripherisierung ländlicher Räume für den Agrarsektor gestellt. Andererseits soll aber auch gefragt werden, welche Beiträge die Landwirtschaft zur Entwicklung peripherer ländlicher Räume leisten kann. Hierzu erfolgen ein Rückblick auf die Veränderungen der Landwirtschaft in den letzten 100 Jahren sowie ein Ausblick auf die Chancen und Herausforderungen, vor denen die Nutzung ländlicher Räume gegenwärtig steht.

100 Jahre Fortschritte in der Landwirtschaft und deren Folgen

Die Landwirtschaft des 20. und 21. Jahrhunderts ist durch einen gewaltigen technischen Fortschritt gekennzeichnet, der gleichermaßen die Produktivität des Bodens (so genannte biologisch-technische Fortschritte) und die Produktivität der Arbeit (so genannte mechanisch-technische Fortschritte) steigerte.[3] Möglich wurde dies durch den Einsatz von Mineraldüngern und Pflanzenschutzmitteln, die Mechanisierung der Bewirtschaftung und die Züchtung von leistungsfähigen Tierrassen und Kulturpflanzensorten. Tabelle 1 (vgl. PDF-Version) zeigt, dass die Rationalisierungen den Bedarf an Arbeitskräften in der Landwirtschaft innerhalb von 50 Jahren um mehr als den Faktor 8 verringerten. In der Folge nahm der Anteil des Agrarsektors an den Erwerbstätigen dramatisch ab. Parallel dazu führten die Fortschritte zu einer Vervielfachung der Ertragsleistungen. Damit wuchs das Produktangebot der Landwirtschaft rasch an, während die Nachfrage nach Lebensmitteln nur geringfügig zunahm. Dieses Auseinanderdriften von Angebot und Nachfrage führte zu einem Verfall der Preise, wodurch die Landwirtschaft gezwungen war und ist, den aus dem technischen Fortschritt resultierenden wirtschaftlichen Nutzen vollständig an die Verarbeiter und Verbraucher weiterzureichen. Wie der Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel am privaten Verbrauch kontinuierlich abnahm, so sank auch der Anteil der Landwirtschaft an der Bruttowertschöpfung beständig. Ironischerweise führten also gerade die enormen technischen Neuerungen in der Landwirtschaft zu deren "ökonomischem Dauerproblem" und zu einem Rückgang ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung.

Einen eigenen Verlauf nahm die ostdeutsche Landwirtschaft. Dort war bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs agrarischer Großgrundbesitz vorherrschend. Dieser wurde ab 1945 im Zuge der Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone entschädigungslos enteignet und dem Staat bzw. in kleinen Parzellen an so genannte "Neubauern" übertragen. Die neu entstandenen Kleinbauernbetriebe wurden ab 1952 durch Kollektivierung zusammengelegt, so dass die DDR von sehr großen Produktionseinheiten geprägt war. In den siebziger Jahren folgte eine Phase von Konzentration und Spezialisierung, und in den neunziger Jahren die Transformation nach der deutschen Vereinigung. So erlebte der ostdeutsche Agrarsektor innerhalb von 50 Jahren gleich vier fundamentale Strukturbrüche.[4] Die letzte Phase war gekennzeichnet durch eine Anpassung an die Marktwirtschaft, die Privatisierung von Grund und Boden, die Übernahme der Verantwortung durch die Landwirte selbst und die Integration in die Gemeinsame Agrarpolitik der EU. So fand in den neunziger Jahren innerhalb weniger Jahre ein stark beschleunigter Strukturwandel statt, der sich besonders deutlich in einem dramatischen Einbruch der Viehbestände sowie einer starken Abnahme der einstmals sehr hohen Beschäftigtenzahlen in der Landwirtschaft äußerte.[5] Zurückzuführen ist dies einerseits auf Produktivitätssteigerungen, andererseits aber auch auf den Abbau zahlreicher Dienstleistungen der Landwirtschaft, etwa von Vertriebszentren, Feuerwehr oder Kindergärten.[6] Allerdings wurde das ursprünglich vorgesehene politische Ziel einer Überführung der DDR-Agrarbetriebe in bäuerliche Familienbetriebe nach westdeutschem Vorbild nicht erreicht.[7]

Situation der Landwirtschaft heute

Kennzeichnend für die heutige Situation der Landwirtschaft in Deutschland ist deren relativ geringe Bedeutung in Wirtschaft und Gesellschaft. Derzeit ist sie nur noch einer von mehreren Wirtschaftsfaktoren im ländlichen Raum. Zu vernachlässigen ist die Landwirtschaft dennoch nicht, gilt sie doch weiterhin als sehr bedeutsam für die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, für den Erhalt der Sozialstruktur und des Kulturerbes ländlicher Räume [8]sowie für die [9]Gestaltung der Kulturlandschaft als Siedlungs-, Wirtschafts- und Erholungsraum.[10] Zudem steht die Landwirtschaft in engem Zusammenhang mit vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen, etwa der Agrarindustrie, dem Ernährungshandwerk, der Ernährungsindustrie, dem Groß- und Einzelhandel und dem Gastgewerbe. All diese Bereiche zusammen erzielten im Jahr 2000 fast sieben Prozent der Bruttowertschöpfung in Deutschland.[11]

Heute bestehen in Deutschland rund 366 000 landwirtschaftliche Betriebe (vgl. Tabelle 2 der PDF-Version). Eine hohe Zahl kleiner Agrarbetriebe, die häufig im Nebenerwerb betrieben werden, steht einer kleinen Zahl großer Betriebe gegenüber: Nur 8 Prozent der Betriebe sind größer als 100 ha, bewirtschaften aber 50 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche Deutschlands. Eine ähnliche Konzentration zeigt sich für die Viehbestände: So hielten im Jahr 2005 4 Prozent der Rinderbetriebe 26 Prozent des gesamten deutschen Milchviehbestandes und 3 Prozent der Betriebe 29 Prozent des Mastschweinebestandes. Das mittlere Einkommen je Landwirt liegt um etwa 9 Prozent unter dem gewerblichen Vergleichslohn, also dem Lohn vergleichbarer Lohn- und Tarifgruppen in der gewerblichen Wirtschaft.[12] Unter anderem wurde mit dem systematischen Nachhinken der landwirtschaftlichen Einkommen, der so genannten "Einkommensdisparität", die Einführung der europäischen Agrarförderpolitik gerechtfertigt. Heute beruhen mehr als ein Drittel der landwirtschaftlichen Betriebseinkünfte in der EU auf öffentlichen Transferzahlungen, und es wird jede Arbeitskraft in der deutschen Landwirtschaft mit umgerechnet 12 446 Euro pro Jahr öffentlich unterstützt.

15 Jahre nach der Einigung Deutschlands gibt es immer noch eine deutliche Zweiteilung der Agrarstruktur zwischen West- und Ostdeutschland. Diese äußert sich insbesondere darin, dass die mittlere Größe der ostdeutschen Betriebe diejenige der westdeutschen um mehr als das sechsfache übertrifft (vgl. Tabelle 3 der PDF-Version).

Auch der Arbeitskräftebesatz liegt in ostdeutschen Betrieben deutlich niedriger, und Familienarbeitskräfte kommen zu einem wesentlich geringeren Teil zum Einsatz. Dominieren in Westdeutschland auf 91 Prozent der Fläche Einzelunternehmen, die überwiegend Familienbetriebe sind, so sind in Ostdeutschland auf 75 Prozent der Fläche juristische Personen (vor allem GmbHs und Genossenschaften) und Personengesellschaften (etwa Gesellschaften bürgerlichen Rechts) vorherrschend. Viele dieser Betriebe zeichnen sich hier durch eine sehr effiziente Wirtschaftsweise, große Produktionskapazitäten und ein professionelles Management aus, wodurch sie vergleichsweise konkurrenzkräftig sind. Sie gelten als wirtschaftlich stabil, teilweise sogar prosperierend.[13] Die Effizienz der Wirtschaftsweise bringt es jedoch mit sich, dass von der Landwirtschaft in Ostdeutschland nur bedingt Beschäftigungswirkungen auf den ländlichen Raum ausgehen.

Zukünftige Entwicklung der Landwirtschaft

Die Landwirtschaft wird auch weiterhin einem starken Wandel unterliegen.[14] Dabei ist die Peripherisierung ländlicher Räume jedoch nur eine innerhalb einer Vielzahl von Triebkräften. So stellt die jüngste Agrarreform der EU einen fundamentalen Einschnitt für den Agrarsektor dar. Mit der Reform verbunden sind eine klare Marktorientierung, die Abkehr von der Produktförderung, die Kürzung der direkten Zahlungen der EU an die Landwirte und die Bindung der öffentlichen Förderung an die Einhaltung von Umwelt-, Tierschutz- und Lebensmittelsicherheits-Standards. Die Agrarreform steht unter anderem in Zusammenhang mit der Liberalisierung des Welthandels mit Agrarerzeugnissen, die den Abbau von Protektionismus und Wettbewerbsverzerrungen bezweckt und die bislang innerhalb der Europäischen Union geschützte Landwirtschaft den Weltmarktbedingungen aussetzen wird. Auch die jüngst erfolgte EU-Erweiterung wird den Agrarsektor stark beeinflussen - insbesondere durch die Aufteilung der EU-Agrarausgaben auf mehr anspruchsberechtigte Betriebe ohne eine nennenswerte Aufstockung des Gesamtbudgets. Daneben gibt es eine ganze Reihe von Veränderungen in der nationalen Agrarpolitik, welche die Landwirtschaft zu bewältigen haben wird, vor allem Einsparungen im Bundeshaushalt, die Föderalismusreform und die Reform der agrarsozialen Sicherung. Weitere Veränderungen für die Landwirtschaft ergeben sich durch den anhaltenden technologischen Wandel, der einerseits neue technische Möglichkeiten (etwa durch Satellitennavigation unterstützte Präzisionslandwirtschaft, gentechnisch verändertes Saatgut), andererseits auch neue Märkte für landwirtschaftliche Produkte (etwa Biomasse zur energetischen Nutzung) hervorbringt. Schließlich hat sich der Agrarsektor auf einen prognostizierten Klimawandel einzustellen. Dieser zeichnet sich zum Beispiel in Nordostdeutschland voraussichtlich durch zunehmende Trockenheit sowie insbesondere durch eine Verringerung der Niederschläge während der Vegetationsperiode aus und kann große Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Ertragsleistung und -sicherheit sowie auf das Spektrum möglicher Anbaukulturen haben.

Intensivierung, Spezialisierung und Konzentration

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die deutsche Landwirtschaft in einer Weise entwickelt, die vielfach mit den Begriffen "Industrialisierung" oder "Produktivismus" umschrieben wird.[15] Charakteristisch sind dabei drei strukturelle Dimensionen: eine Intensivierung, eine Spezialisierung und eine Konzentration der Landbewirtschaftung.[16] Unter Intensivierung wird ein hoher Input an kapitalintensiven Produktionsmitteln wie Düngemitteln, Pestiziden und Maschinen verstanden, dem ein entsprechend hoher Output an Flächenerträgen gegenüber steht. Spezialisierung beschreibt eine Einengung des Produktionsprogramms auf eines oder wenige Agrarprodukte und die damit verbundenen globalisierten Handelsbeziehungen. Konzentration bedeutet, dass die landwirtschaftliche Produktion vornehmlich in wenigen, spezialisierten Betrieben, Regionen oder Ländern erfolgt. So kam es etwa in der Bundesrepublik in den siebziger Jahren zu einer starken räumlichen Konzentration beim Weizen-, Kartoffel-, Milch- und Ölsaatenanbau auf bestimmte Agrargegenden. Eine solchermaßen produktionsorientierte Landwirtschaft ist gekennzeichnet durch strukturarme Agrarlandschaften mit einem geringen Anteil naturnaher Lebensräume. Häufig wird sie für Umweltprobleme verantwortlich gemacht, etwa für Grundwasserbelastungen, Verlust der Artenvielfalt und Unterbrechung von Stoffkreisläufen.[17]

Extensivierung, Diversifizierung und Dispersion

Doch gibt es auch einen gegenläufigen Trend, der in der Literatur mit dem Begriff "Post-Produktivismus" umschrieben wird.[18] Entsprechende Formen der Landwirtschaft sind durch einen geringen Einsatz kapitalintensiver Produktionsmittel und durch geringere Flächenerträge charakterisiert. In der Regel werden vielfältige Agrarerzeugnisse produziert, die Handelsbeziehungen finden vorwiegend in der Region statt, und die räumliche Verteilung von Produktionsbereichen ist durch relativ geringe räumliche Konzentration gekennzeichnet.[19] Durch einen hohen Anteil naturnaher Habitate ist die Landschaftsstruktur komplex. Diese Form der Landnutzung nimmt häufig auf Belange des Umwelt- und Tierschutzes besondere Rücksicht. Ein Beispiel hierfür sind die Betriebe des ökologischen Landbaus, die 2004 auf 4,5 Prozent der deutschen Landwirtschaftsfläche wirtschafteten.[20] Die wachsende Tendenz vieler Betriebe, sich mit dem ländlichen Tourismus ein weiteres Standbein zu erschließen, fällt ebenso in diesen Bereich wie die Honorierung ökologischer Leistungen über staatliche Agrarumweltprogramme, etwa von Landschaftspflegetätigkeiten. So wurde die Kulturlandschaftspflege in Brandenburg im Jahr 2000 auf rund 19 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche über das Landes-Kulturlandschaftsprogramm gefördert.[21] Ebenfalls typisch sind die landwirtschaftliche Nischenproduktion, beispielsweise von Feldgemüse, Beerenobst oder Wild, und die regionale Vermarktung von Qualitätsprodukten, zum Beispiel im Ab-Hof-Verkauf oder über Großküchen.

Die Landwirtschaft differenziert sich also in Richtung Intensivierung oder Extensivierung bzw. "Produktivismus" oder "Post-Produktivismus" aus. Dabei nimmt die mittlere Betriebsgröße bei beiden Formen stetig zu. Die Größe eines Betriebes lässt jedoch keinen unmittelbaren Schluss auf den Intensitätsgrad der Bewirtschaftung zu. Zum Beispiel finden sich unter den mehrere tausend Hektar großen Betrieben in Ostdeutschland gleichermaßen hoch intensive und extensive Agrarbetriebe.

Neue Märkte: Von der Nahrungsmittel- zur Energiebereitstellung

Stark im Aufwind befindet sich der politisch geförderte Anbau nachwachsender Rohstoffe zur energetischen Nutzung, die so genannte Bioenergienutzung.[22] So wurden gut zwei Drittel der 2004 genutzten erneuerbaren Energien als Bioenergie bereitgestellt. Seit 1998 hat die Anbaufläche von Biomasse zur energetischen Verwertung um mehr als 100 Prozent zugenommen, so dass sie mittlerweile 11,8 Prozent der deutschen Ackerflächen einnimmt. Bis 2030 werden voraussichtlich zwischen 21 und 33 Prozent der Ackerfläche dem Biomasse-Anbau dienen.[23] Neben der energetischen findet auch eine stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe statt. 2005 waren bereits 12 Prozent der Grundstoffe in der chemischen Industrie biogenen Ursprungs. Die Vielfalt der Bioenergie-Optionen ist groß, doch werden in der Landwirtschaft zurzeit vor allem drei Wege eingeschlagen: die Verarbeitung von Raps zu Biodiesel, die Vergärung von Zuckerrüben und Getreide zu Bioäthanolkraftstoff und die Fermentation von Maissilage, Gras, Getreideganzpflanzen, weiteren Kulturen sowie von Reststoffen wie Gülle zu Biogas zur anschließenden Strom- und Wärmegewinnung. Der Anbau von Biomasse kann intensiv und extensiv erfolgen, wobei sich die gegenwärtige Form stark an den bestehenden, intensiven landwirtschaftlichen Systemen orientiert.

Die Nutzung von Bioenergie diversifiziert die Agrarlandschaft und ermöglicht den Absatz neuer landwirtschaftlicher Produkte. Dadurch kann sie positive Beschäftigungseffekte und eine Wertschöpfung für den ländlichen Raum mit sich bringen. Einen beispielhaften Erfolg erzielte etwa die Gegend um Güssing (Österreich). In der Landesstatistik wurde diese noch im Jahr 1988 als ärmste Region Österreichs mit den typischen Merkmalen von Peripherisierung wie fehlende Gewerbe- und Industriebetriebe, hohe Abwanderungsrate, hohe Pendlerzahlen und Aufgabe landwirtschaftlicher Betriebe identifiziert.[24] Der Umschwung gelang Güssing 1990 durch eine Gemeinderatsinitiative, in deren Ergebnis das Ziel einer einhundertprozentigen regionalen Energieautarkie beschlossen wurde. Es folgten der Bau einer Biodieselanlage, von Nah- und Fernwärmenetzen, der damals größten Biomasse-Heizkraftanlage Österreichs und von Biogasanlagen, die von konventionellen und ökologisch wirtschaftenden Betrieben beliefert werden. In der Folge siedelten sich zahlreiche Ingenieurbüros und Betriebe - insbesondere der Holz verarbeitenden Industrie- an. So entstanden gut 50 neue Unternehmen mit über 1 000 neuen direkten und indirekten Arbeitsplätzen in der Region. Die jährliche Wertschöpfung in diesem Bereich beträgt heute 13 Millionen Euro. Mittlerweile ist ein eigener "Ökoenergietourismuszweig" entstanden, es wurden nationale und international tätige Forschungs- und Entwicklungszentren im Erneuerbare-Energien-Bereich aufgebaut, und Güssing wurde 2004 zur "innovativsten Gemeinde Österreichs" ernannt. Für die Zukunft sind technologische und räumliche Erweiterungen geplant. Dabei sollen Leistungen und Wirkungsgrade der vorhandenen Anlagen gesteigert werden sowie neue Technologien und Rohstoffe zur Anwendung kommen. Neben der Forstwirtschaft soll vor allem die Landwirtschaft als Rohstofflieferant gestärkt werden. Auch soll die Bereitstellung von Wärme, Strom und Treibstoffen besser aufeinander abgestimmt werden. Ferner soll das Modell auf den gesamten Bezirk Güssing ausgedehnt werden.[25] Inzwischen entstehen auch in Deutschland "Bioenergiedörfer", beispielsweise das niedersächsische Jühnde und das sachsen-anhaltinische Iden.

Wechselwirkungen zwischen Peripherisierung, Landwirtschaft und Regionalentwicklung

Wie lassen sich die eingangs gestellten Fragen zu den Auswirkungen der Peripherisierung auf die Landwirtschaft und zu deren Beiträgen zur Regionalentwicklung beantworten? Periphere ländliche Räume Ostdeutschlands zeichnen sich vielfach durch eine hoch technologisierte, leistungs- und konkurrenzstarke Landwirtschaft aus. Ein Problem liegt für die Betriebe darin, qualifizierte und motivierte Arbeitskräfte zu finden - ungeachtet dessen, dass die Arbeitslosenrate in peripheren Regionen häufig mehr als 20 Prozent beträgt. Dabei behindert das mit Peripherisierung verbundene negative Image einer Region den möglichen Zuzug auswärtiger Fachkräfte. Eine weitere negative Konsequenz für die Agrarbetriebe ist ein Rückgang an regionaler Kaufkraft und damit der Nachfrage nach Lebensmitteln. Dies hat insbesondere für diejenigen Betriebe Auswirkungen, die sich im Bereich der Qualitätsproduktion und Regionalvermarktung engagieren. Allerdings wird ein großer Teil der Agrarprodukte bereits heute außerhalb der Produktionsregion abgesetzt. Zu erwarten ist, dass die Peripherisierung weiteren Auftrieb für eine überregionale Ausrichtung der Handelsbeziehungen von Betrieben gibt. Angesichts der genannten europäischen und globalen Herausforderungen erscheinen aber die Auswirkungen vonregionaler Peripherisierung auf die großen Landwirtschaftsbetriebe vergleichsweise überschaubar. Auch der Anbau von Bioenergieträgern ist weitgehend unabhängig von der lokalen Nachfrage nach Energie, da Strom und Treibstoffe leicht überregional absetzbar sind. Einzig die Verwertung der in Biogasanlagen anfallenden Heizwärme wird bei rückläufigen ländlichen Bevölkerungszahlen erschwert.

Die Gegenfrage nach den möglichen Beiträgen der Landwirtschaft zur Regionalentwicklung lässt sich nicht eindeutig beantworten. Bislang sind diese eher gering, da die hoch mechanisierte Landwirtschaft nur wenige Arbeitskräfte benötigt, und selbst diese zu einem großen Teil außerhalb der Region oder - im Falle der Saisonaushilfskräfte - aus dem Ausland rekrutiert. Einige Marktfruchtbetriebe in Nordostdeutschland werden sogar vom Ausland aus bewirtschaftet.[26] Zudem findet die Weiterverarbeitung und Vermarktung der erzeugten Agrarprodukte vielfach außerhalb der peripheren ländlichen Regionen statt. Im ländlichen Raum werden vorrangig nur die unverarbeiteten Rohstoffe bereitgestellt, während der Großteil der Wertschöpfung und der dadurch induzierten Beschäftigungseffekte bei der Veredelung dieser Produkte andernorts entsteht.

An eine zukunftsorientierte Landwirtschaft, die Impulse für die Entwicklung peripherer ländlicher Räume geben kann, wären demzufolge die folgenden Anforderungen zu stellen: Eine zukunftsorientierte Landwirtschaft soll
  • möglichst hohe Beschäftigungseffekte generieren, die vor Ort befindlichen Ressourcen nutzen und regionale Wirtschaftskreisläufe unterstützen;
  • innovativ und wirtschaftlich sein und sich idealerweise ohne Fördergelder und Subventionen weitgehend selbst tragen;
  • die gewachsene Kulturlandschaft erhalten und die Belange des Ressourcenschutzes adäquat berücksichtigen;
  • zur Erhaltung und Entwicklung regionaler Eigenarten sowie zur Identifikation mit dem Land, seiner Kultur und seinen Traditionen beitragen;
  • kompatibel mit anderen Landnutzungen sein und alternative Entwicklungspfade nicht behindern.[27]

    Tatsächlich finden sich in vielen ländlichen Regionen Pioniere einer nachhaltigen Landbewirtschaftung, die zur regionalen Wertschöpfung, zur Landschaftspflege und zum Erhalt von Dorfgemeinschaften beitragen und damit einer weiteren Peripherisierung entgegenwirken. Als Beispiel aus dem nordostdeutschen Tiefland können etwa der Milchviehbetrieb und die Bauernkäserei Wolters im uckermärkischen Bandelow genannt werden.[28] Auf 735 ha Land wurde eine ehemalige landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft schrittweise modernisiert. Heute hält der konventionell wirtschaftende Betrieb über 500 Milchkühe und 500 Jungrinder und betreibt neben Futterbau auch den Anbau von Raps, Weizen, Gerste und Zuckerrüben. Ein großer Teil der produzierten Milch wird in der eigenen Bauernkäserei zur Spezialität Uckerkaas verarbeitet, die unter der Regionalmarke des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin vermarktet wird. Eine Reihe innovativer Vermarktungsformen vom Internetshop bis zum Hofladen sichert den Absatz. Darüber hinaus baut der Betrieb aktuell unter der Bezeichnung "Q-Regio" ein im Franchisesystem betriebenes Netz von Regionalläden auf. In Zukunft soll eine eigene Biogasanlage den Betrieb mit Strom und Wärme versorgen. So entwickelte sich das Unternehmen mit heute 30 Mitarbeitern zum größten Arbeitgeber im Dorf.

    Warum aber sind derartige Erfolgsbeispiele eher eine Ausnahme als die Regel? Zentrales Problem sind die Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft, die aufgrund betriebswirtschaftlicher Zwänge zu einer Reduktion des Arbeitskräftebedarfs führen. Entsprechend haben sich die Beschäftigungseffekte der Landwirtschaft in der Vergangenheit stetig verringert. Vielfach ist die Zahl der landwirtschaftlichen Akteure in vielen ländlichen Räumen bereits so gering, dass die für regionale Entwicklungsaktivitäten notwendige kritische Masse nicht mehr vorhanden ist. Der Abbau von Wettbewerbsbeschränkungen auf dem Weltmarkt dürfte den Rationalisierungsdruck weiter erhöhen. Mittelfristig wird eine rein auf die Erzeugung standardisierter Agrarrohstoffe ausgerichtete Landwirtschaft in Deutschland vermutlich nicht überleben können. Zudem gibt es für die gesamtgesellschaftlichen Leistungen der Landwirtschaft, etwa im Bereich der Pflege von Kulturlandschaften, bislang nur unterentwickelte Märkte, wodurch sie betriebswirtschaftlich häufig nicht interessant sind.

    Um aktiv zur Regionalentwicklung beizutragen, ist die Landwirtschaft also gezwungen, permanent innovativ zu sein, spezialisierte Nischen zu suchen, ihre Produktpalette zu diversifizieren und das "Besondere" ihrer regionaltypischen Produkte gegenüber den globalisierten Agrarprodukten herauszustellen. Insbesondere sind betriebliche Kooperationen aufzubauen und die Verbindungen zu vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen in der Region zu stärken, um größere Teile der Wertschöpfungsketten in den peripheren Regionen zu halten. Daneben sollten die Agrarbetriebe an im klassischen Sinne "außerlandwirtschaftliche" Sektoren anknüpfen und sich dort neue Märkte erschließen: etwa im Bereich der erneuerbaren Energien, in Gastronomie und Tourismus, Naturschutz und Landschaftspflege sowie Gesundheit und Wellness. Gerade in letzteren Bereichen wird dies allerdings nur gelingen, wenn die Gesellschaft die bislang nicht marktfähigen Leistungen der Landwirtschaft - etwa die Bereitstellung von sauberem Wasser, von Biodiversität und von attraktiven Landschaften - gerecht honoriert.
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    Fußnoten

    1.
    Alle in diesem Beitrag genannten statistischen Daten entstammen, wenn nicht anders angegeben, den folgenden Quellen: Deutscher Bundestag, Agrarpolitischer Bericht 2006 der Bundesregierung. Drucksache 16/240, Berlin 2006; Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Statistisches Jahrbuch über Ernährung, Landwirtschaft und Forsten der Bundesrepublik Deutschland 2005, 2002, 1992, Münster-Hiltrup; Statistisches Jahrbuch über Landwirtschaft und Ernährung der Bundesrepublik Deutschland 1982, 1972, 1962, Hamburg-Berlin. Zur Vergleichbarkeit der Daten sei auf die dortigen Anmerkungen verwiesen.
    2.
    Vgl. Stephan Beetz, Veränderungen ländlicher Gesellschaften in Ostdeutschland, Vortrag auf der caminante-Starterkonferenz in Magdeburg 2005.
    3.
    Vgl. Ulrich Hampicke, Werte, Gerechtigkeit und Verantwortung in der genutzten Landschaft. Materialien der interdisziplinären Arbeitsgruppe "Zukunftsorientierte Nutzung ländlicher Räume" Nr. 7, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin 2006.
    4.
    Vgl. Siegfried Thieme, Agrarstruktureller Wandel im Land Brandenburg, in: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie, 39 (1995), S. 229 - 239; Karl Martin Born, The dynamics of property rights in post-communist East Germany, in: Hannes Palang/Helen Sooväli/Marc Antrop/Gunhild Setten (Hrsg.), European Rural Landscapes: Persistence and Change in a Globalising Environment, Dordrecht 2004.
    5.
    Vgl. Hans-Rudolf Bork/Claus Dalchow/Harald Kächele/Kurt Christian Kersebaum/Hans-Peter Piorr, Landschaftswandel in Nordost-Deutschland seit der Vereinigung, in: Geoökodynamik, 16 (1995), S. 211 - 242.
    6.
    Vgl. Stephan Beetz, Dörfer in Bewegung: Ein Jahrhundert sozialer Wandel und räumliche Mobilität in einer ostdeutschen ländlichen Region, Hamburg 2004.
    7.
    Vgl. Eva Barlösius/Claudia Neu, Scheitern als Vorbedingung zum Erfolg - der Wandel der ostdeutschen Landwirtschaft nach 1980, in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie, 51 (2003), S. 56 - 77. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch die Beiträge von E. Barlösius und C. Neu in dieser Ausgabe.
    8.
    Anteil der öffentlichen Transferzahlungen an den Bruttobetriebseinkünften, vgl. OECD, Agricultural Policies at a Glance, Paris 2004.
    9.
    Ausgedrückt als Summe der unternehmensbezogenen Direktzahlungen und Zuschüsse von Haupterwerbsbetrieben.
    10.
    Vgl. Karl-Friedrich Thöne, Europäische Politik für die ländliche Entwicklung, in: Zeitschrift für Kulturtechnik und Landentwicklung, 38 (1997), S. 203 - 208.
    11.
    Vgl. Deutscher Bauernverband, Situationsbericht 2006. Trends und Fakten zur Landwirtschaft, Bonn 2005.
    12.
    Die Vergleichbarkeit ist allerdings umstritten, vgl. Deutscher Bundestag (Anm. 1).
    13.
    Vgl. E. Barlösius/C. Neu (Anm. 7).
    14.
    Vgl. Deutscher Bundestag (Anm. 1).
    15.
    Vgl. Siegfried Bauer, Naturschutz und Agrarpolitik, in: Werner Konold/Reinhard Böcker/Ulrich Hampicke (Hrsg.), Handbuch Naturschutz und Landschaftspflege, Landsberg 2001.
    16.
    Vgl. Bryan Ilbery/Ian Bowler, From agricultural productivism to post-productivism, in: Bryan Bowler (Hrsg.), The geography of rural change, London 1998.
    17.
    Vgl. Dieter Korneck/Martin Schnittler/Frank Klingenstein/Gerhard Ludwig/Melanie Takla/Udo Bohn/Rudolf May, Warum verarmt unsere Flora? Auswertung der Roten Liste der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands, in: Schriftenreihe für Vegetationskunde, 29 (1998), S. 299 - 444.
    18.
    Vgl. Geoff A. Wilson, Post-Produktivismus in der europäischen Landwirtschaft: Mythos oder Realität?, in: Schweizer Zeitschrift für Geographie, 57 (2002), S. 109 - 126.
    19.
    Vgl. Lone Kristensen, Agricultural change in Denmark between 1982 and 1989: the appearance of post-productivism in farming?, in: Danish Journal of Geography, 101 (2001), S. 77 - 86.
    20.
    Allerdings sind auch innerhalb des Ökolandbaus Intensivierungstendenzen festzustellen, vgl. Rainer Oppermann/Alfons Krismann/Hermann Hötker/Jan Blew, Zielvorstellungen und Entwicklungsperspektiven für den Ökolandbau aus Naturschutzsicht, Singen-Bergenhusen 2004.
    21.
    Vgl. Land Brandenburg, Agrarbericht 2004, Potsdam 2004.
    22.
    Vgl. Tobias Plieninger/Oliver Bens/Reinhard F. Hüttl, Nachwachsende Rohstoffe, Bioenergie und Naturschutz, in: Werner Konold/Reinhard Böcker/Ulrich Hampicke (Hrsg.), Handbuch Naturschutz und Landschaftspflege, Landsberg 2006.
    23.
    Vgl. Öko-Institut, Stoffstromanalyse zur nachhaltigen energetischen Nutzung von Biomasse, Berlin2004.
    24.
    Vgl. Joachim Hacker, Kommunales Energiekonzept mit Wärme und Kraft(stoff) aus Biomasse, in: Allgemeine Forst Zeitschrift Der Wald, 61 (2005) 10, S. 552 - 553.
    25.
    Vgl. Christiane Brunner/Manfred Hotwagner/Alexandra Kopitar, Güssing/Südburgenland - erste energieautarke Stadt Österreichs, in: Informationen zur Raumentwicklung, (2006) 1/2, S.93-101.
    26.
    Vgl. Stefan Mann, Die Entsiedelung ländlicher Räume und das Agrarsystem, in: Berliner Debatte Initial 15 (2004), 2, S.86-95.
    27.
    Z.B. kann eine großflächig ausgeräumte Agrarlandschaft Entwicklungsmöglichkeiten im Bereich des Tourismus blockieren.
    28.
    Vgl. Kenneth Anders/Lars Fischer, Von der Landschaft leben. Nachhaltiges Wirtschaften in regionalen Wertschöpfungsketten, Schiffmühle 2004.