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6.9.2006 | Von:
Friedrich Hauss
Rainer Land
Andreas Willisch

Umbruch der Agrarverfassung und Zerfall der ländlichen Gesellschaft

Die kapitalistische Modernisierung der ostelbischen Regionen

Die ländliche Gesellschaft der nordostdeutschen Regionen ist ein Produkt der kapitalistischen Modernisierungsschübe der letzten 200 Jahre entlang des Paradigmas einer sich industrialisierenden (landwirtschaftlichen) Massenproduktion. Kernstrukturen der ländlichen Gesellschaft waren und sind drei aufeinander bezogene Teilsysteme:

Erstens handelt es sich um die lokal und regional organisierten agrarwirtschaftlichen Cluster bzw. Netzwerke, zu denen üblicherweise Guts- und Bauernwirtschaften, funktional integrierte Verarbeitungsbetriebe (Molkereien, Schlachtereien, Zucker- und Stärkefabriken, Brennereien usw.) und funktional integrierte Vor- und Dienstleistungszweige (Saat- und Viehzucht, Schlosser, Schmiede, Stellmacher, Bauhandwerker usw.) gehörten. Sie bildeten Komplexe, die durch ihren wechselseitigen Funktionsbezug nach innen als Komplex eine effiziente Funktion nach außen (Exportbilanz) wahrnehmen konnten. Entscheidend dabei sind die Schnittstellen dieser Cluster nach innen, die vor allem durch die darin integrierten Großbetriebe - kapitalistische Güter, in der DDR volkseigene Güter, große Agrargenossenschaften und Kooperationsbetriebe - innovative Zentren besaßen, die den Transfer externen Know-hows beispielsweise aus den Universitäten und Forschungsanstalten in die Praxis und die lokalen Agrarcluster vermittelten. Die Guts- und Großbetriebe waren nicht nur die ökonomischen Zentren der lokalen Cluster, sondern auch die Machtzentren der ländlichen Gesellschaft. Mit dieser Organisationsform der Wirtschaft ging ein stetiger Produktivitätsfortschritt auf der Basis einer sich durch wissenschaftsgetriebene Innovationen vollziehenden Industrialisierung der Landwirtschaft über viele Jahrzehnte einher.

Das zweite darauf bezogene Teilsystem der ländlichen Gesellschaft bilden die Dörfer und Kleinstädte, die rural-urbane oder auch räumliche Siedlungs- und Infrastruktur des ländlichen Raums. Dörfer und Landstädte waren nicht nur die Standorte der dazu gehörigen Betriebe und Betriebsteile, sie fungierten zugleich als Schnittstellen der ländlichen Gesellschaft: Schnittstellen zwischen den einzelnen Betrieben der Agrarcluster, Schnittstellen nach "außen", zu überregionalen Märkten und Wissen, Schnittstellen zwischen den Betrieben und der Landbevölkerung. Ebenso wichtig aber sind Städte und Dörfer als Ort der Reproduktion der kulturellen und politischen Kommunikation) und der Verbindung der ländlichen Gesellschaft mit der "Welt" und dem Staat.

Das dritte funktional auf die ersten beiden bezogene Teilsystem stellt die ländliche Bevölkerung in ihrer Sozialstruktur, ihrer Lebensführung und ihren Interaktionsformen dar, die funktional durch Korrespondenzen (nicht Kausalitäten!) mit den Wirtschaftsclustern und dem rural-urbanen System bestimmt sind. Sozialstruktur, Lebensführung und Interaktionsformen sind vor allem durch die Erwerbsarbeit an die Betriebe der Agrarcluster und das Leben in den Städten und Dörfern gekoppelt. Die ostelbische Landgesellschaft war eine Arbeitsgesellschaft, eine dominant an Erwerbsarbeit in betrieblicher Organisation orientierte Gesellschaft.

Der Zusammenhang zwischen diesen drei Komponenten - Agrarclustern, Raum-, Siedlungs- und Infrastruktur und Lebenskonstruktionen der Landbevölkerung - war nicht statisch und darf auch nicht im Sinne ländlicher Idylle missverstanden werden. Er befand sich in ständiger Bewegung, entstand und wandelte sich in einem Prozess der "Modernisierungs-Koevolution" von Wirtschaft, Infrastruktur und Sozialstruktur, der schubweise Friktionen und Prekaritäten hervorbrachte, die mit Strukturwandel, Berufswandel, politischen Auseinandersetzungen, Bevölkerungsmigration und Ähnlichem einhergingen und die im Prinzip durch Modernisierungsschübe in Form einer "Transformation", einer veränderten Reproduktion der Kernelemente der ländlichen Gesellschaft (verbunden mit Reformen) immer wieder gelöst wurden.