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6.9.2006 | Von:
Friedrich Hauss
Rainer Land
Andreas Willisch

Umbruch der Agrarverfassung und Zerfall der ländlichen Gesellschaft

Entkoppelung von fordistischer Sozialökonomie und ländlicher Gesellschaft

Welches sind die Kernprozesse des Modernisierungsschubs der letzten zwei Jahrzehnte? Offensichtlich überlagern sich hier zwei Prozesse: erstens ein Umbruch im System der agrarischen Massenproduktion, der zur Erosion der Erwerbsarbeit und zur Auflösung der Bindungen fast der gesamten Landbevölkerung an die Agrarcluster führt; zweitens ein kultureller Umbruch in den Lebensführungsmodellen der Individuen und Familien, den wir zunächst skizzieren wollen.

In der bis in die sechziger und siebziger Jahre hinein noch funktionierenden modernen ländlichen Gesellschaft fungierten Dörfer und Kleinstädte als Schnittstellen, die nicht nur die wirtschaftlichen Prozesse, sondern auch die wichtigsten kulturellen Kommunikationen vermittelten. Insofern waren auch ländliche Gesellschaften an die vor allem von den Großstädten und Ballungsgebieten ausgehenden kulturellen Veränderungen der Moderne gekoppelt. Aber diese Kopplung war vermittelt durch die eigenen kulturellen Konstruktionen der ländlichen Gesellschaft. Veränderungen wurden selektiv und eigensinnig verarbeitet, solange es die eigenen Instanzen waren - Kirche, Vereine, Dorfgemeinschaften, später Kulturhäuser, politische Organisationen und auch die großen Agrarunternehmen selbst (LPG, VEG samt ihrer kulturellen Funktionen und Infrastrukturen). Die "Moderne" auf dem Lande, auch die Lebenskonstruktionen der Landbevölkerung, hatte ein anderes Gesicht als jene der Großstädte: Der Bezug auf die beiden anderen Teile der ländlichen Gesellschaft, die spezifischen Wirtschaftscluster der agrarischen Massenproduktion und die bauliche und infrastrukturelle Konstruktion der Landschaft, blieben erhalten.

Inzwischen hat sich das geändert. Die Mobilität der Landbevölkerung ist enorm gestiegen, ist sie doch heute existenziell für die Lebensführung der Landbevölkerung. Die modernen Kommunikationsmedien - Telefon, Rundfunk, Fernsehen, Printmedien, Internet - verbinden die Landbevölkerung ohne Vermittlung über die eigene Dorfkultur mit den Zentren einer sich globalisierenden Moderne. Dies hatte schon im Laufe des 20. Jahrhunderts immer wieder zu bemerkenswerten kulturellen Konflikten zwischen den Generationen und verschiedenen sozialen Gruppen auf dem Lande geführt, auch zu einer systematischen Abwanderung jüngerer Bevölkerung einerseits und einer Gruppe von auf dem Land lebenden Städtern andererseits.

Der Umbruch in der agrarischen Massenproduktion führte in Kombination mit dem Verlust der Bindungen an erwerbsmäßig und berufsförmig an die Landwirtschaft gekoppelten Lebensführungsmodellen zur Zerstörung der Grundlagen der "dörflich-ländlichen Moderne" - ein Prozess, der sich seit den achtziger Jahren vehement durchsetzte. Die ursprünglich funktional auf die ländliche Gesellschaft bezogene Kultur wurde entwurzelt, verkam zur Folklore, wie wir sie in Erntedankfesten, Osterfeuern und Vereinsveranstaltungen antreffen, die nicht wirklich in die Lebenskonstruktion der Landbevölkerung hineinreicht. Die Orientierungen und Lebensperspektiven vor allem der jüngeren Generationen auf dem Lande unterscheiden sich heute kaum noch von denen der in Ballungsgebieten und Großstädten Lebenden, auch wenn sie in der praktischen Umsetzungsform aus "technologischen" Gründen Unterschiede aufweisen.

Der andere oben genannte Kernprozess der gegenwärtig ablaufenden Modernisierung ist der Übergang eines zuvor regional verankerten Modells der landwirtschaftlichen Massenproduktion in lokalen und regionalen Clustern zu einer überregional bzw. global organisierten Agrarwirtschaft, die mit der Auflösung der lokalen Agrarcluster verbunden ist. Die Schnittstellen der landwirtschaftlichen Großbetriebe zu den vor- und nachgelagerten Prozessen weisen heute meist in überregionale Netzwerke und Kreisläufe: Das sind global agierende Lebensmittelkonzerne, große Zulieferbetriebe des Landmaschinenbaus, der Agrochemie, der Saatzucht usw. Lokale Zuliefer- und Verarbeitungsnetzwerke sind überflüssig und ineffizient. Aus den lokalen Agrarclustern wurden binnen acht Jahren überregional organisierte Produktionsverbünde. Alle wichtigen Innovationskompetenzen und -ressourcen dieses Systems sind in der Hand global organisierter oder zumindest global agierender Unternehmen. Sie sind die Motoren der technologischen und organisatorischen Modernisierung der Agrarwirtschaft. Die Standorte der großen Agrarbetriebe befinden sich natürlich noch im ländlichen Raum, aber sie sind kaum noch Teil der ländlichen Gesellschaft. Die Dörfer und Kleinstädte haben ihre Funktion als Schnittstellen in den Agrarclustern verloren. Die Zahl der benötigten Arbeitskräfte ist auf weniger als ein Fünftel zurückgegangen, weil die Produktivität angestiegen ist, noch mehr wegen des Verlustes fast aller Arbeitsplätze in den vor- und nachgelagerten Bereichen. Die Mehrheit der Landbevölkerung lebt inzwischen weder direkt noch indirekt von Erwerbsarbeit in der Landwirtschaft. Und schließlich ist die Synchronität der landwirtschaftlichen Erwerbsarbeit mit dem Leben auf dem Lande kaum noch gegeben.

Mit der Auflösung der für die agrarische Massenproduktion typischen lokalen Cluster geht aber nicht nur die über Erwerbsarbeit vermittelte Bindung an die Landbevölkerung verloren, sondern auch die Beziehung zur räumlichen Organisation, zu den Dörfern und Landstädten. Während die Agrarcluster früher auch die Reproduktion der rural-urbanen Strukturen direkt oder indirekt durchführten - sie hatten die Finanzen, die Baukapazitäten, das Know-how, aber auch das Interesse daran-, ist die Entwicklung der Infrastruktur und die Gestaltung der Kleinstädte und Dörfer heute Aufgabe der Kommunen - aber eben von Kommunen, die aus der Abhängigkeit und Fürsorge der großen Agrarbetriebe und ihrer Netzwerke doppelt "befreit" sind.