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6.9.2006 | Von:
Friedrich Hauss
Rainer Land
Andreas Willisch

Umbruch der Agrarverfassung und Zerfall der ländlichen Gesellschaft

Neue soziale Problemlagen

Kulturelle und wirtschaftliche Modernisierung heben die Geschäftsgrundlage der ländlichen Gesellschaft auf. Das Ergebnis ist ein Szenario, das Fragmentierung, Neuorientierung und Gettoisierung in eigentümlicher Weise mischt und bislang keine dominante Linie der Reorganisation erkennen lässt. Unter den dabei zu beobachtenden Prozessen sind vor allem die Folgenden hervorzuheben:


  • Überflüssige Erwerbsbevölkerung: Erosion der Erwerbsarbeit und Rückgang oder Verlust der Erwerbseinkommen für größere Teile der Bevölkerung. Der Verlust der Erwerbsarbeit und damit der autonomen Existenzgrundlage, Abhängigkeit von Transfereinkommen wächst;
  • Verlust der bisherigen Funktionen von Dörfern und Landstädten, damit auch Aufhebung der bisher strukturbestimmenden Entwicklungsgrundlage;
  • Abwanderung und demographischer Strukturwandel: Bevölkerungsrückgang, Alterung, Qualifikationsverlust, Veränderung der Geschlechterproportionen;
  • Funktionsverlust alter, an den Zusammenhang zur Wirtschaftsstruktur gebundener sozialer Netzwerke; Rückgang der sozialen Bindungen und Ausdünnung sozialer Netzwerke speziell für "Überflüssige"; Gettoisierung sozialer Problemlagen;
  • Ausdünnung der Infrastruktur: Zunahme der Entfernungen zu wichtigen öffentlichen Dienstleistungen und Infrastrukturangeboten (Schulen, Bildung, Versorgung, Gesundheit) bei gleichzeitig differenzierter Entwicklung der Qualität der verschiedenen Infrastrukturen.
  • Steigende Lebenshaltungskosten in einigen Bereichen (Strom, Lebensmittel), abnehmende Differenzierung des Versorgungsangebots.

    Von 1990 bis 2003 hat beispielsweise Mecklenburg-Vorpommern fast neun Prozent seiner Bevölkerung verloren. Entsprechend gehen soziale und infrastrukturelle Dienstleistungen aller Art zurück. Schulen werden - oft gegen heftigen Widerstand - geschlossen, Ärzte händeringend gesucht, der öffentliche Nahverkehr wird auf Tagesrandverbindungen ausgedünnt, Ämter werden in entfernte Kreisstädte verlagert, kulturelle Einrichtungen geschlossen, Weiterbildungsmöglichkeiten entfallen. Für die Bevölkerung wird Mobilitätsfähigkeit zur zentralen Ressource des Alltags. Junge Männer, die ihren Führerschein verloren haben, verlieren oft genug gleichzeitig ihre Arbeitsstelle - und haben kaum die Chance, eine neue zu finden. Dieses Mobilitätsproblem hat nicht nur eine Kostendimension und belastet das tägliche Zeitbudget. Man geht nicht mehr aus dem Haus, Jugendliche kommen nur noch bis zur Tankstelle oder dem Buswartehäuschen - an dem kein Bus mehr hält.

    Mit ihren individuellen Bewältigungsressourcen treffen die Menschen im ländlichen Raum Ostdeutschlands auf die skizzierten Rahmenbedingungen zur Bewältigung ihres Alltags und zur Realisierung ihrer Lebensentwürfe. Ihre individuellen Voraussetzungen (oder Bewältigungsressourcen) sind nicht schlechter oder besser ausgeprägt als in anderen Gegenden Deutschlands auch. Zum Defizit bzw. gefährdend für die Bewältigung des Alltags wird die Ausprägung der individuellen Bewältigungsressourcen erst an den Schnittstellen zu den äußeren Rahmenbedingungen, die kaum noch gesellschaftliche/öffentliche Bewältigungsmöglichkeiten vorhalten. Wenn kein Bus mehr fährt und kein Auto zur Verfügung steht, muss dass Kind zu Hause bleiben und die Betreuungsperson kann nicht zur Arbeit gehen - sofern sie überhaupt eine hat.

    Eine Untersuchung - finanziert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung - zu neuen sozialen Problemlagen in ländlichen Krisenregionen erbrachte erste, zum Teil nicht-repräsentative Ergebnisse über die Lebenssituation von Menschen im ländlichen Raum Nordostdeutschlands.[3] Das Neue an den dabei analysierten sozialen Problemen ist, dass es sich häufig um multiple Problemlagen handelt, die als Kombination mehrerer Probleme darzustellen sind.

    Es ist die dichte Koppelung von individuellen Gefährdungsbereichen und (zurückgebauten) "öffentlichen" Bewältigungsmöglichkeiten, die auf individueller Ebene zu prekären Lebenslagen führt. Dies soll im Folgenden etwas ausführlicher dargestellt werden.

    Die individuellen Bewältigungsvoraussetzungen lassen sich wie in Abbildung 1 dargestellt quantifizieren (vgl. PDF-Version). Ein Gefährdungsbereich liegt bei einer Person dann vor, wenn wenigstens eines der oben aufgeführten Gefährdungselemente (rechte Seite) vorliegt. Einzelne Gefährdungsbereiche kombinieren sich zu Risikolagen. Es kann eine Erwerbsgefährdung vorliegen (zum Beispiel bei niedrigem Schulabschluss), aber zugleich eine hohe Mobilitätsbereitschaft bzw. -fähigkeit gegeben sein (noch 20 Prozent der Männer sind bereit, täglich mehr als 100 Kilometer zu pendeln). Dann führt die individuelle Erwerbsgefährdung nicht zwangsläufig zu Erwerbslosigkeit; die Arbeitskraft kann in weiter entfernt liegenden Regionen angeboten werden. Ist aber die Mobilität eingeschränkt und der Bildungsstand niedrig (bei einer kleinen Gruppe von jungen Männern bis 25 Jahre ist dies der Fall), dann steht es schlecht um die Aufnahme einer Erwerbsarbeit, auch wenn es in weiter entfernt liegenden Regionen Arbeitsplätze geben würde. Tatsächlich ist in unserem Sample die Gefahr, arbeitslos zu werden, bei vorliegender Erwerbsgefährdung und vorliegender Mobilitätseinschränkung mehr als doppelt so hoch wie ohne eingeschränkte Mobilität (allerdings nur wenige Fälle).

    Risikolagen selbst unterscheiden sich durch eine vielfältige Kombination ihrer Gefährdungsbereiche, wie Abbildung 2 zeigt (vgl. PDF-Version). Deutlich wird die herausragende Stellung der Erwerbsgefährdung. Ist keine Erwerbsgefährdung vorhanden (linke Seite), dann führen nur noch fehlende materielle Ressourcen und fehlende Mobilität zu einer Risikolage. Demgegenüber führt eine vorhandene Erwerbsgefährdung stets zu Risikolagen (aufgenommen sind nur Kombinationen mit einer größeren Fallzahl als 20).

    Die personenbezogene Anlage der Untersuchung erlaubt es nun, die unterschiedlichen Kombinationen von Gefährdungsbereichen (Risikolagen) unter anderem nach sozialdemographischen Aspekten auszuwerten. Dies soll hier für die Situation der Frauen geschehen: Frauen sind etwas häufiger von familialen und Mobilitätseinschränkungen betroffen als Männer. Wenn sie Mobilitätseinschränkungen aufweisen und familiale Verpflichtungen übernehmen (also weniger "verfügbar" sind), geht dies öfter als bei Männern mit dem Risiko einher, "arm" zu sein oder zu werden. Aber: Erwerbsgefährdung als einziger Gefährdungsbereich kommt bei Frauen nur etwa halb so häufig vor wie bei Männern. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass Erwerbsgefährdung zusammen mit anderen Gefährdungsbereichen auftritt und sich eine Risikolage herausbildet, bei Frauen um 40 Prozent höher als bei Männern. Die Mobilitätsgefährdung ist fast dreimal, Einkommensgefährdung und Mobilitätsgefährdung sind doppelt so hoch. Letztlich bestätigt sich damit die oft beschriebene Situation von Frauen, die zwar "gute" Voraussetzungen für eine Platzierung auf dem Arbeitsmarkt mitbringen, weil sie im Schnitt bessere Bildungsvoraussetzungen vorweisen können, aber durch gesellschaftsspezifische Rollen- bzw. Situationszuweisungen offensichtlich gehindert werden, von diesen "guten" Voraussetzungen Gebrauch machen zu können.

    Aus den Daten der Untersuchung kann in Bezug auf die soziale Lage der ländlichen Bevölkerung der Schluss gezogen werden, dass Risikolagen zeitlich umso stabiler sind - die Personen also lange in diesen Risikolagen verharren -, desto dichter die Verschränkung der einzelnen Gefährdungsbereiche der individuellen Risikolage ist. Innerhalb der Risikolage bewirken Änderungen (nur) eines Gefährdungsbereichs (zum Beispiel durch gezielte Interventionen einer Sozialleistungsbehörde) oder der Verlust einer Bewältigungsressource (zum Beispiel das Versagen des Autos am Morgen) oft unabschätzbare oder unerwartete Folgen für alle anderen Gefährdungsbereiche der jeweiligen Risikolage. Meist findet dann innerhalb der Risikolage eine neue Kombination von Gefährdungsbereichen statt, ohne dass sich die Risikolage auflösen würde.

    Als Beispiel dafür, wie eng die verschiedenen Gefährdungsbereiche miteinander verschlungen sind und wie weit der Weg ist, eine davon determinierte Risikolage zu verlassen, kann eine "aufstockende", alleinerziehende ALG-II-Empfängerin dienen. "Aufstockend"[4] bedeutet, dass sie neben ihrem Einkommen noch "HartzIV"-Empfängerin ist. In diese Situation ist sie gekommen, weil sie mit ihrem mittlerweile 18jährigen Sohn eine Bedarfsgemeinschaft bildet. Dem Sohn wurde wegen fortgesetzten unentschuldigten Fehlens sein berufsvorbereitendes Jahr gekündigt. Daraufhin meldete sie ihn beim Träger der Grundsicherung (Arge) an. Der bewilligte ihr, weil sie in ihrem befristeten Job gerade einmal 5,70 EUR brutto verdient, einen Wohnkostenzuschuss. Sie wiederum erwartete vom Fallmanagement der Arge, dass ihrem Sohn geholfen würde, endlich eine ordentliche Ausbildung zu beginnen und die dafür notwendigen sozialisatorischen Fähigkeiten zu entwickeln (z. B. Konzentrationsfähigkeit, morgens aufzustehen oder verbindliche Absprachen zu treffen). Er "brauche mehr Druck vom Arbeitsamt". Sie "allein komme mit dem Problem nicht zurecht", zumal sie ja jeden Tag von morgens 6 Uhr bis abends 17 Uhr im "Kühlraum am Band" stehe. Da sie kein eigenes Auto hat, bilde sie mit einem ebenfalls nur befristet beschäftigten Kollegen eine Fahrgemeinschaft in die 30km entfernt liegende Kreisstadt. Verdiente sie nun eines Tages etwas mehr für ihre Arbeit am Fließband, gelänge ihr zwar der Ausstieg aus HartzIV, jedoch bliebe sie extrem abhängig vom Fahrarrangement mit dem Kollegen und vom Arbeitgeber wegen der halbjährlichen Befristung. Dagegen verlöre sie die Unterstützung des Fallmanagements für ihren Sohn. Würde dagegen dem Kollegen der Vertrag nicht verlängert, stünde auch ihr Job auf dem Spiel. Sollte der Sohn - wie viele andere in seiner Lage - die Region verlassen, hätte sich damit noch nichts an der Einkommens-, Erwerbs- und Mobilitätsverwundbarkeit geändert. Um die Stabilität der Risikolage aufzubrechen, müsste es ihr gelingen, in einem entfristeten Arbeitsverhältnis so viel mehr Geld zu verdienen, dass es für ein eigenes Auto reichte. Gleichzeitig müsste ihr Sohn eine Lehre beginnen - und möglichst beenden, damit von dem Mehrverdienst nicht alles für das notwendige Auto und den nichtbeschäftigten Sohn aufgezehrt würde. Schon allein der Verdienstzugewinn scheint in weiter Ferne, vielmehr noch der Berufseinstieg des Sohnes, den der Fallmanager für einen "hoffnungslosen" Fall hält.

    Ungefähr 30 Prozent der Befragten weisen solche dicht verkoppelten Gefährdungsbereiche auf, zeichnen sich in ihrer Bewältigungsfunktion durch einen ständigen Wechsel der Bedeutung einzelner Gefährdungsbereiche aus und verharren trotzdem in ihrer schwierigen Lebenslage. Vielmehr bilden sich durch die Kombination von Gefährdungslagen und durch die Auflösung der gesellschaftlichen Bewältigungsbedingungen spezifische Kohorten - also Jahrsgangsgruppen - heraus, für die auch für die Zukunft eher ein Verweilen in der Prekarität prognostiziert werden kann. Dies sind vor allem: - Die jetzt unter 30-Jährigen, die zurzeit auf Suche nach Arbeit oder arbeitslos gemeldet sind (15,4 Prozent) und die nur einen kleinen Bewerbungsradius aufweisen (25 Prozent) bzw. bei denen beide Risiken vorliegen (26,3 Prozent der Arbeitslosen bzw. Arbeitssuchenden haben einen Bewerbungsradius von unter 20 Kilometern): Von den Mitgliedern dieser Altersgruppe waren 45 Prozent in den letzten fünf Jahren arbeitslos, 5 Prozent von ihnen beziehen Sozialhilfe (Stand 2003), und immerhin fast 10 Prozent waren zum Zeitpunkt der Befragung langzeitarbeitslos. In Ostdeutschland ist der Anteil der instabilen bzw. unterbrochenen Beschäftigungen in der Kohorte der bis 30-Jährigen etwa doppelt so hoch wie in Westdeutschland. - Die jetzt über 50-Jährigen, für die für einen beträchtlichen Teil ihrer Mitglieder die Gefahr von Altersarmut vorausgesagt werden kann: Dies ist vor allem dem großen Anteil instabiler oder unterbrochener Erwerbsverläufe in dieser Gruppe geschuldet. In dieser Haushaltsbefragung gaben fast 20 Prozent der über 50-Jährigen an, in den letzten fünf Jahren (durchschnittlich zweimal) arbeitslos gewesen zu sein, 4,3 Prozent bezogen Sozialhilfe (Stand 2003), 6,9 Prozent waren teilzeitbeschäftigt, 20 Prozent waren zum Zeitpunkt der Befragung arbeitslos, von diesen wiederum fast jeder Dritte langzeitarbeitslos. Unstete Erwerbsbeteiligung, unzureichende Bezahlung und "Maßnahmekarrieren" führen jedoch zu geringeren Ansprüchen auf Altersrente, die durch private Zuzahlungen nicht aufgestockt werden kann. Das Risiko der Altersarmut besteht für schätzungsweise 20 bis 25 Prozent der jetzt 50-Jährigen.

    Diese und andere Einzelbefunde lassen sich begrifflich als neue soziale Problemlagen fassen: Es handelt sich dabei nicht um einzelne oder wenige spezielle, sondern um mehrere Probleme in Kombination; nicht selten treten fast alle möglichen Probleme in verschiedenen Varianten und Verbindungen auf.

  • Fußnoten

    3.
    Eine ausführliche Diskussion der Ergebnisse liefert der Projektbericht für das BMBF. Darüber hinaus wird die Publikation der Ergebnisse gerade vorbereitet. In der Untersuchung wurde eine Telefonbefragung von ca. 409 Haushalten in drei Gemeinden des Müritz-Kreises durchgeführt. Auf diese Weise erhielten wir Angaben zu ca. 1 019 Personen. Zusätzlich wurden nochmals ca. 50 Personen in ausführlichen biografischen Interviews zu ihrer persönlichen Situation befragt. Weitere Datenquellen waren die amtliche Statistik, regionale Erhebungen des IAB sowie Materialen der örtlichen Sozialämter.
    4.
    Im untersuchten Landkreis Müritz sind ca. 25 Prozent der ALG-II-Empfänger sogenannte "Aufstocker", d. h. dass sie neben ihren zu geringen Erwerbseinkommen noch Leistungen nach SGB III beziehen müssen, um als Bedarfsgemeinschaft wenigstens auf Sozialhilfeniveau leben zu können.