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6.9.2006 | Von:
Friedrich Hauss
Rainer Land
Andreas Willisch

Umbruch der Agrarverfassung und Zerfall der ländlichen Gesellschaft

Zwischen Umbruch und Auflösung

Diese multiplen Problemlagen deuten gerade auf das Besondere einer in Auflösung befindlichen ländlichen Gesellschaft hin. Zwar beginnt die Entwicklung einer sozialen Problemlage meist mit einem einzelnen und spezifischen Problem: Jemand wird arbeitslos, eine Familie löst sich wegen einer Scheidung auf, durch Fehler kommt es zu einer Verschuldung, durch Krankheit wird ein Familienernährer erwerbsunfähig. Solche spezifischen Problemlagen blieben dann temporärer Art, wenn es den Individuen gelänge, aus eigener Kraft oder mit Unterstützung von außen das Problem zu überwinden.

Im gegenwärtigen Umbruchs- und Auflösungsszenario aber verstärken sich die genannten einzelnen sozialen Probleme regelmäßig, ziehen weitere Probleme nach sich, werden zu Dauerproblemen, wachsen sich also zu einer multiplen Problemlage aus. Dies hat zwei Gründe:

Erstens verfügen die Individuen und Haushalte selbst über nur sehr geringe Möglichkeiten, entstandene Probleme aus eigener Kraft zu lösen. Hier haben wir es mit einem eigenen Gefährdungsbereich zu tun. Die Fähigkeit, die Lebensführung neu zu arrangieren, ein entstandenes Problem durch Restrukturierung des eigenen Lebensmodells zu lösen, eine veränderte Lebensperspektive zu gewinnen, hängt von eigenen Ressourcen ab - und die sind in den Umbruchskonstellationen oft am Limit: Man kommt gerade so zurecht, aber passieren darf nichts. Zweitens hängt die Möglichkeit zur Überwindung entstandener Probleme vom Umfeld, also von den Möglichkeiten ab, die der wirtschaftliche und soziale Kontext und die sozialstaatlichen Hilfsangebote liefern. Die trivialste, aber wichtigste Komponente ist das Angebot an Arbeitsstellen, das in dem Krisen- und Umbruchsszenario fast nicht vorhanden ist. Der Verlust des Arbeitsplatzes ist dann schon beinahe eine Katastrophe, ein neuer Arbeitsplatz ist kaum zu finden. Diese Situation reduziert auch die Möglichkeit, andere Probleme durch den Wechsel eines Arbeitsplatzes zu lösen. Die hohe Arbeitslosigkeit und der fortschreitende Verlust gut bezahlter Vollzeitarbeitsplätze betreffen also nicht nur die Problemlösungskapazitäten der Arbeitslosen, sondern schränken auch die der Beschäftigten enorm ein.

Die Erosion der Fähigkeit der Menschen, ihre sozialen Probleme selbst zu lösen - ob nun mit oder ohne Unterstützung von außen-, erklärt sich zentral aus dem Umbruch der Erwerbsarbeit und der hohen Arbeitslosigkeit, aber sie reduziert sich nicht darauf. Der Verlust sozialer Netze und der gewohnten Art öffentlicher Dienstleistungen sind weitere Komponenten. Der Rückgriff auf die alten Netzwerke, vor allem die der Betriebsbelegschaften oder der Schule, ist nicht mehr möglich. Die neu entstehenden Netzwerke - wie zum Beispiel die Träger und Vereine arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen - leiden zum Teil an ähnlichen Problemen wie die Menschen, denen sie bei der Lösung ihrer Probleme Hilfe leisten sollen. Das gesellschaftliche Netz, das Unterstützung und Halt bieten könnte, ist besonders da sehr dünn, wo neben der wirtschaftlichen Entbettung im Zuge des infrastrukturellen Rückbaus die Knotenpunkte dessen, was gesellschaftliches Leben ausmacht, aufgeben werden (Gemeindeverwaltungen, öffentlicher Nahverkehr, Schulen, Ärzte, Sportvereine, Jugendclubs). Auch der Zugriff auf gesetzlich geregelte Sozialleistungen hängt von Kompetenzen, Mobilität und Unterstützung ab, das heißt, er ist für manche Personen einfach, für andere schwer.

Spezifisch entstandene Problemlagen kumulieren also im Umbruchs- und Auflösungsszenario zu multiplen Problemlagen, erstens weil die Betroffenen selbst keine oder zu geringe Reserven und Kapazitäten zur Lösung des entstandenen Problems haben, zweitens weil das Umfeld zu wenige Möglichkeiten und Ansätze zu einer dem Problem angemessenen Reorganisation der eigenen Lebensführung bietet und drittens weil die im Umfeld vorhandenen Unterstützungsangebote entweder nicht passen, das Problem nicht lösen können, ganz fehlen oder schwer zugänglich sind.