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4.8.2006 | Von:
Sarah Tietze

Die Aids-Pandemie in Sub-Sahara-Afrika

Humanitäre Krisen und kriegerische Konflikte

Kriege und Bürgerkriege können die Ausbreitung der tödlichen Krankheit fördern. Bereits das erstmalige Auftauchen des HI-Virus in den siebziger Jahren in der Region der großen Seen und seine rasche Ausbreitung wird mit den Kriegen zwischen Uganda und Tansania und den damit einhergehenden Truppenbewegungen, Flüchtlingsströmen und Vergewaltigungen in Verbindung gebracht.[24] Armeen sind überdurchschnittlich von AIDS betroffen und verbreiten die Seuche besonders effektiv, da Soldaten die Dienste von Prostituierten häufiger in Anspruch nehmen als andere Bevölkerungsgruppen, sehr mobil sind und meist von ihren Familien getrennt leben. Offizielle Zahlen sind nicht zugänglich, aber Schätzungen zufolge sind bei den kongolesischen und angolanischen Streitkräften Infektionsraten von ca. 50 Prozent denkbar. Für die Armeen Malawis und Simbabwes werden sogar Werte zwischen 70 und 80 Prozent vermutet.[25]

Konflikte lösen häufig große Migrationsbewegungen aus, und mit den kämpfenden Truppen und fliehenden Zivilisten gerät auch das HI-Virus in Bewegung. Frauen und Mädchen, vor allem wenn sie von ihren Familien getrennt wurden, werden in dieser Situation häufig Opfer sexueller Übergriffe. Traurige Berühmtheit erlangten in diesem Zusammenhang Flüchtlingslager in Westafrika und der Demokratischen Republik Kongo. Dort hatten UN-Mitarbeiter Frauen vergewaltigt, auch indem sie Hilfsgüter gegen Sex tauschten.[26] Vergewaltigungen wurden in afrikanischen Konflikten immer wieder als "Kriegswaffe" eingesetzt. In Ruanda wurden 1994 während des Genozids innerhalb weniger Wochen zwischen 200 000 und 500 000 Frauen missbraucht. 80 Prozent von ihnen sind heute HIV-positiv.[27] Die Hälfte aller Vergewaltigungsopfer aus dem Bürgerkrieg in Sierra Leone erlitt dasselbe Schicksal.

Gewaltsame Konflikte fördern nicht nur AIDS, die Seuche stellt auch eine Gefahr für Sicherheit und Frieden dar. Die vielen AIDS-Waisen, denen es an einer ausreichenden sozialen Anbindung und materieller Versorgung fehlt, bilden ein dankbares Reservoir für die Armeen der Warlords in von Bürgerkriegen betroffenen Staaten. Außerdem steht zu befürchten, dass bei steigenden Infektionsraten in afrikanischen Armeen die Verteidigungsbereitschaft der betroffenen Verbände sinkt. Langfristig kann ein durch AIDS geschwächtes Militär die Sicherheit der betroffenen Staaten gefährden. Truppenteile könnten außer Kontrolle geraten und marodieren. Die Schwäche der nationalen Streitkräfte erleichtert zudem feindliche Invasionen. Auch gewaltbereite Gruppen innerhalb der nationalen Grenzen, etwa terroristische Vereinigungen, könnten ein Machtvakuum nutzen.[28] Nicht nur die nationale Sicherheit ist von diesen Entwicklungen betroffen, sondern auch die Sicherheit auf internationaler Ebene, denn auch für Blauhelmsoldaten gelten die bisher erläuterten Zusammenhänge. UN-Truppen werden sogar maßgeblich für die Verbreitung von AIDS in Liberia und Sierra Leone verantwortlich gemacht.[29] Befürchtungen, dass Peacekeeping-Truppen die Seuche in ihren Einsatzgebieten verbreiten oder die Krankheit bei ihrer Rückkehr in ihre Heimatländer einschleppen, sind durchaus berechtigt. Diese Mechanismen können in Zukunft negative Folgen für die Bereitschaft von Staaten haben, Blauhelme zu entsenden bzw. in ihrem Gebiet zu dulden.

Fußnoten

24.
Vgl. Laurie Garret, Die kommenden Plagen. Neue Krankheiten in einer gefährdeten Welt, New York-Frankfurt/M. 1994, S. 206.
25.
Vgl. Peter W. Singer, AIDS and International Security, in: Survival, 44 (2002) 1, S. 145 - 158, hier S. 153.
26.
Vgl. Joseph Leconte, The UN Sex Scandal, in: Weekly Standard vom 1. 3. 2005.
27.
Vgl. P. Singer (Anm. 25), S. 153.
28.
Vgl. International Crisis Group, HIV/AIDS as a Security Issue, Issues Report No. 1, S. 21, http://www.crisisgroup.org/home/index.cfm?id=1831&1=1 (10. 5. 2006).
29.
Vgl. ebd., S. 22.