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29.6.2006 | Von:
Lucian Boia

Historische Wurzeln der politischen Kultur Rumäniens

Grenzland

Rumänien nimmt in Osteuropa einen besonderen Platz ein.[1] Mit seiner überwiegend orthodoxen Glaubensausrichtung entspricht es dem religiösen Profil dieses Teils des Kontinents. Gleichzeitig unterscheidet sich Rumänien als romanische Nation von den Griechen und orthodoxen Slawen. Dieser im Mittelalter wenig bedeutsame Unterschied, als Religion mehr zählte als Nationalität, gewann im 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Nationalismus wesentliche Bedeutung; die Rumänen (oder zumindest die Eliten) begannen, sich nach Westen auszurichten und sich als "romanische Insel im slawischen Meer" zu begreifen.

Die beiden großen zusammenhängenden Gefüge Osteuropas sind die Balkanhalbinsel und Russland (bzw. das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion). Rumänien befindet sich dazwischen. Obwohl es gelegentlich als Balkanland bezeichnet wird, gehört es nicht zum Balkan, dessen nördlicher Grenzfluss, die Donau, die südliche Grenze Rumäniens bildet. Die drei bedeutendsten Gebiete Rumäniens, die Walachei im Süden, die Moldau im Nordosten und Siebenbürgen im Nordwesten, haben sich in sehr unterschiedlichen geopolitischen Kontexten entwickelt. Den Balkanländern am nächsten war die Walachei. Die Moldau pflegte enge, jahrhundertelange Beziehungen zu Polen und grenzte nach der Annexion des östlichen Landesteils Bessarabien (heute Republik Moldawien) seit 1812 an Russland. Siebenbürgen gehörte im Mittelalter zum Königreich Ungarn; es ist in der Mehrheit rumänisch, aber auch von einer bedeutenden ungarischen Minderheit besiedelt, der bis 1918 die führende Elite angehörte, sowie von Deutschen, die sich im 12. und 13. Jahrhundert niedergelassen hatten.

Der rumänische Raum fand sich immer wieder an den Grenzen der großen politischen und zivilisatorischen Gefüge wieder. Die Grenze zwischen dem Römischen Reich und der Welt der "Barbaren" verlief quer durch Dakien, dem heutigen Rumänien. Die Donau war nacheinander Grenzfluss des Römischen, Byzantinischen und Osmanischen Reiches. Zu Beginn der Moderne trafen das Osmanische Reich, das Zarenreich und Österreich in dieser Region aufeinander und teilten einen Teil des rumänischen Gebietes unter sich auf, während sie die Fürstentümer Walachei und Moldau duldeten. Gleichzeitig traf hier die orthodoxe östliche auf Vorboten der westlichen Zivilisation. Auch heute leben die Rumänen an der Grenze: derzeit außerhalb, in naher Zukunft innerhalb der EU.

Die andauernde Grenzlage hatte zwei widersprüchliche und zueinander komplementäre Auswirkungen: auf der einen Seite eine relative Isolierung, eine Übernahme unterschiedlicher Modelle in abgewandelter Form sowie die Erhaltung traditioneller Strukturen und einer bodenständigen Mentalität, auf der anderen Seite eine außerordentliche ethnische und kulturelle Durchmischung, in der alle Himmelsrichtungen gegenwärtig sind. Rumänien ist ein Land, das von Epoche zu Epoche und je nach Region türkische und französische, ungarische und russische, griechische und deutsche Einflüsse aufgenommen hat. Man wird in Europa schwerlich ein vergleichbar weit gefächertes Spektrum, eine Synthese ebenso vieler unterschiedlicher Färbungen finden. Als Schnittpunkt der Wege und Zivilisationen ist Rumänien ein offener Raum; permanente Instabilität und eine unaufhörliche Bewegung von Menschen und Werten haben es charakterisiert. Rumänien ist ein offenes und zugleich verschlossenes Land; die Rumänen waren und sind geteilt in diejenigen, die in Richtung Europa blicken, und diejenigen, die äußeren Einflüssen gegenüber unzugänglich bleiben. Westliche Öffnung und nationale Isolation verdeutlichen eine für die rumänische Gesellschaft typische intellektuelle Polarisierung. Das Aufeinandertreffen dieser beiden Denkrichtungen hat den Modernisierungsprozess der vergangenen beiden Jahrhunderte begleitet.

Fußnoten

1.
Vgl. Lucian Boia, Romania. Borderland of Europe, London 2001; erw. französische Ausgabe: La Roumanie. Un pays à la frontière de l'Europe, Paris 2003.