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29.6.2006 | Von:
Lucian Boia

Historische Wurzeln der politischen Kultur Rumäniens

Regionen und Minderheiten

Rumänien ist ein relativ junger Staat. Im Jahr 1859 ging aus der Vereinigung der beiden Fürstentümer Walachei und Moldau "Kleinrumänien" hervor und umfasste im Jahr 1914 eine Fläche von 137 000 Quadratkilometern. "Großrumänien" mit rund 295 000 Quadratkilometern entstand nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, als der Kern durch Bessarabien, die 1775 durch die Habsburger von der Moldau abgetrennte Bukowina und vor allem durch Siebenbürgen vervollständigt wurde (hier als Oberbegriff gebraucht, der außer Siebenbürgen selbst noch drei Regionen westlich desselben einschließt: das Banat, Crisana und Maramures, alle mit vorwiegend rumänischer Bevölkerung, aber bis 1918 zu Ungarn gehörend).

Das verbindende Element dieser Ansammlung von Ländern und Regionen, die unterschiedliche historische Entwicklungen erlebt haben, war die rumänische Bevölkerung, die überall in der Mehrzahl war.[2] Aber die Minderheiten waren ebenso zahlreich und verliehen dem "großen" Rumänien einen recht zusammengewürfelten Anschein. So gab es in Siebenbürgen (im engeren Sinn) nach Erhebungen von 1930 57,6 % Rumänen, 29,1 % Ungarn und 7,9 % Deutsche; im Banat 54,3 % Rumänen, 23,8 % Deutsche (angesiedelt im 18. Jahrhundert) und 10,4 % Ungarn; in der Bukowina 44,5 % Rumänen, 27,7 % Ukrainer, 10,8 % Juden und 8,9 % Deutsche; in Bessarabien 56,2 % Rumänen, 12,3 % Russen, 11 % Ukrainer und 7,2 % Juden; in der ans Schwarze Meer grenzenden Dobrudscha, die zum Osmanischen Reich gehörte und 1878 Rumänien angegliedert wurde, 44,2 % Rumänen, 22,8 % Bulgaren und 18,5 % Türken. In ganz "Großrumänien" betrug der rumänische Anteil an der Bevölkerung 71,9 %. Die nationale Einheit wurde in der Verfassung festgeschrieben. Rumänien war zweifellos weniger ethnisch durchmischt als die Vielvölkerstaaten Tschechoslowakei, Polen oder Jugoslawien; es befand sich auf halbem Weg zum Nationalstaat.

Seitdem hat das Land einen "Rumänisierungsprozess" erlebt. Gebiete wie die Bukowina im Norden, Bessarabien und der Süden der Dobrudscha, in denen Minderheiten besonders zahlreich waren, sind vom Staatsgebiet abgetrennt worden; Rumänien umfasst heute 238 000 Quadratkilometer. Ein Teil der jüdischen Bevölkerung (4 % des Anteils von 1930) wurde im Zweiten Weltkrieg ermordet, ein anderer Teil emigrierte; es leben in Rumänien nach Erhebungen von 2002 nur noch rund 6000 Juden. Auch die meisten der 750 000 Deutschen, die 1930 ungefähr 4 % der Bevölkerung ausmachten, emigrierten; 2002 hatte sich ihre Zahl auf 60 000 (0,3 % der Bevölkerung) reduziert. Heute sind 89,5 % der Bevölkerung ethnisch gesehen Rumänen. Die bedeutendsten Minderheiten bleiben die Ungarn und die Zigeuner.[3]

Auch die Anzahl der Ungarn hat abgenommen. Stellten sie 1930 noch 24,4 % der Bevölkerung Siebenbürgens (im weiteren Sinne), waren es 1992 noch 21 und 2002 19,6 %; in ganz Rumänien lebten 1992 7,1 und 2002 6,6 % Ungarn. In Siebenbürgen stieg der Anteil der rumänischen Bevölkerung von 58 % im Jahr 1930 auf heute fast 75 %. Auch die Zahl der Zigeuner ist angestiegen: Lebten 1992 rund 410 000 (1,8 % der Bevölkerung) in Rumänien, waren es 2002 bereits 535 000 (2,5 %); es wird geschätzt, dass ihr tatsächlicher Anteil deutlich höher liegt, da sich viele in Befragungen als Rumänen bezeichnen.

Als Folge der "Rumänisierung" haben sich die regionalen Unterschiede nach und nach verwischt. Dieser Prozess wurde durch die kommunistische Industrialisierungspolitik (die etwa in Siebenbürgen rumänische Landbevölkerung in Städten mit mehrheitlich deutscher oder ungarischer Bevölkerung angesiedelt hat) und die Strategie der sozioökonomischen Vereinheitlichung noch verstärkt. Das Syntagma der nationalen Einheit, das in der Verfassung verankert ist, entspricht besser als in der Vergangenheit der tatsächlichen Zusammensetzung Rumäniens. Doch nach wie vor gehören mehr als zehn Prozent der Bevölkerung Minderheiten an, vor allem den Ungarn, die in zwei Verwaltungsbezirken sogar über eine Bevölkerungsmehrheit verfügen (Covasna und Harghita, 74 bzw. 85 %). Daher fordern die Ungarn die Streichung dieses Syntagmas. Sie fühlen sich nicht der rumänischen, sondern der ungarischen Nation zugehörig; zu ihren Forderungen gehört die kulturelle und sogar die territoriale Autonomie der Region, in der sie die Bevölkerungsmehrheit bilden.

Der Gedanke der nationalen Einheit ist fest im Bewusstsein der Rumänen verankert, in dem der politischen Klasse ebenso wie im öffentlichen Bewusstsein. Als Rumänien im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus dem Zusammenschluss mehrerer Landesteile geschaffen wurde, wäre eine föderale Lösung durchaus denkbar gewesen. Auf den ersten Blick hätte diese der tatsächlichen Vielfalt "Großrumäniens" auch eher entsprochen. Aber eben diese Vielfalt und die große Bedeutung ethnischer Minderheiten wirkten einer föderalen Lösung entgegen. Die Rumänen befürchteten, dass eine unvollständige Integration der Landesteile zum Zerfall des Landes führen könnte. Sie entschieden sich daher für ein zentralistisches, am französischen Modell orientiertes System, indem sie die spezifische Physiognomie der historisch gewachsenen Regionen missachteten und das Land in den französischen départements vergleichbare Verwaltungsbezirke, judete, unterteilten. Der Begriff "Föderalisierung" ist bis heute in Rumänien tabu. Man glaubt noch immer, dass regionale Autonomie der Beginn des Zerfalls Rumäniens wäre. Es ist unverkennbar, dass sich diese Sorgen vor allem auf Siebenbürgen beziehen, obwohl es jeder Logik widerspricht, zu befürchten, 20 Prozent Ungarn könnten diese Provinz gegen den Willen von 75 Prozent Rumänen "beschlagnahmen". Die europäischen Auflagen in Bezug auf die Regionalisierung wurden nur sehr vage umgesetzt. Es wurden mehrere "Entwicklungsregionen" gebildet, die allerdings nicht von großer Bedeutung und vor allem so zugeschnitten sind, dass sie nicht den historischen Regionen des Landes entsprechen. Rumänien soll ein einheitlicher Staat bleiben.

Die Minderheiten haben weitreichende Rechte. Es gibt Schulen in ihrer Sprache, und die Möglichkeit, ihre Kultur und Traditionen zu pflegen, sind vielfältig. Jede Minderheit, auch die kleinste, entsendet automatisch einen Vertreter ins Parlament. Das gilt nicht nur für die 60 000 Deutschen, sondern auch für die 3000 Italiener und die weniger als 2000 Armenier. Die Ungarn fordern ferner die Gründung rein ungarischer staatlicher Universitäten, die ihnen bisher verweigert werden (dafür wird an mehreren Universitäten in ungarischer Sprache gelehrt). Trotz allen Misstrauens hat sich das Verhältnis von Rumänen und Ungarn seit den blutigen Zwischenfällen von 1990 deutlich verbessert; gewalttätige Übergriffe sind wenig wahrscheinlich, zumal die Demokratische Union der Ungarn in Rumänien (UDMR) seit 1996 Regierungspartei ist.

Die Problematik der Zigeuner ist eine andere: Jahrhundertelang arbeiteten sie als Sklaven auf den Anwesen der Bojaren oder der Klöster. Auch nach ihrer Befreiung Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie von der rumänischen Gesellschaft an den Rand gedrängt, und noch heute sind sie ökonomisch, sozial und kulturell stark benachteiligt. Ziel muss es sein, ihre Lebensbedingungen zu verbessern sowie Misstrauen und rassistische Einstellungen zu überwinden. Erste Schritte in diese Richtung sind getan.

Fußnoten

2.
Die statistischen Daten sind folgenden Werken entnommen: Enciclopedia României, Bd. I, Bukarest 1938: Kap. "Popula?ia României", S. 133 - 160; Recens?mîntul popula?iei si locuin?elor din 7 ianuarie 1992: Popula?ie - structura demografic?, Bukarest 1994; Structura etnic? si confesional? a popula?iei, Bukarest 1995; Recens?mîntul popula?iei si al locuin?elor, 18 martie 2002, Bd. I: Popula?ie - structura demografic?, Bukarest 2003.
3.
Anm. der Übersetzerin: im frz. Original tsiganes, im Folgenden in direkter Übersetzung verwandt.