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29.6.2006 | Von:
Lucian Boia

Historische Wurzeln der politischen Kultur Rumäniens

Rumänien 2006

Die Mischung aus ländlichem Traditionalismus, im 19. Jahrhundert ererbtem und durch die Propaganda Ceauçescus verstärktem Nationalismus und zur Zeit des Kommunismus im Bewusstsein der Menschen eingeprägtem anti-liberalen Kollektivismus ist im Verschwinden begriffen. Das Rumänien des Jahres 2006 unterscheidet sich stark vom Rumänien des Jahres 1990, als es krank aus der kommunistischen Diktatur hervorging. Nach schwierigen Anfängen und einer beispiellos langsamen Reformphase ist es der Marktwirtschaft gelungen, Fuß zu fassen. Nach und nach bildet sich ein Mittelstand heraus. Verkehrsstaus in den Straßen von Bukarest und die spektakuläre Verbreitung großer Einkaufsmärkte wie kleiner Einzelhandelsgeschäfte zeugen davon. Eine neue Generation ist von ideologischen Komplexen verschont herangewachsen; es melden sich junge Intellektuelle zu Wort, die in westlichen Ländern studiert oder dort ihre Studien vervollständigt haben (die englische Sprache hat das Französische verdrängt; Deutsch findet trotz tragfähiger wirtschaftlicher und politischer Kontakte mit Deutschland und Österreich nur selten Anwendung). Viele Rumänen, nach Schätzungen etwa zwei Millionen, arbeiten im Ausland, hauptsächlich in Italien, Spanien und Deutschland.

Zu Zeiten des Kommunismus isoliert, öffnet sich Rumänien der Welt. Ein Wandel der Denkweisen ist im Gange: weniger Vorurteile gegen ausländische Bürger, mehr Vertrauen in Werte wie Eigeninitiative. Und auch sicherere demokratische Reflexe bilden sich heraus: Bereits zweimal (1996 und 2004) hat sich die Mehrheit der Rumänen gegen die autoritären Tendenzen der Herrschenden entschieden; die drei Machtwechsel (1996, 2000 und 2004) zeigen, dass die Rumänen die wesentlichen Lektionen der westlichen Demokratie gelernt haben.

Andererseits bleiben die sozialen und kulturellen Diskrepanzen besorgniserregend. Zwei Seiten Rumäniens stehen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber: eine, die sich dem Westen angenähert hat, und eine andere, die, arm und von der Modernisierung wenig berührt, vor allem im ländlichen Milieu und im Umland der Städte sichtbar wird. Es bleibt zu hoffen, dass der Beitritt zur EU die positiven Tendenzen beschleunigen kann und dass ein wenig mehr Disziplin und Konsequenz die unstrittige Anpassungsfähigkeit der Rumänen bereichern.

Übersetzung aus dem Französischen: Anna Schnitzer, Halle/Saale.