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22.6.2006 | Von:
Olaf Groh-Samberg
Matthias Grundmann

Soziale Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter

Armut von Kindern und Jugendlichen

Die Armutsbetroffenheit von Kindern und Jugendlichen bildet seit den neunziger Jahren einen Schwerpunkt in der Armutsforschung. Der als "Infantilisierung der Armut" bezeichnete Prozess lässt sich besonders ausgeprägt anhand der Entwicklung der Sozialhilfe nachzeichnen. Während in den siebziger Jahren die Gruppe der alten Menschen, insbesondere der alten Frauen, zur dominanten Empfängergruppe der Sozialhilfe zählte, hat sich das Altersgefälle seither in einer kontinuierlichen Entwicklung umgekehrt.

Die Messung von Armut anhand wissenschaftlicher Armutskonzepte gestaltet sich insofern schwieriger, als in jedes Armutskonzept eine Reihe von Setzungen und Wertungen eingehen, die insbesondere für die haushaltsspezifischen Armutsrisiken zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können. Ohne hier in die Details gehen zu wollen, legen wir im Folgenden einen komplexen Armutsindikator zu Grunde, der neben dem Einkommen auf den vier Lebenslagendimensionen - Wohnungsversorgung, finanzielle Rücklagen, materielle Lebensstandards und Arbeitslosigkeit für einen Zeitraum von fünf Jahren - basiert.[2] Der Vorzug eines solchen Indikators liegt darin, materielle Lebenslagen differenzierter erfassen zu können. So lässt sich die extreme Armut, die durch ein dauerhaftes Zusammenwirken von Einkommensarmut und materiellen Lebenslagendeprivationen gekennzeichnet ist, abgrenzen von (zeitlich) temporären und von (multidimensional) inkonsistenten Armutslagen.[3] Zugleich treten Formen der Prekarität oder Vulnerabilität - also des Lebens an der Grenze zur Armut - hervor.

Auf der anderen Seite lassen sich die Personen im gesicherten Wohlstand abgrenzen, die dauerhaft vor Einkommensprekarität und Lebenslagendeprivationen geschützt sind, wobei eine weitere Gruppe im unstabilen Wohlstand zumindest zeitweise in prekäre Lagen gerät. Durch die Kombination einer multidimensionalen und längsschnittigen Messung von Armut lässt sich die Validität des gebildeten Indikators deutlich erhöhen. Das ermöglicht nicht nur eine präzisere deskriptive Analyse vonArmut in Deutschland, sondern schafft auch eine bessere Grundlage für die Analyse der Auswirkungen von Armut bei Kindern.

Die Tabelle 1 der PDF-Version zeigt die Verteilung der Bevölkerung auf die gebildeten Armutsgruppen. Etwa acht Prozent der deutschen Bevölkerung leben in extremer, weitere acht Prozent in temporärer oder einseitiger Armut und etwa zehn Prozent in einer dauerhaften Lage der Prekarität. Diese drei Gruppen von zusammen etwa einem Viertel der Bevölkerung bilden das sozialpolitische Risikopotenzial der Armut, wie es auch im deutschen Armuts- und Reichtumsbericht ausgewiesen wird. Knapp zwei Drittel der deutschen Bevölkerung sind dagegen vor Armut weitgehend geschützt. Für weitere neun Prozent der Bevölkerung ist der Wohlstand phasenweise oder in einzelnen Lebensbereichen brüchig.

Im Vergleich über die Altersgruppen hinweg zeigt sich der bekannte Befund, dass Kinder und Jugendliche die höchsten Armutsquoten aufweisen. Am stärksten betroffen sind Schulkinder im Alter von 7 bis 16 Jahren. Die Jugendlichen (17 bis 25 Jahre) weisen im Vergleich zu ihnen zwar eine etwas geringere Quote extremer Armut auf, aber es wird ebenfalls deutlich, dass in dieser schwierigen Statuspassage (Übergang in die Selbstständigkeit) Armut zumindest temporär sehr häufig auftritt und nur noch weniger als die Hälfte der Jugendlichen dauerhaft vor Armut und Prekarität geschützt sind. Eine allein altersbezogene Betrachtung von Kinderarmut verdeckt jedoch die Ungleichheiten zwischen Kindern und Jugendlichen, auf die wir uns im Folgenden konzentrieren wollen. Wir legen dabei eine aggregierte Form des Armutsindikators zu Grunde, der zwischen den drei Gruppen des Wohlstands, der Prekarität (inklusive einseitiger und temporärer Armut) und der extremen Armut unterscheidet.

Fußnoten

2.
Datenbasis ist die repräsentative Längsschnittstudie des Sozioökonomischen Panels (SOEP). Zur Konstruktion des Armutsindikators siehe Olaf Groh- Samberg, Armut und Klassenstruktur. Zur Kritik der Entgrenzungsthese aus einer multidimensionalen Perspektive, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 56 (2004) 4, S. 653 - 682.
3.
Von temporärer Armut wird hier gesprochen, wenn sich - in Bezug auf Einkommen und Lebenslagen - neben Jahren der Armut auch solche des Wohlstands ausmachen lassen. Einseitige Armut meint komplementär, dass Einkommensarmut dauerhaft mit intakten Lebenslagen einhergeht oder umgekehrt. Insofern repräsentieren diese Typen auch Formen der "Entstrukturierung" von Armut, die jedoch in einer kombinierten Betrachtungsweise geringer ausfällt, als von der dynamischen Armutsforschung zunächst angenommen. Vgl. O. Groh-Samberg (Anm. 2).