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22.6.2006 | Von:
Olaf Groh-Samberg
Matthias Grundmann

Soziale Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter

Ungleiche Kindheiten

Die Armutsrisiken von Kindern und Jugendlichen sind hochgradig durch die sozialen Merkmale der Herkunftsfamilien differenziert. Haushaltsspezifisch betrachtet ist das Armutsrisiko bei den Kindern am größten, die in Alleinerziehenden-Haushalten leben. Über ein Drittel aller Kinder in diesen Haushalten leben in extremer Armut. Bei Familien mit mehr als zwei Kindern unter 17 Jahren sind es rund ein Fünftel. Kinder in Paarhaushalten mit ein bis zwei Kindern sind dagegen "nur" zu etwa sechs Prozent von extremer Armut betroffen. Obwohl diese haushaltsspezifischen Differenzen bereits enorm sind, vermitteln sie ein verkürztes Bild. So zeigen sich innerhalb eines jeden Haushaltstyps extreme klassenspezifische Differenzen. Familien der höheren sozialen Klassen - in denen 46 Prozent aller Kinder leben - haben ein sehr geringes Armutsrisiko. Ist der Haushaltsvorstand dagegen einfacher Arbeiter, findet sich jedes sechste in kleineren und annähernd jedes zweite Kind in größeren Familien in extremer Armut. Auch bei den Alleinerziehenden zeigt sich eine klare Klassendifferenzierung, wobei etwa zwei Drittel aller armen Kinder in Alleinerziehenden-Haushalten eine Arbeiterin als Mutter haben (vgl. Tabelle 2 der PDF-Version).

Insgesamt leben 56 Prozent aller armen Kinder in einfachen Arbeiterhaushalten und weitere 24 Prozent in Facharbeiterhaushalten. Es sind also vor allem die Kinder aus der Arbeiterklasse, die ein erhöhtes Armutsrisiko tragen und die auch die große Mehrheit unter den armen Kindern in Deutschland stellen. Das gilt nochmals verstärkt für die eingewanderten Arbeiterfamilien. Arbeiterfamilien mit Migrationshintergrund stellen die größte Armutsgruppe in Deutschland dar. Allein ein Viertel aller armen Kinder leben in diesen Haushalten.

Armut ist damit eingebettet in die klassen- und migrationsspezifische Strukturierung sozialer Ungleichheiten. Die Rede von der "Infantilisierung" der Armut ist insofern einseitig, als sie nur auf den Aspekt der Polarisierung zwischen Haushaltsformen mit und ohne Kinder(n) abhebt und die sozialstrukturellen und ethnischen Polarisierungen ausblendet. Kinderarmut steht im Schnittfeld mehrfacher gesellschaftlicher Spaltungsprozesse: zwischen kinderreichen und kinderlosen Lebensformen, zwischen Arbeiterklassen und höheren sozialen Klassen, zwischen Einheimischen und Zugewanderten.