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22.6.2006 | Von:
Olaf Groh-Samberg
Matthias Grundmann

Soziale Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter

Bewältigungsstrategien

Der systematische Zusammenhang von Armut - im Sinne der Unterschreitung von Mindeststandards der Teilhabe - und sozialer Ungleichheit - im Sinne herkunftsspezifisch ungleicher Lebenschancen - hat bedeutsame Konsequenzen für die Frage der Auswirkungen und möglichen Bewältigungsstrategien von Armut bei Kindern und Jugendlichen. Die empirischen Forschungen dazu verweisen immer wieder darauf, dass kein mechanischer Zusammenhang zwischen materieller Armut und dem Entwicklungsverlauf von Kindern und Jugendlichen besteht. Zwar zeigen sich in globaler Betrachtung durchgängig negative Effekte, aber diese sind häufig nicht sehr stark, und es existieren große Unterschiede und Variationen. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Armut häufig nur unzureichend erfasst wird. Dennoch ist festzuhalten, dass auch unter Armutsbedingungen unproblematische Verläufe von Kindheit möglich sind.[4]

In diesen Forschungen wird insbesondere auf die Bedeutsamkeit der Familie und der sozialen und kulturellen Ressourcen verwiesen. Die Qualität der familialen Beziehungen und die Mobilisierbarkeit von sozialem und kulturellem Kapital haben ganz entscheidenden Einfluss darauf, wie Kinder die materiellen Problemlagen im elterlichen Haushalt erfahren. Ein sicheres Bindungsmuster zwischen Eltern und Kind, eine Ausbalancierung von disziplinierenden und unterstützenden Erziehungsmethoden, eine Einbindung in verwandtschaftliche und nachbarschaftliche soziale Netze und in Vereinsstrukturen oder eine gute Schule und Wohngegend können als "protektive Faktoren" wirken, die auch unter Armutsbedingungen eine hohe Selbstwirksamkeitserfahrung und einen unproblematischen Sozialisations- und Lebensverlauf der Kinder gewährleisten.

Solche Erkenntnisse können zwar durchaus positive Anhaltspunkte für sozialpädagogische Interventionen liefern. Aus einer ungleichheitssoziologischen Perspektive betrachtet bergen sie jedoch auch die Gefahr, einer "Individualisierung" von Armut Vorschub zu leisten, wenn soziale Kontexte ausgeblendet werden. Die Forschungsfragen nach den coping- bzw. Bewältigungsprozessen von Armut bei Kindern und nach den Bedingungen für Resilienz stammen aus der Stress- und Entwicklungspsychologie. Bei der Übertragung dieser Ansätze auf Armut stellt sich das zentrale Problem, was als Kriterium einer positiven Bewältigung von Armut gelten soll. Dies kann einerseits eine "Überwindung" der Armutssituation selbst sein. Hier besteht die Gefahr, die Logik von Sozial- und Arbeitsagenturen zu übernehmen, für die ein Problem dann beseitigt ist, wenn ihre Klienten aus dem Transferbezug entlassen sind. Ein dauerhaftes Verweilen in Armut erscheint in dieser Perspektive rasch als Ergebnis eines negativen coping. So unterscheidet die Bremer Armutsforschung die Bewältigungstypen des "Erleidens" und des "Handelns" nach dem Kriterium, inwieweit "biographische Probleme jenseits der bloßen Sicherung materiellen Überlebens" einer Lösung zugeführt werden oder eine "Verengung" des Lebenshorizonts auf die Situation der Armut und Transferabhängigkeit stattfindet.[5]

Legt man andererseits einen Maßstab an, der enger an der psychologischen Herkunft der Konzepte orientiert bleibt, dann heißt positive Bewältigung von Armut lediglich, dass die betroffenen Kinder psychisch gesund bleiben. Es spricht jedoch viel dafür, dass sich die geringsten psychosozialen Dissonanzen gerade bei denjenigen Armutsgruppen finden, die sich in ihren Lebensführungsmustern und Erwartungen auf ein Leben in dauerhafter bzw. immer wiederkehrender Armut und Benachteiligung eingestellt haben. Das kann in der Form der Bescheidenheitsethik der respektablen Facharbeitermilieus geschehen, die trotz integrierter Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen nur geringe Bildungsaspirationen, eine hohe Risikoaversion und einen "Geschmack am Notwendigen" (Pierre Bourdieu) ausbilden. Oder es kann in Form der gering qualifizierten, hedonistisch orientierten einfachen Arbeitermilieus mit einer starken Gelegenheitsorientierung und improvisierenden Alltagsstrategien erfolgen: Indem sie ihre kulturellen Alltagspraktiken an die eingeschränkten Opportunitätsstrukturen anpassen, bewältigen sie Armut, Arbeitslosigkeit und Prekarität im psychosozialen Sinne durchaus passabel. Im Sinne einer Überwindung von Armut und ihrer benachteiligten Klassenlage handeln sie indessen kontraproduktiv. Umgekehrt jedoch gilt, dass gerade ein Festhalten an den Standards und Normen der Arbeits- und Konsumgesellschaft für diejenigen zu einem "doppelten", nämlich materiellen und psychosozialen Leiden wird, die sich - etwa nach Arbeitslosigkeit oder Scheidung - nicht von der Erwartung und Hoffnung trennen können, wieder in ein "bürgerliches" Leben zurückzukehren.

Der Zielkonflikt zwischen der möglichst schnellen Überwindung der Armutslage und einer Minimierung psychosozialer Spannungen und Konflikte durch eine Adaption an die begrenzten materiellen, sozialen und kulturellen Ressourcen beschreibt zugleich ein zentrales Spannungsfeld in den Erfahrungen und Orientierungen benachteiligter und ausgegrenzter Jugendlicher. Der lebens- und erfahrungsweltliche Grundkonflikt zwischen der Orientierung am Herkunftsmilieu, die - zumindest eine Weile - Handlungssicherheit und soziale Integration verbürgt, und der riskanten Orientierung am sozialen Aufstieg durch Bildung, der in seiner institutionellen Selektionslogik nur für eine kleine Minderheit ausgelegt ist, ist in der ethnographischen Tradition der Jugendforschung häufig beschrieben worden und gewinnt offenbar eine erneute Aktualität. Als "Hängen Bleiben" beschreibt etwa eine jüngere ethnographische Studie die Exklusionsdynamik ostdeutscher Jugendlicher, die den unvermeidlichen biographischen Bruch mit den Cliquen-, Familien- und Quartiersstrukturen benachteiligter Großsiedlungen und die Umorientierung auf geographische und soziale Mobilität zu spät oder gar nicht mehr vollziehen und als "Verlierer" zurückbleiben.[6]

Die eher sozialpsychologisch orientierte quantitative Forschung zu den Bewältigungsformen von Armut erscheint, zumal in diesem Kontrast, befangen von einer klinischen bzw. administrativen Perspektive auf die "Bewältigung" von Armut. Sie kann den Lebenswelten und Sozialisationsverhältnissen der betroffenen Kinder allein darum nicht gerecht werden, weil Armut in der Regel weder als eine begrenzte "Episode" im Lebens- noch als isolierbarer "Stressor" im Entwicklungsverlauf auftritt, sondern als eine zusätzliche Belastung im Kontext klassenspezifischer, ethnischer und milieuspezifischer Benachteiligungen und Differenzierungen. Dies soll am zentralen Beispiel des Zusammenhangs von Armut und Bildungschancen erläutert werden.

Fußnoten

4.
Vgl. stellvertretend zum Forschungsstand die Beiträge in Andreas Klocke/Klaus Hurrelmann (Hrsg.), Kinder und Jugendliche in Armut, Wiesbaden 20012, und in Margherita Zander (Hrsg.), Kinderarmut. Einführendes Handbuch für Forschung und Praxis, Wiesbaden 2005.
5.
Stephan Leibfried u.a., Zeit der Armut. Lebensläufe im Sozialstaat, Frankfurt/M. 1995, S. 185.
6.
Vgl. Carsten Keller, Leben im Plattenbau. Zur Dynamik sozialer Ausgrenzung, Frankfurt/M.-New York 2005. Zum Versuch, diese Ansätze für eine Analyse milieuspezifischer Bildungsstrategien fruchtbar zu machen, vgl. Matthias Grundmann u.a., Milieuspezifische Bildungsstrategien in Familie und Gleichaltrigengruppe, in: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 6 (2003) 1, S. 25 - 45.