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22.6.2006 | Von:
Olaf Groh-Samberg
Matthias Grundmann

Soziale Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter

Armut und Bildungschancen

Eigene empirische Analysen auf Basis der SOEP-Jugendbiographiedaten bestätigen massive Effekte der materiellen Armut auf den Bildungsverlauf. In Bezug auf die besuchte Schulform bzw. den bereits erreichten Schulabschluss wie ebenso in Bezug auf den angestrebten Schulabschluss und die in der Grundschule erhaltenen Übergangsempfehlungen zeigt sich, dass Kinder in Armut eine sehr viel höhere Wahrscheinlichkeit besitzen, nur die Hauptschule anstelle einer höheren Schulform zu erreichen. Bemerkenswert ist, dass diese Effekte unverändert hoch bleiben, auch wenn sozialstrukturelle Merkmale (u.a. Migrationshintergrund, soziale Klassenlage), die Bindungsqualität zu den Eltern, schulisches Unterstützungsverhalten der Eltern, Noten und fatalistische Lebenseinstellungen kontrolliert werden. Zwar weisen alle genannten Aspekte ebenfalls eine eigenständige Wirkung auf die schulformspezifische Bildungskarriere auf. Sie verstärken sich jedoch im Sinne einer kumulativen Logik.

Armut steht also weniger am Anfang einer Kausalkette, die über Stress und familiale Konflikte zu schulischem Versagen führt, sondern Armut erhöht in allen sozialen Herkunftsklassen und unabhängig vom Familienklima das Risiko, nicht über die Hauptschule hinaus zu gelangen. Entsprechend addieren sich die negativen Effekte, wenn Risikolagen kumulieren. Auch unter Einbezug der Noten verändern sich die negativen Effekte von Armut und Klassenherkunft kaum. Bei der Übergangsempfehlung zeigt sich im Übrigen auch nach Kontrolle aller verwendeten Indikatoren ein eigenständiger diskriminierender Effekt des Migrationshintergrunds, anders als bei der angestrebten und tatsächlichen Schulwahl, wo dieser Effekt verschwindet.

Die skizzierten Analysen unterstreichen die Bedeutung, die dem Zusammenhang von Armut und sozialer und ethnischer Herkunft zukommt. Materielle Armut stellt, ebenso wie problematische familiale Beziehungsmuster, einen zusätzlichen Risikofaktor dar, der den strukturellen Zusammenhang von sozialer Herkunft und Lebenschancen von Kindern nochmals verstärkt. Armut fungiert zwar in allen sozialen Klassenlagen als Risikofaktor, welcher die weitere Entwicklung der Kinder nachhaltig negativ beeinflusst. Es ist eine interessante Frage, inwieweit sich die vermehrte öffentliche Aufmerksamkeit für soziale Ausgrenzungen und Prekarisierungen gerade der Zunahme von Risiken bei den ehemals gut geschützten sozialen Klassen verdankt. Mit ganzer Wucht trifft die Zunahme der Armut bei Kindern und Jugendlichen jedoch vor allem die ohnehin benachteiligten sozialen Klassen der einfachen und der primär beruflich qualifizierten Arbeiterschaft, die heute zu einem guten Teil aus Migrantinnen und Migranten besteht. In diesen einfachen Arbeitermilieus dominieren häufig noch die traditionellen Orientierungen an der fordistischen Arbeiterexistenz, deren wirtschaftliche und wohlfahrtsstaatliche Grundlagen jedoch immer weiter wegbrechen.

Wie die Bildungs- und Mobilitätsforschung zeigt, sind die klassenspezifischen Chancenungleichheiten auch über die Phase der wirtschaftlichen Prosperität und der Bildungsexpansion hinweg relativ stabil geblieben. Sie sind in kaum einem anderen entwickelten Land so groß wie in Deutschland, wo man nur schamhaft von sozialen Klassen redet.[7] Die seit den späten siebziger Jahren zunehmenden sozialen Ungleichheiten und die neuen Ausgrenzungsrisiken der Kinder und Jugendlichen ergänzen und überlagern diese niemals geschwundene Klassenbenachteiligung. Wirtschaftswunder, Wende und Migration bilden zusätzliche biographische Erfahrungshintergründe, die in der Überlagerung mit der Wiederkehr von Arbeitslosigkeit und Prekarität zu jeweils charakteristisch gefärbten Generationskonflikten in den Arbeitermilieus führen.

Die Angehörigen der älteren Generationen, die sich häufig noch aus einer entbehrungsreichen Kindheit und Jugend heraus durch harte und beanspruchende Arbeit ein Stückchen Wohlstand und Sicherheit erkämpften, haben weder Verständnis noch einen guten Rat für die Probleme der Jüngeren, denen weder das alte Malocher-Leben noch die Chance des sozialen Aufstiegs durch Bildung offen steht und für die sich das schmale Fenster dazwischen, das Leben in Respektabilität und Würde, mit einer soliden Ausbildung, einer ehrlichen Arbeit und einer gesunden Familie, immer seltener öffnet.[8] Aus dieser Konstellation, die nicht selten als eine kontingente und äußerliche Gewalt in die familialen Sozialisationsverhältnisse hineinwirkt, gewinnen Armut und soziale Ausgrenzungen im Kindes- und Jugendalter ihre Dynamik.

Fußnoten

7.
Vgl. zusammenfassend Richard Breen (Hrsg.), Social Mobility in Europe, Oxford 2004.
8.
Zur wenig beachteten Entwicklung der Arbeitermilieus vgl. Olaf Groh-Samberg, Arbeitermilieus in der Ära der Deindustrialisierung, in: Andrea Lange-Vester/Helmut Bremer (Hrsg.), Bewältigung, Verarbeitung, Umstellung: Soziale Milieus und Wandel der Sozialstruktur. Festschrift für Michael Vester, Wiesbaden i.E.