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22.6.2006 | Von:
Olaf Groh-Samberg
Matthias Grundmann

Soziale Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter

Von Eliten und Ausgegrenzten

In der politischen Öffentlichkeit wird das Problem der sozialen Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter, das über viele Jahre verdrängt wurde, in der Form von sich häufenden "Schreckensmeldungen" thematisiert. Erfurt und Pisa stehen paradigmatisch dafür: Auf der einen Seite die irrationale Gewalt eines Einzelnen, die auf das pädagogische Versagen der Schule verweist, auf der anderen Seite das miserable Abschneiden der Vielen, das auf das didaktische Versagen der Schule verweist. Die politischen Eliten reagieren auf diese Schocks mit einer einfachen, nur allzu "erwachsenen" Haltung: Gegen Gewalt und Chancenlosigkeit helfe nur Erziehung und Leistung. Die neokonservative Pädagogik feiert nicht nur im konservativen Lager fröhliche Urständ. Der Ruf nach mehr Härte und Disziplin im Klassenzimmer, die Wiedereinführung von "Kopfnoten", die Forderung nach strengeren Auflagen für Eingewanderte, rasch Deutsch zu lernen und bei Auffälligkeiten unmittelbar Sanktionen einzusetzen, die kritischen Töne gegen die "Kuschelpädagogik" in der Schule und die populistischen Schuldzuweisungen an die "überforderten" Eltern sind politische Gemeinplätze einer reaktionären Pädagogisierung sozialer Struktureffekte.

Es ist nicht allein typisch, dass die sozialen Probleme, sofern sie Kinder und Jugendliche betreffen, zu Problemen einer "falschen Erziehung" umdefiniert werden. Bei den politischen Eliten hat sich in den vergangenen Jahren ein allgemeiner "Neo-Patrimonialismus" in der Haltung gegenüber sozialen Problemen der Armut und Ungleichheit breit gemacht. Von der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik bis hin zur Bildungs- und Gesundheitspolitik geriert sich der Wohlfahrtsstaat wie ein einziger "großer Erzieher", ein pädagogischer Leviathan. Mit seinen Konzepten und Institutionen einer "aktivierenden Sozialpolitik" greift er immer penetranter in die private Lebensführung und die biographischen Orientierungen der von Armut und Ausgrenzung betroffenen Milieus ein, als ob hier die Ursache des Übels zu finden wäre. Der Widerspruch zwischen der politischen Rhetorik von Teilhabegerechtigkeit, Aktivierung, Fallmanagement und Hilfe aus einer Hand und der tatsächlichen Politik fortgesetzter Leistungskürzungen und einer im historischen Vergleich ungeheuerlichen Beschneidung von sozialen Bürgerrechten ist zum Zerreißen groß. Er ist aber zu einem guten Teil auch Ausdruck für den Realitätsverlust der politischen und akademischen Eliten und für die strukturelle Arroganz einer Klassengesellschaft, die sich selbst nicht mehr in die Augen zu schauen wagt.