Graffito von Simón Bolívar und venezolanischer Flagge auf einer Mauer in Caracas, Venezuela

13.9.2019 | Von:
Claudia Vargas Ribas

Auswanderungsland Venezuela

Auswanderung im Kontext der humanitären Krise

In den vorangegangenen Phasen hatten die Auswanderer vor allem eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse angestrebt, waren also im Wesentlichen aus wirtschaftlichen Gründen ausgewandert, um sich beruflich weiterzuentwickeln und eine stabile Existenz aufzubauen. In der heutigen Situation zwingt eine Krise die Menschen auszuwandern, in der die Mehrheit der Bevölkerung sich nicht mehr in der Lage sieht, ihre Grundbedürfnisse hinsichtlich Ernährung, Gesundheitsversorgung, Wohnen und persönlicher Sicherheit zu erfüllen.[8] Nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) lebten im Juni 2019 rund 4 Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner im Ausland, von denen 3,2 Millionen sich in lateinamerikanischen und karibischen Staaten aufhielten.[9] Dies ist das Ergebnis einer fortschreitenden Verschlechterung der Verhältnisse, die auf eine Vielzahl von Faktoren zurückzuführen ist. Diese Entwicklung ist nicht nur durch die Abwanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte eine Gefahr für verschiedene Bereiche der Wirtschaft sowie Forschung und Technologieentwicklung, sondern sie gefährdet auch Leib und Leben der Bürger.

Es handelt sich um eine gemischte Migration, da innerhalb einer Auswanderungswelle sehr verschiedene Menschen das Land verlassen – die Unterschiede liegen beispielsweise in ihrem Alter, ihren Bildungsabschlüssen und ihren wirtschaftlichen Verhältnissen.[10] In dieser Phase stieg die Anzahl der Asylanträge, verstärkte sich die Auswanderung ärmerer Bevölkerungsteile, nahm die Variabilität der Migrationsrouten zu sowie die Bedeutung diverser Staaten derselben Region als wichtigste Aufnahmeländer, wuchs die Emigration schnell an und sank das Durchschnittsalter der Migranten.[11]

In den früheren Phasen ging der eigentlichen Auswanderung ein aufwändiger Planungsprozess voraus, in dem mögliche Ziele und dort anzustrebende Aktivitäten ausgewertet wurden. Zu der heutigen Auswanderungswelle gehören Personengruppen, die möglichst rasch das Land verlassen möchten, sowie Menschen aus niedrigeren sozialen Schichten. Der Zeitdruck macht die Migrantinnen und Migranten auch verletzlicher, und sie stehen vor komplexeren Situationen, da durch die entstehenden Kosten und das Fehlen von Alternativen in aller Regel der Landweg gewählt werden muss (Venezuela wird derzeit nur noch von acht Fluggesellschaften angeflogen).[12] Die Emigranten führen nur wenig Geld zum Überleben mit, und einige brechen ohne oder mit unvollständigen Ausweispapieren auf, wodurch sich ihre Gefährdung erhöht, erpresst oder von Banden entführt zu werden, wenn sie versuchen, auf illegal angelegten Pfaden (trochas) die Grenze zu überqueren, um unbemerkt von den lokalen Behörden ihre Zielländer zu erreichen. Weitere Gefahren auf diesem Weg sind unter anderem Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung. Angesichts dieser Bedingungen ist der venezolanischen Auswanderung in den vergangenen Jahren eine größere internationale Aufmerksamkeit zuteil geworden.

Die Hauptgründe für diese Auswanderungswelle liegen in der prekären wirtschaftlichen Situation, der unsicheren Ernährungslage und dem eingeschränkten Zugang zur Gesundheitsversorgung. Zu den wichtigsten Indikatoren dieser Situation zählt die Abhängigkeit der Exportwirtschaft von den Einnahmen der Erdölindustrie. Das Land ist nicht in der Lage, Produkte der Grundversorgung zu importieren, wodurch Medikamente und Lebensmittel knapp und unerschwinglich geworden sind. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen sind derzeit 3,7 Millionen Menschen unterernährt, und sie leben in wachsender Abhängigkeit vom Staat sowie dessen Kontrolle durch Instrumente wie das carnet de la patria (eine Art paralleler Personalausweis, an dessen Besitz bestimmte Vergünstigungen geknüpft sind), wie die Organisation Amerikanischer Staaten in ihrem jüngsten Bericht kritisch feststellt.[13]

Hinzu kommt das Leben in einer feindlichen Umgebung, geprägt durch staatliche Gewalt und Verfolgung. 2018 wurden in Venezuela 23047 Tötungsdelikte gezählt, deren Opfer vor allem zur Altersgruppe von 18 bis 29 Jahren gehörten. Es kam im Laufe des ersten Halbjahres 2019 zu insgesamt 9715 Protestaktionen, bei denen es vor allem um den Zusammenbruch elementarer Dienstleistungen, die daraus resultierende Verschlechterung der Lebensqualität der Bürger sowie die Situation der 614 politischen Gefangenen und die Verfolgung von Strafverteidigern und Journalistinnen ging.

Diese Situation führt zu einer unfreiwilligen Auswanderung aus Venezuela, da Menschen das Land verlassen müssen, weil ihr Leben bedroht wird.[14] Das erklärt den schnellen Anstieg der Emigration von 606.281 Personen auf 4.054.870 Personen von Ende 2017 bis Juni 2019 sowie die gestiegene Zahl der Asylanträge, die 2015 bei 10.200 lag und Ende 2018 bereits bei 464.229.[15]

Die Notwendigkeit, immer schneller auszuwandern, führt dazu, dass die Menschen sich in nahe gelegene Staaten oder Nachbarländer aufmachen, um dort zu bleiben oder ihren Weg fortzusetzen. Eine herausragende Rolle spielen hier Kolumbien, Peru, Chile, Ecuador, Brasilien und Argentinien. Die Auswanderer haben eine ganze Reihe von Gründen, diese Ziele zu wählen: geografische und kulturelle Nähe; die Möglichkeit, auf dem Landweg dorthin zu gelangen; Familienzusammenführung; doppelte Staatsbürgerschaft aufgrund der Abstammung von Einwanderern aus einem dieser Länder; Chancen, auch ohne Visum rasch eine Aufenthalts-, Studien- und Arbeitsgenehmigung zu erhalten.

Fußnoten

8.
Es handelt sich um eine komplexe humanitäre Krise nach den Kriterien der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), bei der politische Instabilität, Konflikte und Gewalt, soziale Ungleichheit und verbreitete Armut zusammenwirken, http://www.fao.org/emergencies/tipos-de-peligros-y-de-emergencias/emergencias-complejas/es«.
9.
Vgl. Coordination Platform for Refugees and Migrants from Venezuela, 5.7.2019, data2.unhcr.org/en/situations/platform.
10.
Eine gemischte Migration nach den Kriterien des UNHCR findet statt, wenn Menschen, die als Flüchtlinge anerkannt werden möchten und andere Migranten auf denselben Wegen und Routen sowie unter Inanspruchnahme derselben Hilfsmittel beziehungsweise Helfer und aus derselben Gefährdungslage heraus ihr Heimatland verlassen.
11.
Vgl. Claudia Vargas, La migración venezolana como dimensión de la crisis, in: Pensamiento Propio 47/2018, S. 91–128, http://www.cries.org/wp-content/uploads/2018/09/009-Vargas.pdf«.
12.
Die acht ausländischen Fluggesellschaften, die Venezuela noch anfliegen, 29.6.2019, http://www.reportur.com/aerolineas/2019/04/02/lista-las-8-aerolineas-extranjeras-aun-vuelan-venezuela«.
13.
Vgl. Bericht der Organisation Amerikanischer Staaten zur venezolanischen Krise und Migration, 28.6.2019, reliefweb.int/report/colombia/informe-del-grupo-de-trabajo-de-la-oea-para-abordar-la-crisis-de-migrantes-y.
14.
Vgl. Glossar zur Migration, 14.3.2015, publications.iom.int/system/files/pdf/iml_7_sp.pdf.
15.
Vgl. Situation in Venezuela, 20.7.2019, https://www.acnur.org/situacion-en-venezuela.html«.
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