Graffito von Simón Bolívar und venezolanischer Flagge auf einer Mauer in Caracas, Venezuela

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13.9.2019 | Von:
Alejandro Márquez-Velázquez

"Fluch der Ressourcen"? Die Bedeutung des Erdöls für die venezolanische Wirtschaft

Verlorene Jahrzehnte

Die volkswirtschaftliche Entwicklung Venezuelas begann, seit Anfang der 1980er Jahre eine radikale Wende zu nehmen (Abbildung). Bis Anfang des 21. Jahrhunderts kam es zu einer lang anhaltenden Rezession.[17] Die Wirtschaftswissenschaftler Ricardo Hausmann und Francisco Rodríguez schätzen, dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf außerhalb des Ölsektors 1978 seinen Höchststand erreichte, um dann bis 2001 um ungefähr 20 Prozent zurückzugehen. Beide Ökonomen heben zugleich hervor, dass der Rückgang des BIP pro Kopf innerhalb des Ölsektors sehr viel früher eingesetzt hatte und stärker ausgeprägt war. Sie kommen zu dem Schluss, dass hier der Höhepunkt bereits 1957 erreicht war und das BIP pro Kopf bis 2001 um etwa 67 Prozent sank.[18]

Als Erklärung für die Rezession greift die "Holländische Krankheit" in den 1980er Jahren nicht. Die Staaten der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) kamen überein, die Rohölförderung zu drosseln, um dem Preisverfall entgegenzuwirken. Daher gingen die venezolanischen Öleinnahmen im Laufe des Jahrzehnts stark zurück.[19] Der Rückgang der Investitionen ins produzierende Gewerbe Venezuelas in diesem Zeitraum kann also nicht auf einen wachsenden Ölsektor zurückzuführen sein.[20]

Als relevantere Faktoren für die Rezession der 1980er Jahre lassen sich stattdessen die gestiegene Volatilität des Ölpreises in den 1970er und 1980er Jahren sowie die Machtkonzentration in einer Demokratie mit relativ schwachen Institutionen herausarbeiten. Die Gewinne aus dem Ölgeschäft wurden in Projekte zur Vergrößerung des geopolitischen Einflusses des Landes investiert sowie in Vorhaben, die dem jeweiligen Präsidenten ein höheres Prestige einbrachten und die Chancen auf einen erneuten Wahlsieg der regierenden Partei erhöhen sollten. Eine solche Nutzung der Gewinne aus dem Ölgeschäft trägt nicht dazu bei, die Abhängigkeit vom Öl zu verringern.[21] Ein Beispiel hierfür waren die Maßnahmen, die während der ersten Regierungszeit des Präsidenten Carlos Andrés Pérez von 1974 bis 1979 umgesetzt wurden.

Kurz nach der ersten Ölkrise 1973 und unmittelbar vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch erreichte die Regierung Pérez, dass der Kongress sie ein Jahr lang mit Sondervollmachten ausstattete. Diese erlaubten dem Präsidenten, per Dekret zu regieren, was eine Zentralisierung der politischen Machtverhältnisse bedeutete. In jener Zeit erließ Pérez ein Dekret, durch das der ölfinanzierte Staatsfonds Fondo de Inversiones de Venezuela (FIV) ins Leben gerufen wurde. Mit diesem sollte einer Überhitzung der Wirtschaft entgegengewirkt und unter dem Eindruck der Krise die Abhängigkeit der Staatskasse von den Öleinnahmen verringert werden.[22] Der Fonds entwickelte sich allerdings zu einem parallelen Budget unter der vollständigen Kontrolle des Präsidenten und trug so dazu bei, die eigentlich nur für 1974 und 1975 verliehenen Sondervollmachten bis 1979 zu verlängern.[23] Weitere Maßnahmen der Regierung Pérez waren die Gründung des staatlichen Ölkonzerns Petróleos de Venezuela (PDVSA) im Zuge der Verstaatlichung des Erdölsektors 1976. Dieser war bis zu diesem Jahr von großen transnationalen Mineralölunternehmen, insbesondere von Standard Oil und Shell, dominiert worden. Die demokratischen Regierungen ab 1958 hatten sich darauf geeinigt, keine weiteren Konzessionen an diese Unternehmen zu erteilen und deutlich gemacht, dass die letzten, 1983 auslaufenden Konzessionen nicht verlängert werden würden.[24] Zentraler Akteur der frühen Schritte zur Verstaatlichung des Erdölsektors war Juan Pablo Pérez Alfonso, Mitbegründer der OPEC und Minister für Bergbau und Kohlenwasserstoffe von 1959 bis 1963. Das Steueraufkommen im Erdölsektor nahm in dieser Zeit konstant zu. Vor diesem Hintergrund reduzierten die transnationalen Unternehmen ihre Investitionen und ihre Beschäftigungsquote in den 1960er Jahren, was einen Kollaps der Produktion ab Anfang der 1970er Jahre mit sich brachte. Zusammen mit der Ölkrise 1973 legte diese Reaktion die Basis dafür, dass der Prozess der Verstaatlichung von 1983 auf 1976 vorgezogen wurde.[25] Der Zugriff des venezolanischen Staates auf die Ölgewinne hatte auf diese Weise seinen absoluten Höhepunkt erreicht.

Dass aus den folgenden zehn Jahren Venezuelas erstes verlorenes Jahrzehnt werden sollte, seit das Land mit dem Erdölexport begonnen hatte, ist also nicht allein auf den Ölpreisverfall Mitte der 1980er Jahre zurückzuführen, sondern beruhte auf dem Zusammenspiel einer Reihe von Faktoren. Zu den fallenden Ölpreisen kam die wachsende politische und wirtschaftliche Zersplitterung des Landes. So argumentiert der Ökonom Jonathan Di John mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung Venezuelas, die Industrialisierung des Landes habe in den 1980er Jahren ein Niveau erreicht, das eine stärker an Bedingungen geknüpfte und selektivere staatliche Förderung notwendig gemacht hätte. Dass keine derartige Strategie umgesetzt wurde, habe nicht zuletzt an der zunehmenden Fragmentierung der präsidentiellen Demokratie gelegen, die sich nach dem Ende der politischen Gewalt der 1960er Jahre abzeichnete.[26] Konnte dies in den 1970er Jahren noch mit Öleinnahmen finanziell aufgefangen werden, wurde in den 1980er Jahren angesichts der niedrigen Gewinne aus dem Ölgeschäft und der geringen steuerlichen Leistungsfähigkeit des venezolanischen Staates eine höhere Auslandsverschuldung in Kauf genommen.

Die steigende Auslandsverschuldung brachte harte Verhandlungen über die Rückzahlung der Schulden mit sich. 1989, zu Beginn der zweiten Amtszeit von Pérez, fanden sie ihren Höhepunkt in einer wirtschaftspolitischen Schocktherapie nach den Vorgaben des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank (Konsens von Washington). Die Wirtschaftsreformen umfassten nicht nur die Liberalisierung von Handel und Finanzwesen, sondern auch die erneute Öffnung des Erdölsektors für private Investoren. Dieser plötzliche Paradigmenwechsel wurde 1989 von massiven Plünderungen begleitet, die als "Caracazo" in die Geschichte eingehen sollten, sowie von zwei gescheiterten Staatsstreichen 1992. An deren Spitze stand eine Gruppe von Militärs, unter denen sich der damalige Oberstleutnant Hugo Chávez als Anführer herauskristallisieren sollte.[27]

Die Marktöffnung des Ölsektors und stabilere Preise trugen Anfang der 1990er Jahre dazu bei, die ökonomischen Kennzahlen Venezuelas zu verbessern. Verschiedene interne wie externe Faktoren führten aber dazu, dass Venezuela letztlich ein weiteres verlorenes Jahrzehnt erlebte. Vor allem die voreilige Öffnung des Finanzwesens verursachte 1994 eine Bankenkrise – die größte Finanzkrise, die das Land je erlitt. Zudem hatte die stärkere Öffnung für den internationalen Handel im Zusammenspiel mit den durch eine höhere Erdölförderung steigenden Exporteinnahmen einen negativen Einfluss auf das produzierende Gewerbe – ein Symptom der "Holländischen Krankheit".[28] 1998 schließlich kam es zu einem weiteren Ölpreissturz, der zu einer starken Rezession führte (Abbildung). Damit waren die Voraussetzungen für einen Wahlsieg von Hugo Chávez erfüllt. Dieser war nach seinem Putschversuch im Februar 1992 verhaftet, bereits 1994 aber vom neu gewählten Präsidenten Rafael Caldera begnadigt worden. Nur Monate vor Chávez’ Amtsantritt gründete die Regierung Caldera mit dem Fondo de Inversión para la Estabilización Macroeconómica (FIEM) vor dem Amtsantritt einen zweiten, aus Ölgewinnen finanzierten Staatsfonds. Ziel war es zu verhindern, dass schwankende Ölgewinne das makroökonomische Gleichgewicht des Landes negativ beeinflussen. Dies sollte erreicht werden, indem die Menge an US-Dollar, die das durchschnittliche Öleinkommen der vergangenen fünf Jahre übertraf, im Fonds angespart wurde.
Entwicklung der realen Rohölpreise (Jahresdurchschnitt der Brent, Dubai und West Texas
Intermediate Preise) und des realen Bruttoinlandprodukts Venezuelas pro KopfEntwicklung der realen Rohölpreise (Jahresdurchschnitt der Brent, Dubai und West Texas Intermediate Preise) und des realen Bruttoinlandprodukts Venezuelas pro Kopf


Fußnoten

17.
Vgl. Betty Agnani/Amaia Iza, Growth in an Oil Abundant Economy: The Case of Venezuela, in: Journal of Applied Economics 1/2011, S. 61–79.
18.
Vgl. Ricardo Hausmann/Francisco Rodríguez, Why did Venezuelan Growth Collapse?, in: dies. (Hrsg.), Venezuela Before Chávez: Anatomy of an Economic Collapse, University Park 2014, S. 15–50.
19.
Vgl. Osmel Manzano, Venezuela After a Century of Oil Exploitation, in: Hausmann/Rodríguez (Anm. 18), S. 51–90, hier S. 68.
20.
Vgl. Jonathan Di John, The Political Economy of Industrial Policy in Venezuela, in: ebd., S. 321–370.
21.
Vgl. Alejandro Márquez-Velázquez, The Resource Curse and Political Cycles in Developing Countries: Is There a Connection? The Case of Venezuela, Working Paper, 22nd Conference of the Forum for Macroeconomics and Macroeconomic Policies der Hans-Böckler-Stiftung, 10 Years After the Crash: What Have we Learned?, Berlin 2018.
22.
Vgl. Pedro A. Palma, 1974–1983: una década de contrastes en la economía venezolana, Caracas 1989.
23.
Vgl. Karl (Anm. 6), S. 132.
24.
Vgl. Manzano (Anm. 19), S. 61.
25.
Vgl. Ramón Espinasa, El auge y el colapso de Pdvsa a los treinta años de la nacionalización, in: Revista Venezolana de Economía y Ciencias Sociales 1/2006, S. 147–182, hier S. 151–154.
26.
Vgl. Di John (Anm. 20).
27.
Siehe auch den Beitrag von Stefan Rinke in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
28.
Vgl. Di John (Anm. 20), S. 326.
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