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12.5.2006 | Von:
Bernd Schüler

Farben als Wegweiser in der Politik

Farbgebrauch in der Politik

Man könnte in der historischen Entwicklung grob drei unterschiedliche Schwerpunkte ausmachen: Farben dienen zunächst dem Ausdruck und der Bekräftigung bestehender Herrschaft. Sodann unterstützen sie neue politische Bewegungen im Kampf gegen traditionelle Machthaber. Und schließlich dienen sie politischen Gruppierungen als Instrument der Werbung etwa um Wählerstimmen, die zur Ausübung politischer Macht legitimieren.

Für die Bedeutung der Farben in der Antike bis zum Mittelalter ist ein besonderer Umstand zu berücksichtigen: Anders als heute waren reine Farbstoffe aufwändig zu besorgen und daher so teuer, dass sich nur die obersten Schichten damit ausstatten konnten. Entsprechend konnte mit der sichtbaren Nutzung der knappen Ressource ein exklusiver Herrschaftsanspruch untermauert werden. Nur der Spitze der Hierarchie war es erlaubt, farbige Kleider zu tragen; ein Privileg, das durch entsprechende Kleiderordnungen abgesichert wurde.[2] Die purpurfarbenen Mäntel der römischen Kaiserinnen und Kaiser und ihrer Thronfolger sind ein prominentes Beispiel. Es dauerte mehrere Jahre, um ein solches Prachtgewand herzustellen. Ministern und hohen Beamten war es noch gestattet, einen purpurnen Streifen an ihrem Gewand anzubringen; allen anderen war Purpur, unter Androhung der Todesstrafe, verboten.

Im Mittelalter war es überwiegend das reine Rot, das den höheren Ständen reserviert blieb. Es war nicht nur der teuerste Farbstoff, sondern auch jene Farbe, mit der Stärke und Macht verbunden wurde. Die sozialen Kämpfe zwischen Adel und Bürgertum drehten sich daher immer auch um Regelungen, wer in welcher Form Rot tragen durfte. Das Privileg des Adels, eingeleitet durch die sich verringernde wirtschaftliche Macht, schrumpfte Stück für Stück; im 18. Jahrhundert blieb schließlich das Vorrecht, rote Absätze zu tragen.[3]

So verlor die Farbe Rot den Status eines Distinktionsmittels gehobener Stände - und wurde umso mehr zu einer Leitfarbe der unteren Schichten, ihres sozialen Protestes und schließlich der Arbeiterbewegung. Zu diesem Umschwung trugen auch neue Produktionsformen bei (etwa der Import der Cochenille-Laus aus Amerika), die den Farbstoff erschwinglich machten. Für die Arbeiter im beginnenden 19. Jahrhundert ging es darum, sich als politische Gruppierung zu formieren. Die rote Farbe und die gut sichtbare rote Fahne sind vor diesem Hintergrund ein "Massenführungsmittel",[4] um das herum sich eine neue politische Bewegung gründete.

Die Mobilisierung der Massen blieb das Thema der jungen Demokratien, nicht zuletzt der Weimarer Republik. Instabile Regierungen, immer neue Wahlen prägten das Bild. Der Wahlkampf fand vor allem auf der Straße statt. Farben kamen auf Plakaten und Litfasssäulen zum Einsatz; jenen Medien, über die die Parteien die Wählerschaft direkt erreichen konnten. Berühmt-berüchtigt waren Aufmärsche in Uniformen, um im öffentlichen Raum eine optische Vormachtstellung durchzusetzen. Die Präsenz etwa der "braunen Bataillone" wirkte dabei nicht nur auf das Publikum. Die farbliche Uniformierung sorgte auch bei den Beteiligten dafür, "den Mut des Einzelnen (zu stärken), indem dieser sein eigenes Wollen vervielfacht sah. Eine kleine Gruppe von Schwarz- oder Braunhemden wirkt stärker, als ihre zahlenmäßige Größe es rechtfertigen würde."[5]

Mit der Entwicklung der Mediendemokratie nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Bedeutung der visuellen Präsenz auf der Straße zurück. Politikvermittlung orientierte sich stärker am neuen Leitmedium, dem (Farb-)Fernsehen. Neu war auch, dass sich Politik in der Mediengesellschaft stärker als bisher als ein Angebot neben anderen behaupten musste. Der Bundesgeschäftsführer der FDP, Hans-Jürgen Beerfeltz, umschrieb dies wie folgt: "Die FDP konkurriert nämlich nicht nur mit anderen Parteien um die Aufmerksamkeit potentieller Wähler und Sympathisanten, sondern auch mit anderen werbetreibenden Produkten. Wer da nicht konsequent die eigene Linie immer und immer wieder kommuniziert, geht unter."[6] Entsprechend gewannen Marketingexperten immer mehr Einfluss auf die Gestaltung des Erscheinungsbildes von Parteien. Neue Farben wie Orange und Umbra, die seit kurzem das corporate design von CDU und SPD schmücken, wurden unter Anleitung professioneller Werbeagenturen eingeführt.

Fußnoten

2.
Vgl. Eva Heller, Wie Farben wirken. Farbpsychologie, Farbsymbolik, kreative Farbgestaltung, Reinbek bei Hamburg 2004(12), S. 167f. sowie Arnold Rabbow, dtv-Lexikon politischer Symbole A-Z, München 1970, Artikel "Farbensymbolik", S. 76. Alle weiteren Aussagen über Verwendung von Farben in der Geschichte beruhen auf den Darstellungen dieser beiden Autoren.
3.
Vgl. E. Heller (Anm. 2), S. 57ff.
4.
A. Rabbow (Anm. 2), Artikel "Rot", S. 199.
5.
Ebd., Artikel "Braun", S. 48.
6.
Aus dem Vorwort zum Corporate Design-Manual der FDP, hrsg. von der Bundesgeschäftsstelle der FDP, in: www.fdp.de/files/720/cd-manual_final.pdf, S. 2.