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20.4.2006 | Von:
Mark Kramer

Entstalinisierung und die Krisen im Ostblock

Die Geheimrede und die Unruhen in Osteuropa

Nach dem XX. Parteitag der KPdSU überstürzten sich die Ereignisse in Polen. Bereits am 28. Februar 1956 erstatteten vier hochrangige Funktionäre, die Bierut nach Moskau begleitet hatten - Jerzy Morawski, Jakub Berman, Józef Cyrankiewicz und Aleksander Zawadzki -, dem Politbüro der PVAP Bericht über die Geheimrede Chruschtschows. Danach beschloss das Politbüro, wichtige Parteiaktivisten vom 3. bis 4. März nach Warschau einzuberufen, um auch sie über die Rede zu informieren. Zum Auftakt jenes Treffens sprach Morawski ausführlich über die Verurteilung Stalins durch Chruschtschow. Er und seine Kollegen im Politbüro mussten sich bohrende Fragen aus dem Plenum gefallen lassen und die Politik der Regierung, so gut sie konnten, verteidigen.

Drei Tage nach diesem ersten Treffen kam eine größere Gruppe von Parteikadern in Warschau zusammen, die harsche Kritik an der seit acht Jahren mit harter Hand führenden Regierung Bierut und der weiteren Zugehörigkeit von Stalinisten zum Politbüro äußerten. Der vollständige Text der Chruschtschow-Rede war in der PVAP offiziell noch nicht in Umlauf, doch war bereits so viel von ihrem Inhalt durchgesickert, dass sie einen regelrechten Sturzbach Bierut-kritischer Kommentare auslöste. Bierut war während des KPdSU-Parteitages schwer erkrankt und zur Erholung in Moskau geblieben. Telefonisch hielt er engen Kontakt mit Warschau und wusste deshalb auch um den rapiden Schwund seiner Autorität in Polen, doch konnte er aus der Ferne nicht darauf reagieren. Sein plötzlicher Tod am 12. März - er starb offenbar an Herzversagen und einer Lungenentzündung - verlieh der Entstalinisierung in Polen einen enormen Schub.

Weil die große Mehrheit der Polen vor der offiziellen Verkündung von Bieruts Tod am 13. März weder von seiner Krankheit noch von seinem verlängerten Aufenthalt in Moskau gewusst hatte, sorgte die überraschende Meldung in der polnischen Gesellschaft für heftige Bewegung. Innerhalb von ein, zwei Tagen berichteten die Sicherheitskräfte in nahezu allen Landesteilen von großen Mengen "antikommunistischer und antisowjetischer" Flugblätter, in denen Bierut oft in extrem verletzender Weise an den Pranger gestellt wurde, Freude über seinen Tod geäußert und die polnische Führung als "russisch-beherrschte Regierung" geschmäht wurde. Graffiti tauchten auf Hauswänden in Warschau (vor allem in der Universität) und in anderen Städten des Landes auf. Schnell machten Gerüchte die Runde, Bierut sei "von der sowjetischen Geheimpolizei auf Geheiß der KPdSU-Führung vergiftet" worden. Einige Parteifunktionäre behaupteten öffentlich, dass "Genosse Bierut auf Befehl der KPdSU nach dem XX. Parteitag ermordet wurde, weil es unangenehm wurde, dass er noch länger anwesend war". Für diese Gerüchte gab es keinen Beweis, doch zeigt die Tatsache, dass viele Polen Bierut einerseits verurteilten, diesen Anschuldigungen andererseits aber bereitwillig Glauben schenkten, wie dramatisch sich das politische Klima in Polen gewandelt hatte.

Bieruts Nachfolger im Amt des Parteichefs, Edward Ochab, vertrat eine sehr viel moderatere Linie - er suchte die politische Unterdrückung und die strenge Kontrolle der Partei über die Presse zu lockern. Ochab erklärte sich mit dem Vorschlag Stefan Staszewskis, des reformorientierten Ersten Sekretärs der Partei in Warschau, einverstanden, die Parteiführung solle allen Parteimitgliedern das Studium der Geheimrede erlauben und diese sogar dazu ermutigen. Am 21. März, einen Tag nach der offiziellen Amtsübernahme Ochabs, billigte das Parteisekretariat (dem er vorstand) Ochabs Vorschlag, sowohl den russischen Text der Geheimrede als auch eine polnische Übersetzung zu verbreiten.

Zunächst gab die PVAP nur eine geringe Anzahl von Kopien der beiden Dokumente an regionale und lokale Parteiorganisationen aus - mit der Maßgabe, den übersetzten Text vor Versammlungen ausgewählter Parteimitglieder zu verlesen. Die lebhaften Debatten, die sich daran entzündeten, steigerten das Interesse noch, und Spekulationen blühten. So billigte das Sekretariat der PVAP am 27.März auf Geheiß Ochabs eine größere Verbreitung und wies die regionalen und lokalen Parteiorganisationen an, "sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten öffentliche Versammlungen" durchzuführen, um "sicherzustellen, dass die Teilnehmer vollständig über den Bericht [Chruschtschows] über den ,Personenkult und seine Konsequenzen` in Kenntnis gesetzt werden".

Diese Entscheidung war zum Teil auf Umstände zurückzuführen, die außerhalb der Kontrolle der PVAP lagen. Seit Mitte März konnten die Polen eine detaillierte Zusammenfassung der Rede über den polnischen Dienst des amerikanischen Radiosenders Voice of America (VOA) sowie andere westliche Kurzwellensender verfolgen. Diese "verbotenen" Sendungen erwiesen sich als höchst populär. In der zweiten Märzhälfte hatten lokale und regionale Parteifunktionäre ihrer tiefen Besorgnis über "eine große Zahl von Arbeitern" Ausdruck verliehen, die "bourgeoise Radiosender einschalten, um die wiederholten Ausstrahlungen von Chruschtschows Rede ebenso zu hören wie übel wollende Kommentare". Der Erste Sekretär der PVAP in Stettin, Józef Kisielewski, berichtete Ende März, dass "Arbeiter in Stettin in den vergangenen drei bis vier Wochen bei vielen Anlässen zu Massenversammlungen zusammenkamen, um [die Berichterstattung über Chruschtschows Rede über] bourgeoise Radiosender zu verfolgen und sich anschließend in bedenklicher, offen feindseliger Form und mit eindeutig antisowjetischen Untertönen über die Rede auszutauschen". Der Leiter der für die Massenmedien zuständigen Parteiabteilung, Tadeusz Golin'ski, räumte ein, dass "die Menschen überall in Polen Voice of America hören. Den Empfang verhindern zu wollen ist zwecklos, da die Polen immer wieder einen Weg finden, den Sender einzuschalten." Golin'ski, Kisielewski und andere hochrangige Funktionäre argumentierten, die Partei könne diesen Übertragungen nur begegnen, indem sie die Rede selbst verbreite: "Wenn wir den Menschen diese Informationen nicht selbst geben, wird der Feind dies gern für uns tun (...). Überall im Land werden die Menschen - auch jene, die keine Feinde [der PVAP] sind - Voice of America hören, wenn wir ihnen nicht die Wahrheit sagen oder dies hinauszögern." Geschehe dies nicht "so bald wie möglich", so Kisielewski weiter, werde sich die "virulente antisowjetische" und "antisozialistische" Stimmung noch verschärfen, die sich in den vorangegangenen Monaten "mit alarmierender Schnelligkeit" in Stettin entwickelt habe.

Die Appelle brachten das Sekretariat der PVAP dazu, am 27. März in einer Resolution für eine größere Verbreitung von Chruschtschows Rede einzutreten - ein Schritt, mit dem die Führung hoffte, den Einfluss und die Popularität der VOA zumindest schwächen zu können. Offiziell wurden mehr als 3 000 zusätzliche Exemplare der Geheimrede in Warschau gedruckt, "inoffiziell" und auf Initiative Staszewskis wurden weitere 15 000 bis 20 000 Exemplare hergestellt. Viele der inoffiziellen (und sogar einige der offiziellen) Broschüren wurden außerhalb der Partei verteilt, aber auch an Parteimitglieder gegeben. Anfang April tauchten einige Exemplare sogar auf dem Warschauer Rózycki-Markt auf, wo sie schnell ausverkauft waren.

Mit der wachsenden Zahl der Parteimitglieder und der "Normalbürger", die vom Inhalt der Rede wussten, nahm Ende März, Anfang April die politische Unruhe im Lande zu; einige Funktionäre äußerten die Befürchtung, die Situation könne bald außer Kontrolle geraten. Mitte April versuchte das Sekretariat der PVAP, die offizielle Verbreitung der Rede wieder zu drosseln, doch war dieser Versuch viel zu begrenzt und kam zu spät, um die Welle des Aufruhrs noch eindämmen zu können. Selbst wenn die Verbreitung der Rede über offizielle Kanäle umgehend hätte gestoppt werden können - ein solcher Schritt hätte lediglich kosmetischer Natur sein können, solange die Behörden nicht auch in der Lage gewesen wären, die vielen Tausend unerlaubten Kopien sicherzustellen und die Sendungen der VOA zu stören.