APUZ Dossier Bild

20.4.2006 | Von:
Mark Kramer

Entstalinisierung und die Krisen im Ostblock

Antisowjetische Ressentiments

Eine der unvorhergesehen - und aus Sicht des Regimes höchst unerwünschten - Folgen der Entstalinisierungskampagne in Polen war die rapide Zunahme der Feindseligkeit gegenüber der Sowjetunion in der Bevölkerung. Bei Versammlungen von Partei- und Staatsorganisationen, bei denen im März und Anfang April über Chruschtschows Rede gesprochen werden sollte, äußerten sich viele der Teilnehmer in scharfer Form über die sowjetisch-polnischen Beziehungen - ein Thema, das zuvor tabu gewesen war. Zunächst wurde diese Kritik noch in Verurteilungen Stalins und dessen harter Unterdrückung der militärischen und politischen Eliten Polens gekleidet, schnell aber wuchs sich die Unzufriedenheit zu dem aus, was regionale Führer der PVAP als "ins Mark treffende antisowjetische Erklärungen und Angriffe" bezeichneten.

Als das Risiko von Repressalien immer geringer wurde, waren immer mehr Menschen bereit, ihrem Ärger über die "militärische Besetzung Polens durch die Sowjetunion" freien Lauf zu lassen und den Abzug aller sowjetischen Truppen zu fordern. Selbst innerhalb der PVAP waren nun viele früher scheinbar loyale Aktivisten geneigt, Chruschtschows Rede als "billigen politischen Trick" abzutun und die "Führer der KPdSU" zu beschuldigen, "sich jeder Verantwortung für Verbrechen zu entziehen, die sie Stalin zu begehen halfen. Jetzt, wo er bequemerweise tot ist, geben sie ihm die Schuld für alles."

Die öffentliche Feindseligkeit gegenüber der Sowjetunion wurde während der nächsten Phase der Entstalinisierung in Polen unübersehbar, und zwar in nahezu allen Teilen der Gesellschaft. Regionale Parteiführer berichteten, dass eine "enorme Zahl" von Arbeitern, Studenten und Intellektuellen "Verachtung für die UdSSR äußerten", und behaupteten, dass "die zehn Jahre, in denen Polen unter dem ,Protektorat` der Sowjetunion gestanden habe, für das Land eine völlig verschwendete Zeit" gewesen seien. In Polen stationierte sowjetische Funktionäre übermittelten düstere Memoranden nach Moskau über die "einem Angriff ähnelnden Ausbrüche gegen die UdSSR, die Kaskade antisowjetischer Äußerungen und Witze, die Verunglimpfungen, mit denen die sowjetische Politik überzogen wird". Diese "bestürzenden Erscheinungen", so ihre Argumentation, "hätten sich nicht derart verbreiten können, wenn die regionalen und lokalen Organisationen der PVAP eine entschiedenere und geschlossenere Haltung gegen die Aktivitäten feindlicher Elemente eingenommen hätten".

Der Prozess der Entstalinisierung wurde in Polen noch verstärkt durch die Lockerung der Pressezensur. Im Frühjahr 1956 erschien scharfe Kritik nicht nur am stalinistischen System des Landes, sondern auch am bestehenden Gemeinwesen und den polnisch-sowjetischen Beziehungen. Die wachsende Kühnheit der Presse rief in der PVAP die Befürchtung hervor, dass Artikel veröffentlicht werden könnten, "die in fundamentalem Gegensatz zu den Positionen der Partei stehen". Hochrangige Funktionäre beklagten sich, dass das Parteiorgan "Trybuna Ludu" "nicht einmal mehr versuche, eine Offensive zugunsten der zentralen Parteiorgane zu starten", eine Offensive gegen "ruchlose Elemente, die schroff zurückgewiesen werden sollten". Die Behörden unternahmen Ende April, Anfang Mai vorsichtige Schritte, um die kritische Presse zu zügeln, etwa, indem sie die Mai-Ausgabe der "Nowa Kultura" konfiszierten, die einen in ihren Augen "offen antisozialistischen" Artikel veröffentlicht hatte. Diese Maßnahmen hatten allerdings nur geringe Wirkung; die Auslieferung des Heftes an die Abonnenten war zu einem erheblichen Teil bereits erfolgt.

Die lebendigen und nicht der Parteilinie entsprechenden Kommentare polnischer Journalisten verstörten auch die sowjetische Führung, bei der wiederholt Telegramme von sowjetischen Diplomaten in Polen eingingen, in denen von der "verderblichen Rolle der polnischen Presse" bei der "Verbreitung antisowjetischer Stimmungen" die Rede war, indem "die Diskussionsfreiheit missbraucht wird, um Ansichten zu fördern, die eine Antithese zum Marxismus-Leninismus darstellen" und "den Kampf der KPdSU gegen den Personenkult grob verzerren". Während eines Treffens sowjetischer und osteuropäischer Funktionäre Anfang Mai fand Chruschtschow zornige Worte für die "antisozialistischen Elemente in Polen, denen unter Ochab freie Hand [in der Presse] gelassen wird", um "Polen gewaltsam aus der brüderlichen sozialistischen Gemeinschaft herauszulösen". Wenig später, nachdem es den polnischen Machthabern nicht gelungen war, die Kritik zu unterbinden, äußerten Chruschtschow und seine Kollegen die Befürchtung, dass "die [polnischen] Presseorgane der Kontrolle [der PVAP] unwiderruflich entglitten sind" und "in den verderblichen Einfluss unserer Feinde geraten sind, [die] auf Geheiß reaktionärster Kräfte [handeln]".

Doch trotz wachsender Bedenken sowohl in Warschau als auch in Moskau verlor die Entstalinisierung in Polen nicht an Tempo. Die Hardliner in der PVAP, die sich zunächst im Hintergrund gehalten hatten, hofften nun, die wachsenden sozialen Unruhen eindämmen und wieder strenge politische Kontrolle ausüben zu können. Ihr Handlungsspielraum aber wurde durch eine immer stärkere Zersplitterung auf allen Ebenen der Partei zunehmend eingeschränkt. Die Machtkämpfe innerhalb der PVAP erschwerten alle Versuche, mit Härte durchzugreifen. Ein hoher Funktionär, der mit einigen der beschlossenen Reformen unzufrieden war, fasste die Lage so zusammen: "Anders als in anderen Volksrepubliken ist in unserem Land ein anhaltender Prozess so genannter 'großer Diskussionen' in Gang gekommen. Diesem Prozess sind keine Grenzen gezogen und keine festen Leitlinien vorangestellt worden, er war voll von unverblümter und bisweilen böswilliger Kritik. Die 'Diskussion' ist ausgeufert, und niemand hat versucht, sie zu kontrollieren. Die Menschen sagen, was immer sie möchten, und sie tun dies, wann immer sie möchten. Das Zentralkomitee der PVAP hat zugeschaut. Man kann sich nur wundern, wie weit die Dinge gediehen sind."

Politisch war Polen allen anderen osteuropäischen Staaten weit voraus, ökonomisch gesehen aber war die Lage bedeutend ungünstiger. Die Wirtschaft war in den ersten Jahren nach Stalins Tod kaum gewachsen. Obwohl sich der Spielraum für ökonomische Reformen nach Bieruts Tod beträchtlich erweitert hatte, nahmen Ochab und seine Mitstreiter nur zögerlich weit reichende wirtschaftliche Maßnahmen zur Linderung der Notlage in Angriff, die auf Polens Crashkurs zur Industrialisierung und auf die erzwungene Kollektivierung der Landwirtschaft zurückzuführen war. Dies zusammen mit der allgemein gelockerten politischen Kontrolle ließ ein hoch entzündliches Gemisch entstehen.

Im Frühjahr 1956 riefen Arbeiter in einigen Städten zu kurzen, aber folgenschweren Streiks auf. Es waren Arbeiter in großen Industrieanlagen, die für den Großteil der Proteste verantwortlich waren, aber auch andere Berufsgruppen (etwa Taxifahrer und Lehrer) unterstützten die Arbeitsniederlegungen. In Krakau traten Anfang April die städtischen Taxifahrer in den Streik und brachten das öffentliche Leben in der Stadt für zwei Tage beinahe zum Erliegen, bis die Lokalregierung sich bereit erklärte, eine Erhöhung der Einkommensteuer zurückzunehmen. Die Behörden versuchten, der Vorfälle ohne Gewaltanwendung Herr zu werden, doch erwiesen sich ihre Bemühungen zur friedlichen Beilegung der Arbeiterproteste als vergeblich. Am 28. Juni 1956 brach in Posen, der großen Industriestadt 270 Kilometer westlich von Warschau, ein allgemeiner Arbeiteraufstand los.