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20.4.2006 | Von:
Mark Kramer

Entstalinisierung und die Krisen im Ostblock

Vom Posener Aufstand zur Oktober-Krise

Der Arbeiteraufstand von Posen war die bis dahin deutlichste Manifestation der Unzufriedenheit. Einer Demonstration der Arbeiter der größten Betriebe der Stadt für bessere Lebensbedingungen schlossen sich Beschäftigte kleinerer Unternehmen und Teile der Bevölkerung an. Die angespannte Situation eskalierte, als aus dem Gebäude der Staatssicherheit auf die Demonstranten geschossen wurde. Erst mit Hilfe von Panzern gelang es, den Aufstand niederzuschlagen. Im Verlauf der heftigen, an einigen Punkten der Stadt zwei Tage anhaltenden Kämpfe starben mindestens 75 Menschen; mehr als 700 wurden zum Teil schwer verletzt. Der Aufstand sorgte im gesamten Ostblock für große Nervosität. Das Muster der Ereignisse sollte sich in späteren Zeiten wiederholen.

Die osteuropäischen Führer - die meisten von ihnen Überbleibsel aus der Stalin-Zeit - fürchteten, die Gewalt in Polen könne auf ihre Länder übergreifen. Besonders groß erschien diese Gefahr in Ungarn und der Tschechoslowakei. Letztere hatte eine lange gemeinsame Grenze mit Polen. In Ungarn hatte sich die politische Unruhe nach dem XX. Parteitag der KPdSU vor allem unter Schriftstellern, Studenten und Intellektuellen rapide verstärkt. Ab Jahresmitte bezogen die ungarischen winds of change zusätzliche Kraft aus der Krise in Posen. Auch Fabrik- und Kolchosearbeiter waren nun bereit, dem kommunistischen Regime zu trotzen. Ein Signal dieses Wandels war der 12. Juli: Tausende Arbeiter der großen Mátyás-Rákosi-Stahlwerke auf der Csépel-Insel, dem 21. Bezirk von Budapest, organisierten einen Protestzug, in dem sie die "unverständlichen Kürzungen [ihrer] Löhne" anprangerten und forderten, die "Löhne nach einem geregelten System festzulegen".

In der Tschechoslowakei hatte bereits im Januar eine Welle von Studentenprotesten eingesetzt, als Tausende in Prag und Bratislava gegen einen Beschluss des Regimes, nach dem alle männlichen Studenten im Anschluss an ihre Ausbildung ein Jahr Militärdienst zu leisten hatten, demonstrierten. In einem Akt des Aufbegehrens, der zu Stalins Zeiten unvorstellbar gewesen wäre, organisierten die Studentenführer in Bratislava eine Straßendemonstration. Als im April 1956 der Tschechoslowakische Schriftstellerverband seinen zweiten Kongress abhielt und eine Gruppe reformorientierter Schriftsteller das Treffen als öffentliches Forum für den Ruf nach umfassenden politischen Veränderungen nutzte, wies die Regierung die Forderungen entschieden zurück und maßregelte jene Schriftsteller, die sich offen geäußert hatten. Die politischen Unruhen erreichten im Mai mit Studentenprotesten bei den traditionellen Majáles-Feiern, die beinahe außer Kontrolle gerieten, einen Höhepunkt.

Sowohl in Ungarn als auch in der Tschechoslowakei grenzten die offiziellen Reaktionen auf den Posener Aufstand an Panik. Mátyás Rákosi, Generalsekretär der Partei der Ungarischen Werktätigen (MDP), reagierte alarmiert auf den Posener Aufstand, denn dieser brach nur einen Tag nach einem in den Medien viel beachteten Treffen des Petofi-Kreises in Budapest los, einer Gruppe reformorientierter Intellektueller innerhalb der MDP, die immer heftiger gegen Rákosi und die Partei aufbegehrten. Mehr als 6 000 Menschen verfolgten die Debatten, in denen umfassende Kritik an der Politik Rákosis insbesondere wegen seiner Rolle bei der stalinistischen Unterdrückung der späten vierziger und frühen fünfziger Jahre laut und erneut die "völlige Freiheit der Presse" gefordert wurde.

Über die Vorgänge nach dem Treffen des Petofi-Kreises wurde in der ungarischen Presse ausführlich berichtet - genau zu jenem Zeitpunkt, als die Gewalt in Polen losbrach. Auch ohne den Posener Aufstand hätte Rákosi zweifellos eine heftige Kampagne gegen den Pet?fi-Kreis gestartet. Als er am 30. Juni eine außerordentliche Sitzung des ZK der MDP einberief, bei der diskutiert werden sollte, wie mit dem Petofi-Kreis und der Presse zu verfahren sei, wurden diese Überlegungen vom Posener Aufstand überschattet. Rákosi berief sich bei der Rechtfertigung seiner Vorschläge, den Petofi-Kreis zu ächten und die Zügel der Zensur wieder anzuziehen, wiederholt auf die "antisozialistischen Auswüchse in Posen". Seiner Auffassung nach waren "diese plötzlichen und unerwarteten Ereignisse" - der Posener Aufstand und das Treffen des Petofi-Kreises - "zwei Seiten ein und derselben Medaille"; führende Mitglieder des Petofi-Kreises hätten "ideologische Vorbereitungen" für eine gewaltsame Erhebung in Ungarn getroffen.

Die Befürworter einer harten Linie im ZK der MDP teilten Rákosis Auffassung bezüglich des Posener Aufstandes. "Nach der Lektüre der Morgenzeitungen über die Ereignisse in Posen", erklärte Handelsminister János Tausz, er sehe, dass "wir in den vergangenen Monaten zu nachgiebig gegenüber jenen Elementen auf dem rechten Flügel waren, die vorgeben, offen und ehrlich Kritik zu üben. (...) Im Licht der jüngsten Ereignisse in der Tschechoslowakei und in Polen müssen wir entschieden [gegen die rechten Kräfte] vorgehen, um sicherzustellen, dass die Arbeiter die Linie der Partei richtig verstehen." Zustimmend fügte Premierminister András Hegedüs hinzu, dass "die Ereignisse in Polen ernste Auswirkungen auf die internationale Arbeiterbewegung haben. Können wir uns vorstellen, wie ernst diese wären, wenn Ereignisse wie die in Polen in der Sowjetunion oder in anderen Volksrepubliken geschähen? Dem menschlichen Fortschritt und der Sache des Sozialismus würde irreparabler Schaden zugefügt." Das ZK billigte Rákosis Vorschlag einer "entschiedenen Verurteilung" des Petofi-Kreises, denn dieser habe sich mit einer "heimtückischen, gegen die Partei gerichteten Bewegung" verschworen, um "gegen die Partei gerichtete Ansichten zu verbreiten, die öffentliche Meinung (vor allem jüngere Menschen) in die Irre zu führen und Anhänger bei den in ihrer Überzeugung wankenden Elementen" der Arbeiterklasse "zu rekrutieren". "Die Provokation in Posen", so die ZK-Erklärung, "ist eine Warnung für jeden ungarischen Arbeiter und jeden ehrlichen Patrioten, Versuchen zur Unruhestiftung entgegenzutreten und (...) sich unter der Führung der [kommunistischen] Partei und auf der Seite der Regierung zu vereinigen."

Unruhen unter den Stahlarbeitern am 12. Juli schienen Rákosis Warnungen über die Gefahr eines "ungarischen Posen" zu bestätigen. Doch sein politisches Schicksal war bereits besiegelt. Rákosi erhoffte sich die Unterstützung der sowjetischen Führung, indem er die mit der Krise in Posen verbundenen Gefahren hervorhob. Ihm war nur zu bewusst, dass Chruschtschow, der stellvertretende Ministerpräsident Anastas Mikojan und andere wichtige Funktionäre in Moskau nach dem Posener Aufstand "besorgt über das Schicksal Ungarns" waren. Mikojans Memorandum an das Präsidium der KPdSU, in dem er "die Diskussionen des Petofi-Kreises [am 27. Juni] als ideologisches Posen, nur ohne Gewehrschüsse" bezeichnet hatte, schienen Rákosis Einschätzung widerzuspiegeln. Mikojan betonte, das "wir [in Moskau] nach den Lehren von Posen nicht etwas Ähnliches in Ungarn erleben möchten". Doch bedeutete das nicht, dass die sowjetische Führung Rákosi als Garanten für Stabilität in Ungarn sah. Im Gegenteil: Ihrer Ansicht nach lag "eine ungarische Version von Posen" im Bereich des Möglichen, solange Rákosi an der Macht blieb. Daher reiste Mikojan am 13. Juli, einen Tag nach dem Streik der Stahlarbeiter in Budapest, nach Ungarn und erklärte Rákosi, er müsse zurücktreten. Rákosi blieb nichts anderes übrig, als sich diesem "Rat" zu beugen.

Erno Gero, lange Zeit treuer Gefolgsmann Rákosis, wurde auf Betreiben Mikojans am 18. Juli vom ZK zum Generalsekretär der MDP ernannt. Bei seiner Amtsübernahme versicherte Gero dem ZK, in Ungarn werde es "kein zweites Posen" geben. Gleich einem Echo der Moskauer Position hob er die Rolle ausländischer Mächte hervor, die "versuchen, die Einheit des sozialistischen Lagers zu zerstören: Der amerikanische Imperialismus und andere imperialistische Kreise sind bestrebt, die gegenwärtige Situation auszunutzen - eine Situation, in der die Ausmerzung von Stalins Personenkult und die Entwicklung einer sozialistischen proletarischen Demokratie jene Elemente, die sich unter den alten, gegen die Bevölkerung gerichteten Regimen entfalten konnten, in die Lage versetzt, auch in den Volksdemokratien wieder an die Oberfläche zu gelangen." Gero warnte seine Genossen davor, dass "sich der imperialistische Feind noch immer offen darum bemüht, auf ein 'ungarisches Posen' hinzuarbeiten". Ungarn könne "sich glücklich schätzen, dass sich unter Rákosi kein Posen ereignet" habe, und Gero betonte, es "wäre ein großer Fehler, keine Lehren aus der Provokation von Posen zu ziehen", vor allem hinsichtlich des Petofi-Kreises und anderer, denen unterstellt wurde, "jene Form von Blutvergießen auslösen" zu wollen, "die wir in Posen erlebt haben". Obwohl der Petofi-Kreis zu Beginn "ein lohnenswertes Gebilde" gewesen sei, dem "viele aufrichtige Menschen" angehört hätten, so Gero, hätten sich "feindliche Kräfte" der Gruppe bemächtigt, um "ein alternatives politisches Machtzentrum zu schaffen, das die einzig legitime politische Autorität des Landes, das Zentralkomitee der MDP, stürzen könnte".

In der Tschechoslowakei waren die offiziellen Reaktionen auf den Posener Aufstand ähnlich. Am 30. Juni wies das Präsidium derTschechoslowakischen Kommunistischen Partei (KPC) alle großen Zeitungen an, am folgenden Tag einen Leitartikel zu veröffentlichen, in dem zu einer "Verstärkung der revolutionären Wachsamkeit" und einem "heftigeren Kampf gegen Feinde der volksdemokratischen Ordnung, Spione und Saboteure" aufgerufen werden sollte - jene angeblich zwielichtigen Elemente der Gesellschaft, die bereits während der stalinistischen Repressionen im Visier der tschechoslowakischen Staatssicherheit Státni bezpecnost (StB) gewesen waren. Der Artikel bekräftigte, dass "der Feind innerhalb des Landes operiert" und "einer der jüngsten Beweise für seine Aktivitäten die Tumulte während der studentischen Majáles-Feiern waren", die "feindliche Agenten ausnutzen wollten, um die Studenten gegen die Partei und das System aufzubringen".

In ihrem Bestreben, den Posener Aufstand zu diskreditieren und zu verurteilen, sahen sich die tschechoslowakischen Führer dennoch vor einer schwierigen Aufgabe. Berichte der StB sowie regionaler und lokaler Parteiorganisationen enthüllten "eine große Welle der Aktivität verschiedener feindlicher Elemente in der Tschechoslowakei nach den Ereignissen in Posen". Besondere Besorgnis erregte ein StB-Memorandum von Anfang Juli, in dem von einem "beträchtlichen Prozentsatz" von Arbeitern in den tschechischen Gebieten die Rede war, die "die von imperialistischen Agenten in Posen begangenen Provokationen von ganzem Herzen begrüßen". Diese Einschätzung wurde von lokalen Parteifunktionären bestätigt, die das KPC-Präsidium informierten, dass in fast allen Teilen des Landes "widerwärtige Stimmungen aufgekommen sind". In Liberec (Reichenberg) etwa hätten Arbeiter der größten Produktionswerkstatt, der Staatlichen Flugzeugwerke, den Posener Aufstand als "Ausdruck der wahren Meinung gewöhnlicher Menschen" betrachtetet. Sie seien überzeugt, dass "sich ein großer Teil unseres Volkes daran beteiligen würde, wenn etwas Ähnliches in der Tschechoslowakei geschähe".

Noch größere Nervosität riefen Informationen hervor, wonach "die Ereignisse in Posen großes Aufsehen bei der polnischen Minderheit in der Region um Ostrava [Ostrau] erregten", dem tschechoslowakischen Grenzgebiet zu Polen. Anfang Juli behauptete die StB, Flugblätter gefunden zu haben, "die von einem 'Zentrum für den inneren Widerstand' bei der polnischen Minderheitsgemeinschaft in Umlauf gebracht worden" seien, einer Gruppe, die "bestrebt ist, einen noch größeren Aufruhr [als in Posen] zu provozieren, und zwar in einer ganzen Reihe verschiedener Städte, um die Erfolgsaussichten zu erhöhen". Angeblich riefen diese Flugblätter "die Angehörigen der polnischen Minderheit dazu auf, nationale Gruppierungen zu bilden und 'auf ein Signal zum Aufstand'" gegen das Regime zu warten. Später informierte die StB das Präsidium der KPC darüber, dass "am 4. Juli mehr als 700 Pakete mit Flugblättern aus Briefkästen in Prag beschlagnahmt" worden seien - gerade rechtzeitig, bevor sie an "feindliche Elemente" in der Region um Ostrava verschickt werden konnten.

Auch in anderen tschechischen Gebieten warfen Parteifunktionäre "reaktionären Elementen" vor allem "unter den Eisenbahnarbeitern" vor, "den Geschehnissen in Posen nacheifern zu wollen, indem sie Arbeiter verschiedener Unternehmen aufrufen, Protestaktionen zu organisieren und höhere Löhne zu fordern". Diesbezügliche Befürchtungen der Regierung hingen vor allem damit zusammen, dass am 30. Juni - zeitgleich mit dem Posener Aufstand - eine lange geplante Erhöhung der Arbeitsnormen in Kraft getreten war. Die Erhöhung veranlasste 120 Arbeiter in einer Fabrik im Prager Vorort Stredokluky, die Arbeit niederzulegen und eine Rücknahme der Maßnahme zu fordern.

Arbeiter anderer Fabriken in der Region organisierten Bummelstreiks, und die Mitarbeiter eines dieser Unternehmen entsandten eine Delegation von zehn Beschäftigten ins Ministerium für Schwerindustrie in Prag, um ihrer Forderung nach einer Rücknahme der höheren Normen Nachdruck zu verleihen. In Pilsen stellten Parteifunktionäre fest, dass Arbeiter in den Transportfabriken "diskutierten, ob dies 'der richtige Zeitpunkt ist, unseren Führern' das Gleiche zu zeigen" wie die Posener Arbeiter. Umgehend sagten die Aufseher in diesen Fabriken Lohnerhöhungen zu, um einen Streik zu vermeiden. Die KPC wies ihre Funktionäre an, "in Unternehmen, wo keine hinreichenden politischen Vorbereitungen getroffen wurden, vorübergehend von höheren Arbeitsnormen abzusehen". In den unruhigsten Landesteilen wurden zudem Verbilligungen von Konsumgütern angeordnet sowie Lohnerhöhungen für die Arbeiter in Schlüsselunternehmen in Pilsen, Prag und anderen Städten.

Echos des Posener Aufstandes waren auch in China zu spüren. Eine Delegation chinesischer Funktionäre befand sich Ende Juni 1956 in Posen, um an der Internationalen Handelsmesse teilzunehmen und einen 41 Millionen Rubel umfassenden Handelsvertrag mit der polnischen Regierung zu unterzeichnen. Die Delegation wurde Augenzeuge des Aufstandes und sandte anschauliche Berichte nach Peking, in denen Ausmaß und Intensität der Gewalt beschrieben wurden. Diese Berichte und spätere Besprechungen trafen die kommunistischen Machthaber in China völlig unerwartet und entzündeten "eine heiße Debatte in breiten Teilen der chinesischen Bevölkerung über die Gründe" des Aufstandes.

Der sowjetische Botschafter in Peking, Pawel Judin, berichtete, dass im Gefolge des Posener Aufstandes chinesische "Fabrikarbeiter, Büroangestellte und Intellektuelle sehr viel eher geneigt" waren, "ihre Unzufriedenheit mit dem langsamen Wachstum der Einkommen und des Lebensstandards, dem Warenmangel in den Geschäften und dem anhaltenden Wohnungsmangel zu äußern". Später räumte die chinesische Führung ein, dass es im Sommer 1956 zu Dutzenden von Arbeitsniederlegungen und Protesten gekommen war. An diesen Unruhen, die häufig gewaltsam niedergeschlagen wurden, beteiligten sich zehntausende Arbeiter - unter ihnen auch solche, die sich ausdrücklich auf den Aufstand in Posen beriefen.

Die Proteste chinesischer Arbeiter und Intellektueller 1956 waren weniger dramatisch als das Blutvergießen in Posen, doch hatte es spontane politische Diskussionen und Arbeiterunruhen in China seit der kommunistischen Machtergreifung 1949 praktisch nicht mehr gegeben. Arbeiter, Studenten und Intellektuelle waren plötzlich bereit, "die unterschiedlichsten und oft verworrensten Ansichten" über die "ernsten Probleme" in ihrer Gesellschaft zu äußern. In einer Rede vor hohen Parteifunktionären sprach Mao Zedong im Januar 1957 von der "heimtückischen Wirkung" des Posener Aufstandes auf die soziopolitische Lage in China: "Sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kommunistischen Partei priesen bestimmte Leute die Ereignisse in Polen. Jedes Mal, wenn sie den Mund öffneten, sprachen sie voller Begeisterung über Posen (...). Dabei enthüllten sie für jeden erkennbar ihr wahres Gesicht. Diese Ameisen kamen aus ihren Löchern gekrochen, und die Schildkröten und anderer Abschaum der Menschheit kamen aus ihren Verstecken und wurden ans Licht gelockt."

Der Nachhall des Posener Aufstandes in China, Osteuropa und der Sowjetunion unterstrich die besondere Bedeutung der polnischen Arbeiterbewegung. Auch in Polen hatte die Erhebung weit reichende Konsequenzen. Die Möglichkeit erneuter Unruhen wurde durch die in der Bevölkerung vorhandenen Ressentiments gegen die Sowjetunion erhöht. Berichte der Staatssicherheit und hoher Parteifunktionäre belegten, dass die antisowjetische Stimmung, die sich vor und während des Posener Aufstandes als so explosiv erwiesen hatte, stärker war als je zuvor. Auch wenn der Aufstand ohne militärische Intervention der UdSSR niedergeschlagen wurde, so hatte die prominente Rolle sowjetischer Generäle bei der Operation doch das Ausmaß der sowjetischen Kontrolle über die polnischen Streitkräfte offenbart. Gerüchte machten die Runde, dass "verkleidete sowjetische Soldaten als erste das Feuer eröffnet" hätten. Andere Gerüchte besagten, dass sowjetische und polnische Truppen "mehr als 1 000 Menschen in Posen getötet" hätten.

Ein Funktionär der PVAP sagte gegenüber sowjetischen Diplomaten, "noch nie habe er in der Volksrepublik Polen derart viele sarkastische antisowjetische Bemerkungen und Witze gehört wie zurzeit". Ein anderer warnte Moskau, dass "die Ereignisse von Posen nicht nur Polen und der UdSSR, sondern dem gesamten sozialistischen Lager großen politischen Schaden zugefügt haben, indem sie den Aufbau von Kontakten zwischen den [osteuropäischen kommunistischen] Parteien" und der KPdSU behindert hätten. Lokale Parteiorganisationen machten geltend, Arbeiter in zahlreichen Fabriken sähen in der Lancierung "antisowjetischer Slogans und dem Ausdruck antisowjetischer Ressentiments" den besten Weg, "Solidarität mit den Provokateuren von Posen" zu zeigen.

Eben jene Welle der Feindseligkeit gegen die UdSSR sollte im Oktober 1956 maßgeblich dazu beitragen, eine erneute sowjetisch-polnische Krise auszulösen. Wladyslaw Gomulka löste Ochab als Generalsekretär der PVAP ab, nachdem eine militärische Eskalation mit den sowjetischen Truppen im letzten Moment verhindert werden konnte. In Ungarn hingegen kam es zur Revolution. Die richtungweisende Entscheidung Chruschtschows vom Februar 1956, eine offizielle Kampagne zur Entstalinisierung zu führen, hatte Aufstände und Unruhen im gesamten Ostblock zur Folge. Eine Wiederholung der Vorgänge von Posen schien jederzeit möglich.