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30.3.2006 | Von:
Crister S. Garrett

Ein Brückenschlag zwischen "altem" und "neuem" Europa

Gemäßigte Transatlantiker

Die gemäßigten Transatlantiker spiegeln die breite Mitte der politischen Kultur Amerikas wider, der politischen Karrieren und der politischen Analyse. Bezogen auf politische Karrieren steht dafür etwa Hillary Clinton, die bei der Münchner Sicherheitskonferenz (2005) über die zentrale Bedeutung der deutsch-amerikanischen und der europäisch-amerikanischen Beziehungen insgesamt für die amerikanischen Interessen und die weltweite Stabilität sprach. Dafür steht auch John McCain, Senator von Arizona, der bei der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz einen neuen Tonfall und eine neue Qualität in den deutsch-amerikanischen Beziehungen begrüßte. Zu dieser breiten Mitte gehören auch weithin respektierte Wissenschaftler wie Adam Posen vom Institute for International Economics, der die Bedeutung Deutschlands für die amerikanischen Interessen auf fast schon klinische Art und Weise analysiert;[9] oder Stephen Szabo, ein in seinen Einschätzungen sehr besonnener Beobachter der deutsch-amerikanischen Kontakte, für den die Zukunft der bilateralen Beziehungen nicht von Pessimismus oder Optimismus bestimmt wird, sondern "viel eher eine Frage von Realismus darstellt".[10]

Derartige Analysen unterstreichen die Bedeutung Deutschlands und Europas für die amerikanischen Interessen, aber auch den auf Ausgleich ausgerichteten Ansatz, den die Vereinigten Staaten in transatlantischen Fragen verfolgen müssen und der seit mindestens drei Jahrzehnten zur Tradition der gemäßigten Transatlantiker gehört. Dabei sind auch die gemäßigten Transatlantiker nicht davor zurückgescheut, die europäische Politik sehr kritisch zu beurteilen; natürlich haben auch die Europäer im Gegenzug den Amerikanern vorgeworfen, unsensibel oder arrogant zu sein. Diese Wortwechsel haben in europäisch-amerikanischen Angelegenheiten eine lange Tradition.

Die unterschiedlichen Facetten transatlantischer Spannungen werden vielleicht von niemandem besser verkörpert als von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Ihm "verdanken" wir nicht nur die Unterscheidung zwischen einem "alten" und einem "neuen" Europa, sondern auch den Gedanken, dass den transatlantischen Interessen der USA mit diesem "neuen" Europa möglicherweise künftig besser gedient sei. Zu einem frühen Zeitpunkt seiner Karriere diente Rumsfeld in der von gemäßigten Republikanern gestellten Regierung unter Richard Nixon als US-Botschafter bei der NATO (1973 - 74), wo er seine Laufbahn als überzeugter Transatlantiker begann. Während der größten Spannungen bei der Bildung einer Koalition zur Invasion des Iraks stichelte Rumsfeld 30 Jahre später, dass nur ein "neues" Europa gewillt sei, die Vereinigten Staaten zu unterstützen. Bestimmte Verbündete wollte Rumsfeld damit provozieren, und das ist ihm mit Sicherheit auch gelungen. Aber wie Rumsfeld bei den beiden vergangenen Sicherheitskonferenzen in München betont hat: Dieses Kapitel der transatlantischen Beziehungen ist weitgehend abgeschlossen.


Fußnoten

9.
Vgl. Adam Posen, Amerika kann deutsche Führungskraft gebrauchen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3.1. 2006.
10.
So Szabo in einer im Internet geführten Debatte des American Institute for Contemporary German Studies (AICGS). Vgl. www.aicgs.org. Szabos Analyse findet sich in ausführlicherer Form in: Parting Ways: The Crisis in German-American Relations, Washington 2004.