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16.3.2006 | Von:
Brigitte Geißel

Kritische Bürgerinnen und Bürger - eine Gefahr für Demokratien?

Dimensionen politischer Kritik

Was aber ist unter politischer Kritik zu verstehen? Der Begriff "Kritik" ist facettenreich und wird in der Literatur keineswegs einheitlich angewandt. Die meisten Studien definieren Kritik als Unzufriedenheit.[7] Menschen, die mit dem Führungspersonal oder dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden sind, werden als kritisch bezeichnet. Aus dieser Unzufriedenheit werden euphorische, weit reichende Schlüsse gezogen: Unzufriedene Bürger gelten als Hoffnungsträger. Sie seien ein Indikator für die politische Qualität und politische Wachsamkeit der Bürgerschaft.[8]

Doch sind unzufriedene Bürger per se politisch wachsame und aufmerksame Demokraten? Ist Unzufriedenheit nicht auch als Reaktion auf einen unbefriedigenden politischen Prozess zu interpretieren? Eine große Anzahl an unzufriedenen Bürgerinnen und Bürgern wäre dieser Sichtweise zufolge eher ein Beleg für ein schlecht funktionierendes demokratisches System, diente aber kaum als Nachweis für eine besonders wachsame, kritikbereite, demokratische Bürgerschaft.

Die Vermischung der normativen wachsamen Kritikbereitschaft mit der tatsächlichen Unzufriedenheit erschwerte bislang die Analyse des komplexen Konstrukts "politische Kritik". Erst die Trennung der tatsächlichen Bewertung (Unzufriedenheit bzw. Zufriedenheit) von der normativen Verhaltensdisposition (Kritik- bzw. Nichtkritikbereitschaft) ermöglicht es, politische Kritik differenzierter zu verstehen.

Offen bleibt die Frage, ob kritikbereite Personen tatsächlich eine Gefahr für die Demokratie darstellen oder ob sie eine Ressource sind. Wie kann diese These empirisch überprüft werden? In dem vorliegenden Beitrag wird analysiert, ob kritikbereite oder nicht kritikbereite Bürger besonders demokratieförderliche Profile aufweisen. Wenn sich beispielsweise herausstellen würde, dass kritikbereite Bürger häufig politisch entfremdet oder uninformiert sind, so wären sie als demokratische Gefahr zu bezeichnen.


Fußnoten

7.
Vgl. Richard I. Hofferbert/Hans-Dieter Klingemann, Democracy and Its Discontents in Post-Wall Germany, Berlin, Discussion Paper FS III 00 - 207, Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), Berlin 2000; Oskar Niedermayer, Bürger und Politik. Politische Orientierungen und Verhaltensweisen der Deutschen. Eine Einführung, Wiesbaden 2001, S. 91.
8.
Beispielsweise wird vermutet, dass Unzufriedenheit "may indicate nothing more than the reasonable, healthy wariness of attentive democratic citizens"; R.Hofferbert/H.-D. Klingemann (Anm. 7), S. 11.