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16.3.2006 | Von:
Brigitte Geißel

Kritische Bürgerinnen und Bürger - eine Gefahr für Demokratien?

Politische Kritikbereitschaft:

Unter Kritikbereitschaft verstehe ich die normative Disposition, sich mit politischen Sachverhalten auseinander zu setzen.[9] Ein kritikbereiter Bürger postuliert somit politische Wachsamkeit als integralen Bestandteil seines Staatsbürgerkonzeptes. Es wäre natürlich möglich, dass die Bürgerinnen und Bürger andere Gründe haben für das aufmerksame Beobachten von Politik, beispielsweise verfolgen manche das politische Geschehen vielleicht nur, weil sie sich explizit für ein bestimmtes Gesetz interessieren. Kritikbereitschaft wäre für diesen Personenkreis jedoch nicht Teil ihres normativen Staatsbürgerkonzeptes, sondern ein eher zufälliges, situatives Verhalten. Im Rahmen meiner Studie interessieren diese Gründe jedoch nicht, sondern die normative Disposition.

Dabei kann eine Person kritikbereit, aber aktuell mit allen politischen Objekten zufrieden sein. Vice versa setzt die tatsächliche politische Unzufriedenheit keine normative Disposition der Kritikbereitschaft voraus. Auch eine Person, die Folge- und Unterstützungsbereitschaft als wesentliche staatsbürgerliche Tugenden betrachtet, kann mit der realen Situation unzufrieden sein. Sie könnte sich beispielsweise eine Demokratie mit "guten Eliten" und "guten Institutionen" wünschen, in welcher eine wachsame, kritikbereite Bürgerschaft unnötig wäre. Ihr Staatsbürgerverständnis schließt normative Kritikbereitschaft nicht ein.

Unzufriedenheit und normative Kritikbereitschaft, also Realitätsurteil und Verhaltensdisposition, können somit sowohl aneinander gekoppelt sein als auch unabhängig voneinander existieren. Da vermutlich nur jene Bürgerinnen und Bürger eine demokratische Ressource darstellen, welche ein demokratisches System bevorzugen, werden weiterhin die Regimepräferenzen berücksichtigt. So ergeben sich insgesamt drei Typen: neben den Personen mit undemokratischer Systempräferenz zwei Typen mit demokratischer Präferenz - die Kritikbereiten und die Nichtkritikbereiten.

Die zentrale Frage dieses Beitrages lautet, ob kritikbereite Bürger bezüglich ihrer Profile eine demokratische Ressource oder eher eine Gefahr darstellen. Um diese Frage beantworten zu können, muss zunächst diskutiert werden, welche Einstellungen als demokratische Ressource betrachtet werden können.


Fußnoten

9.
Vgl. ähnlich B. Westle (Anm. 3).