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16.3.2006 | Von:
Brigitte Geißel

Kritische Bürgerinnen und Bürger - eine Gefahr für Demokratien?

Ideale Merkmale demokratischer Bürgerinnen und Bürger

Debatten über die idealen Merkmale eines "guten" Bürgers und einer "guten" Bürgerin sind so alt wie die Diskussion um die Demokratie. Viele politische Philosophen, Sozialwissenschaftler und nicht zuletzt Bildungsexperten versuchten seit über zwei Jahrtausenden, Merkmale eines "homo democraticus" und einer "femina democratica" normativ zu setzen, empirisch zu erfassen oder didaktisch umzusetzen. In der Literatur werden unterschiedliche "gute" Eigenschaften genannt, beispielsweise Patriotismus, ausgewogene psychische Struktur, Gesetzestreue, Rücksichtnahme, Gemeinwohlorientierung oder Sozialkompetenz.[10] Viele dieser Merkmale sind jedoch nicht unbedingt als demokratische Ressourcen zu betrachten, sondern entsprechen den idealen Bürgermerkmalen auch in nichtdemokratischen Systemen. Beispielsweise kann Patriotismus durchaus undemokratische Züge annehmen. Auch Eigenschaften wie Gemeinwohlorientierung dürften die Funktionstüchtigkeit der meisten politischen Systeme stärken und können nur bedingt als speziell förderlich für Demokratien bezeichnet werden. In demokratischen Systemen müssten spezifische Merkmale eine Rolle spielen, die nur dort notwendig und funktional sind.

Über diese idealen demokratieförderlichen Merkmale eines Bürgers besteht nur partielle Einigkeit. Denn unterschiedliche Demokratieideale bedingen Differenzen bei den Vorstellungen vom Idealbürger. Die folgende Diskussion bezieht sich aus heuristischen Zwecken auf zwei zentrale Theorietraditionen: die repräsentations- und die partizipationsorientierte.

Theorien, die vor allem die repräsentativen Elemente von Demokratie betonen, fokussieren die idealen Charakteristika und Aufgaben des politischen Führungspersonals. Sie stellen gleichwohl klare Anforderungen an ideale demokratische Bürgerinnen und Bürger. Joseph A. Schumpeter, einer der bekanntesten Vertreter dieser Richtung, beschreibt als eine der Bedingungen für den Erfolg der "demokratischen Methode", dass die Wählerschaft auf "hohem intellektuellem und moralischen Niveau" sein müsse, um "gegen Angebote von Schwindlern und Querulanten gefeit zu sein".[11] Wähler sollen zumindest so gut informiert sein, dass sie eine sinnvolle Auswahl des politischen Führungspersonals treffen können. Gute demokratische Bürgerinnen und Bürger vollziehen weiterhin den Wahlakt, kümmern sich aber dann bis zur nächsten Wahl nicht mehr um Politik. Als demokratieförderlich gelten somit ein Mindestmaß an politischer Informiertheit, eine hinreichende Identifikation mit der "demokratischen Methode" sowie ausreichendes politisches Kompetenzbewusstsein für den Gang zur Wahlurne.

Vertreter partizipatorischer Demokratietheorien betonen demgegenüber die Bedeutung einer aktiven, involvierten und informierten Bürgerschaft mit hohem politischem Kompetenzgefühl, die eine starke Identifikation mit dem demokratischen Prozess aufweisen. Als demokratieförderliche Merkmale gelten jene, die geeignet sind, die Anpassungsprozesse des politischen Systems an neue Anforderungen durch eine starke Beteiligung der Bürger zu forcieren. Partizipation, Identifikation mit Demokratie und Politik, Informiertheit und Kompetenzbewusstsein entsprechen diesem Anspruch.

Ähnliche ideale Merkmale von Bürgern in Demokratien lassen sich auch bei den "Vätern" der politischen Kulturforschung Gabriel Almond und Sidney Verba finden. Die Autoren betonen, dass "the informed, involved, rational, and active citizen" häufiger in gut funktionierenden Demokratien zu finden ist als in weniger erfolgreichen: "The passive citizen, the nonvoter, the poorly informed or apathetic citizen - all indicate a weak democracy."[12]


Fußnoten

10.
Vgl. z.B. Joel Westheimer/Joseph Kahne, Educating the "Good" Citizen: Political Choices and Pedagogical Goals, in: Political Science and Politics, 37 (2004) 2, S. 241 - 246.
11.
Vgl. Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Bern 1950, S. 467.
12.
Vgl. Gabriel Almond/Sidney Verba, The Civic Culture: Political Attitudes and Democracy in Five Nations, Newbury Park, CA 1963, S. 339.