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16.3.2006 | Von:
Brigitte Geißel

Kritische Bürgerinnen und Bürger - eine Gefahr für Demokratien?

Demokratieförderliche Merkmale: Auswahl der Studie

In allen Theorien wird davon ausgegangen, dass Demokratien der Partizipation bedürfen, zumindest der Teilnahme an Wahlen. Über den Sinn einer weitergehenden Beteiligung herrscht zwar Dissens, aber eine Demokratie, die nur aus politisch passiven Bürgern besteht, wird in keiner Theorie angestrebt. Partizipation erscheint somit als ein Merkmal, das - unter Einschränkungen der demokratischen Zielrichtung - als demokratieförderlich betrachtet werden kann. Als zweites Merkmal ist politische Informiertheit zu nennen. Die Frage, wie viel politisches Wissen Bürgerinnen und Bürger haben, haben können oder sollen, wird zwar kontrovers diskutiert, aber ein Mindestmaß wird von allen Ansätzen als notwendig für ein demokratisches System erachtet. Ein drittes, in der Literatur weitgehend einheitlich als demokratieförderlich betrachtetes Merkmal, ist eine gewisse Identifikation mit demokratischen Prinzipien und "der Politik".[13] Demokratietheorien aller Couleur erachten - in anderen Worten - die Entfremdung der Bevölkerung von Politik und Demokratie als demokratiegefährdend. Viertens ist das politische Kompetenzbewusstsein zu berücksichtigen. Eine Bevölkerung mit extrem niedrigem Kompetenzgefühl dürfte Schwierigkeiten haben, sich als Demokratie zu etablieren.

So werden Partizipation, politische Informiertheit, demokratische und politische Identifikation bzw. Nicht-Entfremdung und Kompetenzbewusstsein als demokratieförderliche Einstellungen betrachtet. Die Bereitschaft zur Verteidigung der Demokratie wird diesem Kanon hinzugefügt, da sie in der politischen Bildung immer häufiger als Zielvorgabe genannt wird.[14]


Fußnoten

13.
Diese Identifikation wird häufig als identisch mit politischer Unterstützung erachtet und entsprechend mithilfe von Fragen zur politischen Zufriedenheit gemessen. Diese Definition ist mit dem theoretischen Ansatz meiner Studie nicht kompatibel. Ich gehe nicht davon aus, dass politische Zufriedenheit als Zeichen von demokratischer bzw. politischer Identifikation oder vice versa Unzufriedenheit als Zeichen von demokratischer Entfremdung zu werten sind. Vielmehr kann eine vollständige politische Zufriedenheit auf eine Entfremdung von demokratischen Prinzipien hindeuten; vgl. Mitchell A. Seligson/Julio F. Carrion, Political Support, Political Skepticism, And Political Stability in New Democracies. An Empirical Examination of Mass Support for Coup d'Etat in Peru, in: Comparative Political Studies, 35 (2002) 1, S. 58 - 82.
14.
Vgl. z.B. Joachim Detjen, Die Demokratiekompetenz der Bürger, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, (2000) 25, S. 11 - 20.