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16.3.2006 | Von:
Brigitte Geißel

Kritische Bürgerinnen und Bürger - eine Gefahr für Demokratien?

Diskussion und Ausblick

Ausgangspunkt des Beitrages war die Frage, ob kritische Bürgerinnen und Bürger eine Gefahr für die Demokratie darstellen oder ob sie als eine demokratische Ressource gelten können. Während politische Kritik bislang weitgehend mit Unzufriedenheit gleich gesetzt wurde, konzentrierte ich mich auf die normative Kritikbereitschaft, das heißt die als Staatsbürgerideal internalisierte grundlegende Disposition, politischen Sachverhalten wachsam gegenüberzustehen - unabhängig von der tatsächlichen Zufriedenheit. Unter Berücksichtigung der Systempräferenz wurden drei Typen konstruiert: Personen mit undemokratischer Systempräferenz, kritikbereite und nicht kritikbereite Demokraten. Analysiert wurde der Zusammenhang zwischen diesen Typen und folgenden Merkmalen, die in ausgewählten Demokratietheorien als Voraussetzung für eine gut funktionierende Demokratie betrachtet werden: politische Informiertheit, politische Partizipation, demokratische und politische Identifikation, Kompetenzbewusstsein sowie die Bereitschaft zur Demokratieverteidigung.

Die ausgewählten Merkmale variieren deutlich zwischen den kritikbereiten und den nicht kritikbereiten Demokraten. Vor allem die Kritikbereiten weisen demokratieförderliche Profile auf. Im Vergleich mit den nicht kritikbereiten sind die kritikbereiten Demokraten besser informiert, sie partizipieren häufiger, identifizieren sich stärker mit der Politik sowie mit dem demokratischen System und erachten Demokratieverteidigung häufiger als Bürgerpflicht. Die Unterschiede bei den Merkmalsprofilen zwischen den kritikbereiten und den nicht kritikbereiten Demokraten lassen sich sowohl in der etablierten Demokratie Westdeutschlands als auch in der jungen Demokratie Ostdeutschlands feststellen. Diese Merkmalsdifferenzen dürften somit weder eine Besonderheit etablierter noch junger Demokratien sein.

Die Profilunterschiede zwischen kritikbereiten und nicht kritikbereiten Demokraten verschwinden auch bei der Einbeziehung soziodemografischer Faktoren als Kontrollvariablen nicht. So sind kritikbereite Demokraten aller sozioökonomischen Statusgruppen überdurchschnittlich partizipationsfreudig und zur Demokratieverteidigung bereit.

Eine Gefahr scheint vom kritikbereiten Typus kaum auszugehen. Es gibt keinerlei Hinweise, dass Kritikbereitschaft zu einer ernsthaften Krise oder gar einem Zusammenbruch der Demokratie führen würde. Auf die Gefahrlosigkeit der demokratischen Kritikbereiten verweisen nicht nur deren Merkmalsprofile, sondern dafür spricht auch die Sozialstrukturanalyse. Kritikbereite entstammen nicht den Randgruppen der Gesellschaft, sondern sind - im Gegenteil - besonders häufig in den gut gebildeten und gut situierten Bevölkerungsgruppen zu finden. Revolutionäre Umbrüche sind von ihnen kaum zu erwarten. Es scheint sich eher um eine Gruppe zu handeln, welche hinsichtlich ihrer Statuszugehörigkeit eine relativ sichere Position in der Gesellschaft inne hat, Politik überdurchschnittlich "ernst nimmt" und sich bereitwillig sowie kenntnisreich für die Demokratie einsetzt.

Was bedeuten diese Ergebnisse nun für die Forschung und die Praxis? Sofern sich die Ergebnisse auch in repräsentativen Studien als robust erweisen, sollte die grundlegende Disposition der Kritikbereitschaft als Ressource für die Konsolidierung, Stabilität und Weiterentwicklung eines demokratischen Systems verstärkt wissenschaftliche und bildungspolitische Aufmerksamkeit erhalten. Nicht nur Unterstützung und Zufriedenheit im Sinne älterer Ansätze oder Unzufriedenheit - wie die neuere Forschung vermutet - wären als Indikatoren für demokratische Gesundheit zu bewerten, sondern auch die grundlegende normative Kritikbereitschaft - sofern sie mit demokratischer Systempräferenz einhergeht.