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16.3.2006 | Von:
Thomas Gensicke

Bürgerschaftliches Engagement in Deutschland

Bedürfnis nach gesellschaftlicher Mitgestaltung

"Ich möchte die Gesellschaft zumindest im Kleinen mitgestalten." Diesem Statement einer 2004 neu aufgenommenen Fragebatterie stimmten 66 Prozent der freiwillig Engagierten "voll und ganz", 29 Prozent "teilweise" zu (Vgl. Grafik 5 der PDF-Version). Ebenfalls wichtig ist das Motiv, durch das Engagement "mit anderen Menschen zusammenkommen" zu wollen (60 Prozent "voll und ganz", 35 Prozent "teilweise"). Für viele Befragte sind beide Motive in ähnlichem Maße wichtig. Allerdings setzen jüngere Menschen, Personen mit geringerem politischen Interesse und Arbeiter den Schwerpunkt stärker auf die Gesellung mit anderen, während ältere Menschen, Personen mit hohem Bildungsstatus und solche mit ausgeprägtem politischen Interesse vermehrt auf gesellschaftliche Mitgestaltung Wert legen.

Bei immerhin 48 Prozent der Engagierten ist das freiwillige Engagement entweder "voll und ganz" (21 Prozent) oder "teilweise" (27 Prozent) politisch motiviert, insbesondere bei älteren Menschen und Beamten, aber auch bei Arbeitslosen. Ältere Menschen beziehen die Motivation für ihr freiwilliges Engagement auch häufig aus einem Gefühl der sozialen Pflicht. So sehen sie ihr Engagement vermehrt als eine Aufgabe, "die gemacht werden muss und für die sich schwer jemand findet". Jüngere Menschen teilen zwar (wenn auch in gemäßigter Form) die Orientierung am Gemeinwohl der älteren Engagierten, bringen jedoch in ihre freiwillige Tätigkeit stärker und seit 1999 zunehmend persönliche und berufliche Interessen ein. Sie nehmen außerdem ihr freiwilliges Engagement besonders häufig als ein wichtiges Lernfeld wahr, in dem neue Kenntnisse und Erfahrungen gewonnen werden können.

In einigen Gruppen fiel die Zunahme des freiwilligen Engagements seit 1999 besonders deutlich aus: bei Personen ab 46 Jahren,[10] bei Arbeitslosen, Rentnern und (wie gesehen) bei den ostdeutschen Bundesbürgerinnen und -bürgern (dort insbesondere bei den Frauen). Damit deutet sich eine gewisse Uneinheitlichkeit der sozialstrukturellen Hintergründe in den Veränderungen des freiwilligen Engagements an. Da sind beispielsweise die älteren Menschen, die heute gesünder und rüstiger sind und vermehrt freie Zeit für soziale Angelegenheiten bzw. für das Gemeinwohl einsetzen. Das ist ein anderer Hintergrund als das zunehmende Bedürfnis von Arbeitslosen, durch freiwilliges Engagement den Erhalt und den Ausbau ihrer Fähigkeiten und Erfahrungen sicherzustellen und damit auch ihre Arbeitsmarktchancen zu verbessern.

Im Folgenden sollen die genannten Veränderungen hin zu steigendem freiwilligen Engagement differenziert nach verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen näher beleuchtet werden. Wie aus Tabelle 1 der PDF-Version ersichtlich wird, geht der Trend steigenden Engagements bei älteren Menschen insbesondere darauf zurück, dass sich die älteren Männer insgesamt sowie auch die älteren Bürgerinnen und Bürger in den westdeutschen Ländern stärker engagieren als früher. Die Zuwächse in der Altersgruppe der 46- bis 65-Jährigen hingegen sind zum großen Teil durch das gestiegene Engagement von Frauen sowie teilweise von ostdeutschen Bundesbürgern begründet. In den westdeutschen Ländern fand somit die Zunahme des freiwilligen Engagements vermehrt bei den Bürgern höheren Alters statt, während sich 2004 in den ostdeutschen Ländern eher die Bürger mittleren Alters stärker engagierten als 1999. Bei den Frauen stieg das freiwillige Engagement in allen Altersgruppen, während es bei den Männern im Alter von bis zu 65 Jahren stagnierte (bzw. in der jüngsten Gruppe sogar zurückging) und nur in der ältesten Gruppe (stark) anstieg.[11]

Während das freiwillige Engagement der Männer insgesamt konstant blieb, ist es bei den Frauen gestiegen, besonders in einigen Untergruppen. Vor allem erwerbstätige und arbeitslose Frauen haben ihr Engagement deutlich ausgeweitet (Vgl. Tabelle 2 der PDF-Version). Damit reduzierten sich zwischen 1999 und 2004 die Unterschiede des freiwilligen Engagements zwischen Frauen und Männern in den Gruppen der Erwerbstätigen und Arbeitslosen (bei den Erwerbstätigen deutlich, bei den Arbeitslosen sind sie sogar ganz verschwunden). Die Zunahme freiwilligen Engagements bei letzteren fand außerdem weit stärker in den ostdeutschen als in den westdeutschen Ländern statt. Der Anstieg in Ostdeutschland war doppelt so stark. Bekanntlich ist der Anteil der Arbeitslosen hier deutlich größer als in den westdeutschen Ländern. Daher beeinflussen die Werte der ostdeutschen Länder die gesamtdeutschen Zahlen der Arbeitslosen deutlicher als diejenigen der anderen Gruppen. Auch Schüler und Auszubildende haben ihr Engagement in den ostdeutschen Ländern viel stärker gesteigert als in den westdeutschen Ländern.


Fußnoten

10.
Die auffälligste Altersgruppe ist die Gruppe der 60- bis 69-Jährigen, also der jüngeren Senioren. Diese auch für die Konsum- und Erlebniswirtschaft zunehmend interessante Gruppe hat zwischen 1999 und 2004 ihre öffentliche Aktivität und ihr freiwilliges Engagement von allen Altersgruppen am ungleich deutlichsten erhöht. Den Entwicklungen bei den älteren Menschen ab 60 Jahren widmete die Auswertung des Freiwilligensurveys 2004 eine vertiefende Sonderanalyse.
11.
Die Veränderungen des freiwilligen Engagements bei Männern und Frauen sind Thema einer weiteren Sonderanalyse der Berichterstattung des zweiten Freiwilligensurveys. Sonderanalysen beschäftigen sich außerdem mit dem freiwilligen Engagement von Jugendlichen im Alter von 14 bis 24 Jahren und mit dem freiwilligen Engagement (gut deutschsprachiger) Migranten.