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16.3.2006 | Von:
Thomas Gensicke

Bürgerschaftliches Engagement in Deutschland

Chancen der Zivilgesellschaft

Das freiwillige Engagement ist in Deutschland zwischen 1999 und 2004 gestiegen. Außerdem waren 2004 mehr Menschen (zumindest teilnehmend) in Vereinen, Organisationen, Gruppen und Einrichtungen aktiv. Wenn in Deutschland 70 Prozent der Bürgerinnen und Bürger öffentlich aktiv sind, ist das auch ein Indikator für ein hohes Maß an "sozialem Kapital", eine Metapher, mit der heute oft der soziale Zusammenhalt und die soziale Qualität moderner Gesellschaften bezeichnet wird. Der Freiwilligensurvey kann außerdem zeigen, dass es in Deutschland ein großes Potenzial für eine Ausdehnung und Intensivierung des freiwilligen Engagements gibt und damit gute Möglichkeiten für die weitere Entwicklung der Zivilgesellschaft als Kern einer selbstbewussten Bürgergesellschaft. 1999 gab es in der Bevölkerung neben den 34 Prozent freiwillig Engagierten weitere 26 Prozent, die bereit waren, sich freiwillig zu engagieren. Genau gesagt waren 10 Prozent der Bevölkerung bestimmt bereit, sich zu engagieren, 16 Prozent eventuell. Bei inzwischen 36 Prozent Engagierten war 2004 die Gruppe der bestimmt zum Engagement Bereiten auf 12 Prozent und die der eventuell dazu Bereiten auf 20 Prozent gewachsen. Das Engagementpotenzial[12] ist also zwischen 1999 und 2004 von 26 Prozent auf 32 Prozent gestiegen. Es ist bei jungen Leuten besonders groß.

Die Stärkung der Zivilgesellschaft in Deutschland fällt in eine Zeit großer wirtschaftlicher und sozialer Umbrüche, die mit erhöhten Belastungen und Anstrengungen für die Bevölkerung einhergehen. Die Belastungen der Bevölkerung bzw. bestimmter Gruppen sind seit dem Erhebungszeitpunkt des zweiten Freiwilligensurveys weiter gestiegen. Es wurden Sozialreformen durchgeführt (Hartz IV), die zu ungleich tieferen Einschnitten als alle früheren Sozialreformen führen bzw. noch führen werden. Es bleibt abzuwarten, inwieweit soziale Umbrüche, zu denen auch noch die Folgen des demografischen Wandels kommen, sich zukünftig auf die Zivilgesellschaft in Deutschland auswirken werden. Das zunehmende Engagement von Arbeitslosen ist ein Hinweis darauf, dass Menschen in schwierigen sozialen Lagen bereits mit öffentlicher Aktivität und freiwilligem Engagement auf soziale Umbrüche und Belastungen reagieren. Der Freiwilligensurvey kann zeigen, dass das zunehmende Engagement von Arbeitslosen sich nicht nur auf die Verbesserung der eigenen Beschäftigungsfähigkeit bzw. der Beschäftigungschancen richtet, sondern ausdrücklich auch auf gesellschaftspolitische Einflussnahme.

Was bereits im Freiwilligensurvey von 1999 herausgearbeit wurde, gilt heute genauso: Freiwilliges Engagement benötigt öffentliche Anerkennung und Unterstützung. Wie 1999 setzen die Engagierten auch im aktuellen Freiwilligensurvey die höchste Priorität auf die Verbesserung der öffentlichen Information und Beratung über Möglichkeiten des freiwilligen Engagements. 1999 wurden weiterhin häufig steuerliche Erleichterungen des freiwilligen Engagements angemahnt (Absetzbarkeit von Kosten bzw. von Aufwandsentschädigungen). 2004 empfanden die freiwillig Engagierten diese steuerliche Förderung des Engagements offenbar als deutlich weniger dringlich. Stattdessen ist nunmehr die ausreichende und angemessene Berichterstattung über freiwilliges Engagement in den Massenmedien an die zweite Stelle der Prioritäten gerückt.

Bezogen auf die öffentliche Unterstützung freiwilligen Engagements ist somit das Gewicht materieller Fragen deutlich hinter solche der öffentlichen Information, Beratung und Kommunikation zurückgetreten. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass der Ausbau und die Aufrechterhaltung einer öffentlichen Infrastruktur zur Information und Beratung über Möglichkeiten des freiwilligen Engagements selbstverständlich auch Geld kosten, genauso wie die Finanzierung öffentlicher Netzwerke, die den Freiwilligensektor zentral und regional vernetzen. Das Internet hat inzwischen zu einer enormen Steigerung der Möglichkeiten und teilweise auch zu deutlichen Kostensenkungen für die zentrale Bereitstellung von Informationen sowie für flächendeckende Kommunikationsaktivitäten geführt.

Die Dauerbeobachtung des freiwilligen Engagements durch das Informationssystem "Freiwilligensurvey" wird zeigen, wie sich die Zivilgesellschaft in Deutschland weiterentwickelt, wie sie mit sozialen Veränderungen fertig wird bzw. ob sie diesen eine zukunftsweisende und humane Prägung geben kann.


Fußnoten

12.
Neben diesem "externen" Potenzial gibt es ein wachsendes "internes" Potenzial innerhalb der Gruppe der bereits freiwillig Engagierten. Die Gruppe der bereits Engagierten, die sich vorstellen kann, sich noch intensiver zu engagieren, ist deutlich gestiegen und bei jungen Leuten besonders groß.