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16.3.2006 | Von:
Thomas Gensicke

Bürgerschaftliches Engagement in Deutschland

Der zweite Freiwilligensurvey von 2004 zeigt, dass 36 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren in Deutschland freiwillig engagiert waren (1999: 34 Prozent). Damit einher geht eine Stärkung der Zivilgesellschaft in Deutschland.

Einleitung

Die Qualität einer Gesellschaft bemisst sich unter anderem daran, in welchem Ausmaß die Bürgerinnen und Bürger sich an öffentlichen Aktivitäten beteiligen und inwiefern sie zu freiwilligem Engagement bereit sind. Je höher dieses ist, desto gefestigter ist die "Zivilgesellschaft" als Kern einer modernen "Bürgergesellschaft".[1] Das freiwillige Engagement stellt damit auch einen Bereich der Sozialberichterstattung dar, in dem sich Fragen stellen wie: In welchem Maße engagieren sich Bürgerinnen und Bürger freiwillig? In welchen Bereichen bringen sie sich ein? Welche Gruppen von Personen sind es insbesondere, die sich freiwillig betätigen? Aus welcher Motivation heraus engagieren sie sich, und wie kann das freiwillige Engagement besser unterstützt werden?

Die so genannten Freiwilligensurveys von 1999 und 2004 geben repräsentative Einblicke in Fakten und Trends zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Bürgerengagement in Deutschland. Eingeschlossen sind darin auch die vielfältigen Formen der freiwilligen "Initiativen- und Projektarbeit" sowie Formen der Selbsthilfe, die unter den Begriff des freiwilligen Engagements fallen. Als Auftakt einer entsprechenden öffentlichen Berichterstattung führte TNS Infratest Sozialforschung im Frühsommer 1999 im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) eine erste große Telefonumfrage zum Thema "Freiwilliges Engagement in Deutschland" (Freiwilligensurvey 1999) durch.

Genau fünf Jahre nach diesem Survey wurde im Frühsommer 2004 der zweite Freiwilligensurvey nach dem gleichen Design durchgeführt.[2] Das umfangreiche Berichtswerk des Freiwilligensurveys befasst sich neben den Trends seit 1999 auch mit neuen Aspekten, die erstmals in den Freiwilligensurvey aufgenommen wurden.[3] Der zweite Freiwilligensurvey von 2004 bildete den Einstieg in die repräsentative Dauerberichterstattung über die Bürger- und Zivilgesellschaft, für die innerhalb der Bundesregierung die Federführung beim BMFSFJ liegt. Für das Jahr 2009 wird der nächste Freiwilligensurvey vorbereitet, der dann für eine Zehnjahresperiode Trends der Gemeinschaftsaktivität und des freiwilligen Engagements in Deutschland wird abbilden können.

Zur Erfassung des freiwilligen Engagements im Freiwilligensurvey 2004 wurde erneut auf das Konzept des Freiwilligensurveys 1999 zurückgegriffen, das sich bewährt hatte und die Vergleichbarkeit zwischen 1999 und 2004 sicherstellt. In beiden Surveys wird das freiwillige Engagement nicht direkt, sondern in einem zweistufigen Verfahren erhoben. Zunächst wird, gestützt durch eine Liste von 14 Bereichen, die so genannte "Gemeinschaftsaktivität" von Befragten erfasst. Diese ist definiert als "aktive öffentliche Beteiligung" in Gruppen, Vereinen, Organisationen oder Einrichtungen, welche über private, erwerbsbezogene oder auf Erholung bezogene Zwecke hinausgeht. Im Anschluss an die Identifizierung öffentlicher Gemeinschaftsaktivitäten wird im Freiwilligensurvey nach "Aufgaben, Arbeiten und Funktionen" gefragt, die gemeinschaftlich aktive Befragte "längerfristig" übernommen haben[4] und in der Befragungsperiode ausüben. Solche Tätigkeiten sowie deren organisatorische Anbindung wurden wörtlich notiert, auf Gültigkeit hin geprüft (und ggf. nicht für die Zählung zugelassen). Bevor wir die einzelnen Bereiche darstellen, innerhalb derer sich die freiwilligen Tätigkeiten der Bevölkerung vollziehen, wollen wir zunächst Umfang und Trend des freiwilligen Engagements[5] insgesamt darstellen.

Gemeinschaftsaktivität und freiwilliges Engagement 1999 - 2004

Bilanziert man die Daten des Freiwilligensurveys 2004 zunächst unabhängig von den einzelnen Bereichen, so können 70 Prozent der Bevölkerung (ab 14 Jahren) als "gemeinschaftsaktiv" eingestuft werden. Das heißt, diese Menschen sind über ihre privaten und erwerbsbezogenen Zwecke hinaus in Vereinen, Organisationen, Gruppen und Einrichtungen am öffentlichen Leben beteiligt. Diese öffentliche Beteiligung der Bevölkerung ist seit 1999 um vier Prozentpunkte gestiegen. Mit der gewachsenen Gemeinschaftsaktivität ist im gleichen Zeitraum auch das freiwillige Engagement gestiegen. Mindestens eine freiwillige Tätigkeit übten im Jahr 1999 34 Prozent der Bevölkerung aus, im Jahr 2004 waren es 36 Prozent (Vgl. Grafik 1 der PDF-Version).[6] Die gestiegene öffentliche Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern hat sich somit in etwa gleicher Proportion auch in die längerfristige Übernahme von Aufgaben, Arbeiten und Funktionen umgesetzt.

Die Veränderungen des freiwilligen Engagements zwischen 1999 und 2004 waren im Vergleich der Bundesländer unterschiedlich (Vgl. Grafik 2 der PDF-Version). Auch die Verteilung des Engagements stellt sich 2004 regional recht differenziert dar (Vgl. Grafik 3 der PDF-Version).[7]

Die meisten Länder, in denen das freiwillige Engagement zugenommen hat, liegen im Norden Deutschlands. Das hat zu einer Verringerung des Süd-Nord-Gefälles beigetragen, das 1999 deutlich zu erkennen war. An der Spitze dieser nördlichen Wachstumsregion liegen Niedersachsen sowie die Region Berlin-Brandenburg. Im Südwesten ragt besonders Rheinland-Pfalz mit einem deutlichen Anstieg des freiwilligen Engagements heraus. Baden-Württemberg behielt auf der Basis eines durchschnittlichen Wachstums des Engagements von zwei Prozentpunkten auch 2004 seinen unangefochtenen Spitzenplatz unter den Bundesländern. Obwohl das freiwillige Engagement in den ostdeutschen Ländern insgesamt deutlich gewachsen ist, bleiben diese mit 31 Prozent noch deutlich hinter den westdeutschen Ländern zurück (37 Prozent).

Der deutsche Freiwilligensektor ist sehr vielfältig strukturiert. Betrachtet man das freiwillige Engagement hinsichtlich seiner verschiedenen Bereiche, so stellt der Sektor "Sport und Bewegung" den mit Abstand größten Sektor freiwilligen Engagements dar (Vgl. Grafik 4 der PDF-Version). Es folgen die größeren Bereiche "Schule und Kindergarten", "Kirche und Religion" sowie "Kultur und Musik". Der Bereich "Soziales" ist seit 1999 am stärksten gewachsen und nimmt nunmehr mit dem Bereich "Kultur und Musik" bereits den dritten Rang ein. "Freizeit und Geselligkeit" ist der einzige Bereich, in dem das Ausmaß freiwilligen Engagements zurückgegangen ist, sodass dieser vom dritten auf den sechsten Rang zurückfiel. Wird zusätzlich die deutliche Entwicklung im (kleineren) Bereich der "Jugend- und Bildungsarbeit" berücksichtigt, ist festzuhalten, dass in Deutschland zwischen 1999 und 2004 kinder- und jugendbezogenes sowie soziales Engagement am meisten an Bedeutung gewonnen haben, Bereiche des freiwilligen Engagements, die besonders für Frauen bedeutsam sind.

Freiwilliges Engagement und soziale Integration

Das freiwillige Engagement weist nicht nur regionale, sondern auch soziale Unterschiede auf, wie am Beispiel einer mehrstufigen Engagement-Skala demonstriert werden kann, anhand derer die Befragten je nach der Intensität ihres freiwilligen Engagements eingruppiert werden (Vgl. die Übersicht der PDF-Version). Die erste Gruppe bilden Personen, die nicht gemeinschaftlich aktiv sind (1), gefolgt von Personen, die gemeinschaftlich aktiv sind, aber keine freiwilligen Tätigkeiten übernommen haben (2). Die freiwillig Engagierten unterscheiden wir nunmehr in Engagierte mit einer Tätigkeit (3), Engagierte mit zwei Tätigkeiten (4) und schließlich diejenigen mit drei und mehr Tätigkeiten (5).[8]

Der Grad der individuellen Einbindung in freiwilliges Engagement steht offensichtlich in engem Zusammenhang mit der sozialen Integration einer Person. Am deutlichsten wird dies an der herausragenden Beziehung zwischen dem Vorhandensein eines großen Freundes- und Bekanntenkreises und der Position auf der Engagement-Skala. Personen mit einem großen Freundes- und Bekanntenkreis sind nur selten in der Gruppe der nicht gemeinschaftlich Aktiven vertreten (14 Prozent), während sie fast die Hälfte der "Hochengagierten" mit drei und mehr freiwilligen Tätigkeiten ausmachen (46 Prozent). In den dazwischen liegenden Positionen auf der Engagement-Skala steigt der Prozentsatz von Personen mit großem Freundes- und Bekanntenkreis kontinuierlich an, wodurch der enge Zusammenhang beider Merkmale deutlich erkennbar wird.

Ein fast ebenso deutlicher Zusammenhang ist hinsichtlich der Kirchenbindung zu beobachten. Personen mit hoher Kirchenbindung gehören selten der Gruppe der nicht gemeinschaftlich Aktiven an (13 Prozent), sind jedoch häufig in der Gruppe der hoch Engagierten vertreten (43 Prozent). Auch hier steigt der Anteil der Personen mit hoher Kirchenbindung auf der Engagementskala von Position (1) bis (5) deutlich und stetig an. Die Kirchenbindung ist zum einen ein indirekter Indikator für die soziale Einbindung einer Person, vor allem jedoch für bestimmte religiöse Werthaltungen, die soziale Wertaspekte einschließen.

Der Freiwilligensurvey kann auch den direkten Zusammenhang von Wertorientierungen mit der Engagementskala aufzeigen. Freiwillig Engagierte, besonders die intensiver Engagierten, vertreten vermehrt Werte, die das Verhalten auf eine kreative und öffentlich engagierte Lebensführung lenken. Das ist bei Personen, welche die unteren Plätze der Engagementskala einnehmen, weit weniger der Fall. Diese Bedeutsamkeit bestimmter Wertorientierungen für freiwilliges Engagement hat seit 1999 gegenüber der Kirchenbindung zugenommen. Da auch die Bedeutung des Freundes- und Bekanntenkreises sowie des politischen Interesses gestiegen sind und die der Kirchenbindung etwa gleich geblieben ist, kann der Hintergrund des freiwilligen Engagements 2004 im Vergleich zu 1999 als "säkularer" eingestuft werden.

Neben sozial-integrativen Merkmalen und Werthaltungen steht auch der soziale Status in einem engen Zusammenhang mit der Position einer Person auf der Engagement-Skala. Nach wie vor gibt es einen positiven Zusammenhang zwischen Erwerbstätigkeit und freiwilligem Engagement. Wichtiger sind allerdings ein höheres Bildungsniveau und eine höhere berufliche Position, die eng damit zusammenhängen, dass Personen die oberen Positionen der Engagementskala einnehmen. Der Einfluss der Bildung hat sich seit 1999 weiter erhöht. Diese ist 2004 von deutlich größerer Bedeutung als materielle Faktoren wie etwa die Höhe des Haushaltseinkommens. Öffentliche Beschäftigung, besonders im "Dritten Sektor", hängt ebenfalls positiv damit zusammen, ob und mit welcher Intensität sich jemand freiwillig engagiert.

Der Zusammenhang des Alters von Personen mit der Beteiligung am freiwilligen Engagement hat sich zwischen 1999 und 2004 verringert, vor allem, weil sich Menschen im Alter ab 60 Jahren inzwischen vermehrt engagieren. Dennoch bleibt die Gruppe der 40- bis 59-Jährigen weiterhin die tragende Gruppe des Engagements, besonders bei Engagierten, die zwei und mehr Tätigkeiten ausüben, bzw. bei Engagierten, die Wahl-, Vorstands- und Leitungsfunktionen übernehmen.

Wie bereits 1999 spielt die Haushaltsgröße für die Position auf der Engagement-Skala eine wichtige Rolle. Personen, die in größeren Haushalten leben, findet man seltener auf der linken Seite der Engagementskala, also bei den nicht oder "nur" Gemeinschaftsaktiven, und in deutlich größeren Prozentsätzen auf der rechten Seite bei den Engagierten mit zwei oder mehr freiwilligen Tätigkeiten. Darin zeigt sich die hohe Bedeutung von Kindern und Jugendlichen für gemeinschaftliche Aktivität und freiwilliges Engagement.[9] In größeren Haushalten engagieren sich die Eltern oft für die eigenen Kinder (Kinderbetreuung, Sportvereine, Jugendarbeit etc.); bei den Eltern lebende Jugendliche sind selbst oft freiwillig engagiert.

Bedürfnis nach gesellschaftlicher Mitgestaltung

"Ich möchte die Gesellschaft zumindest im Kleinen mitgestalten." Diesem Statement einer 2004 neu aufgenommenen Fragebatterie stimmten 66 Prozent der freiwillig Engagierten "voll und ganz", 29 Prozent "teilweise" zu (Vgl. Grafik 5 der PDF-Version). Ebenfalls wichtig ist das Motiv, durch das Engagement "mit anderen Menschen zusammenkommen" zu wollen (60 Prozent "voll und ganz", 35 Prozent "teilweise"). Für viele Befragte sind beide Motive in ähnlichem Maße wichtig. Allerdings setzen jüngere Menschen, Personen mit geringerem politischen Interesse und Arbeiter den Schwerpunkt stärker auf die Gesellung mit anderen, während ältere Menschen, Personen mit hohem Bildungsstatus und solche mit ausgeprägtem politischen Interesse vermehrt auf gesellschaftliche Mitgestaltung Wert legen.

Bei immerhin 48 Prozent der Engagierten ist das freiwillige Engagement entweder "voll und ganz" (21 Prozent) oder "teilweise" (27 Prozent) politisch motiviert, insbesondere bei älteren Menschen und Beamten, aber auch bei Arbeitslosen. Ältere Menschen beziehen die Motivation für ihr freiwilliges Engagement auch häufig aus einem Gefühl der sozialen Pflicht. So sehen sie ihr Engagement vermehrt als eine Aufgabe, "die gemacht werden muss und für die sich schwer jemand findet". Jüngere Menschen teilen zwar (wenn auch in gemäßigter Form) die Orientierung am Gemeinwohl der älteren Engagierten, bringen jedoch in ihre freiwillige Tätigkeit stärker und seit 1999 zunehmend persönliche und berufliche Interessen ein. Sie nehmen außerdem ihr freiwilliges Engagement besonders häufig als ein wichtiges Lernfeld wahr, in dem neue Kenntnisse und Erfahrungen gewonnen werden können.

In einigen Gruppen fiel die Zunahme des freiwilligen Engagements seit 1999 besonders deutlich aus: bei Personen ab 46 Jahren,[10] bei Arbeitslosen, Rentnern und (wie gesehen) bei den ostdeutschen Bundesbürgerinnen und -bürgern (dort insbesondere bei den Frauen). Damit deutet sich eine gewisse Uneinheitlichkeit der sozialstrukturellen Hintergründe in den Veränderungen des freiwilligen Engagements an. Da sind beispielsweise die älteren Menschen, die heute gesünder und rüstiger sind und vermehrt freie Zeit für soziale Angelegenheiten bzw. für das Gemeinwohl einsetzen. Das ist ein anderer Hintergrund als das zunehmende Bedürfnis von Arbeitslosen, durch freiwilliges Engagement den Erhalt und den Ausbau ihrer Fähigkeiten und Erfahrungen sicherzustellen und damit auch ihre Arbeitsmarktchancen zu verbessern.

Im Folgenden sollen die genannten Veränderungen hin zu steigendem freiwilligen Engagement differenziert nach verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen näher beleuchtet werden. Wie aus Tabelle 1 der PDF-Version ersichtlich wird, geht der Trend steigenden Engagements bei älteren Menschen insbesondere darauf zurück, dass sich die älteren Männer insgesamt sowie auch die älteren Bürgerinnen und Bürger in den westdeutschen Ländern stärker engagieren als früher. Die Zuwächse in der Altersgruppe der 46- bis 65-Jährigen hingegen sind zum großen Teil durch das gestiegene Engagement von Frauen sowie teilweise von ostdeutschen Bundesbürgern begründet. In den westdeutschen Ländern fand somit die Zunahme des freiwilligen Engagements vermehrt bei den Bürgern höheren Alters statt, während sich 2004 in den ostdeutschen Ländern eher die Bürger mittleren Alters stärker engagierten als 1999. Bei den Frauen stieg das freiwillige Engagement in allen Altersgruppen, während es bei den Männern im Alter von bis zu 65 Jahren stagnierte (bzw. in der jüngsten Gruppe sogar zurückging) und nur in der ältesten Gruppe (stark) anstieg.[11]

Während das freiwillige Engagement der Männer insgesamt konstant blieb, ist es bei den Frauen gestiegen, besonders in einigen Untergruppen. Vor allem erwerbstätige und arbeitslose Frauen haben ihr Engagement deutlich ausgeweitet (Vgl. Tabelle 2 der PDF-Version). Damit reduzierten sich zwischen 1999 und 2004 die Unterschiede des freiwilligen Engagements zwischen Frauen und Männern in den Gruppen der Erwerbstätigen und Arbeitslosen (bei den Erwerbstätigen deutlich, bei den Arbeitslosen sind sie sogar ganz verschwunden). Die Zunahme freiwilligen Engagements bei letzteren fand außerdem weit stärker in den ostdeutschen als in den westdeutschen Ländern statt. Der Anstieg in Ostdeutschland war doppelt so stark. Bekanntlich ist der Anteil der Arbeitslosen hier deutlich größer als in den westdeutschen Ländern. Daher beeinflussen die Werte der ostdeutschen Länder die gesamtdeutschen Zahlen der Arbeitslosen deutlicher als diejenigen der anderen Gruppen. Auch Schüler und Auszubildende haben ihr Engagement in den ostdeutschen Ländern viel stärker gesteigert als in den westdeutschen Ländern.

Chancen der Zivilgesellschaft

Das freiwillige Engagement ist in Deutschland zwischen 1999 und 2004 gestiegen. Außerdem waren 2004 mehr Menschen (zumindest teilnehmend) in Vereinen, Organisationen, Gruppen und Einrichtungen aktiv. Wenn in Deutschland 70 Prozent der Bürgerinnen und Bürger öffentlich aktiv sind, ist das auch ein Indikator für ein hohes Maß an "sozialem Kapital", eine Metapher, mit der heute oft der soziale Zusammenhalt und die soziale Qualität moderner Gesellschaften bezeichnet wird. Der Freiwilligensurvey kann außerdem zeigen, dass es in Deutschland ein großes Potenzial für eine Ausdehnung und Intensivierung des freiwilligen Engagements gibt und damit gute Möglichkeiten für die weitere Entwicklung der Zivilgesellschaft als Kern einer selbstbewussten Bürgergesellschaft. 1999 gab es in der Bevölkerung neben den 34 Prozent freiwillig Engagierten weitere 26 Prozent, die bereit waren, sich freiwillig zu engagieren. Genau gesagt waren 10 Prozent der Bevölkerung bestimmt bereit, sich zu engagieren, 16 Prozent eventuell. Bei inzwischen 36 Prozent Engagierten war 2004 die Gruppe der bestimmt zum Engagement Bereiten auf 12 Prozent und die der eventuell dazu Bereiten auf 20 Prozent gewachsen. Das Engagementpotenzial[12] ist also zwischen 1999 und 2004 von 26 Prozent auf 32 Prozent gestiegen. Es ist bei jungen Leuten besonders groß.

Die Stärkung der Zivilgesellschaft in Deutschland fällt in eine Zeit großer wirtschaftlicher und sozialer Umbrüche, die mit erhöhten Belastungen und Anstrengungen für die Bevölkerung einhergehen. Die Belastungen der Bevölkerung bzw. bestimmter Gruppen sind seit dem Erhebungszeitpunkt des zweiten Freiwilligensurveys weiter gestiegen. Es wurden Sozialreformen durchgeführt (Hartz IV), die zu ungleich tieferen Einschnitten als alle früheren Sozialreformen führen bzw. noch führen werden. Es bleibt abzuwarten, inwieweit soziale Umbrüche, zu denen auch noch die Folgen des demografischen Wandels kommen, sich zukünftig auf die Zivilgesellschaft in Deutschland auswirken werden. Das zunehmende Engagement von Arbeitslosen ist ein Hinweis darauf, dass Menschen in schwierigen sozialen Lagen bereits mit öffentlicher Aktivität und freiwilligem Engagement auf soziale Umbrüche und Belastungen reagieren. Der Freiwilligensurvey kann zeigen, dass das zunehmende Engagement von Arbeitslosen sich nicht nur auf die Verbesserung der eigenen Beschäftigungsfähigkeit bzw. der Beschäftigungschancen richtet, sondern ausdrücklich auch auf gesellschaftspolitische Einflussnahme.

Was bereits im Freiwilligensurvey von 1999 herausgearbeit wurde, gilt heute genauso: Freiwilliges Engagement benötigt öffentliche Anerkennung und Unterstützung. Wie 1999 setzen die Engagierten auch im aktuellen Freiwilligensurvey die höchste Priorität auf die Verbesserung der öffentlichen Information und Beratung über Möglichkeiten des freiwilligen Engagements. 1999 wurden weiterhin häufig steuerliche Erleichterungen des freiwilligen Engagements angemahnt (Absetzbarkeit von Kosten bzw. von Aufwandsentschädigungen). 2004 empfanden die freiwillig Engagierten diese steuerliche Förderung des Engagements offenbar als deutlich weniger dringlich. Stattdessen ist nunmehr die ausreichende und angemessene Berichterstattung über freiwilliges Engagement in den Massenmedien an die zweite Stelle der Prioritäten gerückt.

Bezogen auf die öffentliche Unterstützung freiwilligen Engagements ist somit das Gewicht materieller Fragen deutlich hinter solche der öffentlichen Information, Beratung und Kommunikation zurückgetreten. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass der Ausbau und die Aufrechterhaltung einer öffentlichen Infrastruktur zur Information und Beratung über Möglichkeiten des freiwilligen Engagements selbstverständlich auch Geld kosten, genauso wie die Finanzierung öffentlicher Netzwerke, die den Freiwilligensektor zentral und regional vernetzen. Das Internet hat inzwischen zu einer enormen Steigerung der Möglichkeiten und teilweise auch zu deutlichen Kostensenkungen für die zentrale Bereitstellung von Informationen sowie für flächendeckende Kommunikationsaktivitäten geführt.

Die Dauerbeobachtung des freiwilligen Engagements durch das Informationssystem "Freiwilligensurvey" wird zeigen, wie sich die Zivilgesellschaft in Deutschland weiterentwickelt, wie sie mit sozialen Veränderungen fertig wird bzw. ob sie diesen eine zukunftsweisende und humane Prägung geben kann.

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Fußnoten

1.
Detlef Pollack, Zivilgesellschaft und Staat in der Demokratie, in: Ansgar Klein/Kristine Kern/Brigitte Geißel/Maria Berger (Hrsg.), Zivilgesellschaft und Sozialkapital, Wiesbaden 2004; Enquetekommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" des Deutschen Bundestags, Bürgerschaftliches Engagement: Auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft, Opladen 2002.
2.
Grundgesamtheit war jeweils die deutschsprachige Bevölkerung ab 14 Jahren in Privathaushalten. Zum Einsatz kam das ITMS-System (Infratest-Telefon- Master-Sample). Befragt wurden jeweils ca. 15 000 zufällig ausgewählte Personen.
3.
Die Berichterstattung, die unter Leitung des Autors dieses Beitrags erfolgte, ist beendet. Vgl. Thomas Gensicke/Sibylle Picot/Sabine Geiss, Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999 und 2004, noch unveröffentlichter Bericht, München, Dezember 2005 (Veröffentlichung im ersten Halbjahr 2006 in einem sozialwissenschaftlichen Verlag). Eine Kurzversion des Berichts kann unter http://www.bmfsfj.de/Kategorien/Forschungsnetz/forschungsbericht.html heruntergeladen werden. Eine Reihe von Bundesländern hat bisher bei TNS Infratest Sozialforschung repräsentative Länderberichte bzw. Länderauswertungen in Auftrag gegeben, die unter der Leitung des Autors durchgeführt wurden: Hessen, Berlin, Bayern, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg.
4.
Freiwillige Tätigkeiten wurden zum Befragungszeitpunkt im Durchschnitt seit etwa neun Jahren ausgeübt.
5.
Für die verschiedensten Formen des Ehrenamts, der Freiwilligenarbeit und des bürgerschaftlichen Engagements verwendet der Freiwilligensurvey den Oberbegriff "freiwilliges Engagement". Die Gründe dafür sind in der Berichterstattung zum Freiwilligensurvey ausführlich dargestellt. Diese Begriffswahl stellt auch die internationale Vergleichbarkeit zum Begriff des "Volunteerings" sicher. Vgl. besonders Thomas Gensicke/Sabine Geiss, Bürgerschaftliches Engagement: Das politisch-soziale Beteiligungsmodell der Zukunft? Analysen auf Basis der Freiwilligensurveys 1999 und 2004, in: Beate Hoecker (Hrsg.), Politische Partizipation zwischen Konvention und Protest, Leverkusen 2006.
6.
Die Berichterstattung des Freiwilligensurveys verwendet oft vereinfachend ein Schema von drei Bevölkerungsgruppen: Freiwillig Engagierte sind öffentlich aktiv und haben in diesem Zusammenhang mindestens eine freiwillige Tätigkeit längerfristig übernommen. "Nur" Aktive sind zumindest teilnehmend aktiv, haben aber darüber hinaus keine freiwillige Tätigkeit übernommen. Die verbleibende Gruppe sind diejenigen, die keine öffentlichen Gemeinschaftsaktivitäten in Vereinen, Organisationen, Gruppen und Einrichtungen ausüben (weder "nur" teilnehmend, noch in Form freiwilliger Tätigkeiten).
7.
Betrachtet wird hier und später in den Tabellen 1 und 2 zur Vereinfachung nur der Anteil der freiwillig Engagierten in den einzelnen Ländern.
8.
Die bereits untersuchte Gruppe der freiwillig Engagierten wird in dieser Darstellung in drei Gruppen aufgeteilt, um auch die markanten Unterschiede innerhalb der Gruppe der Engagierten sichtbar werden zu lassen. Man erkennt auf diese Weise auch, dass der Anteil derjenigen Engagierten mit mehr als einer freiwilligen Tätigkeit seit 1999 zugenommen hat und der Anteil derjenigen mit einer Tätigkeit etwa gleich geblieben ist. Es gab demnach 2004 nicht nur mehr Engagierte, sondern diese übten auch mehr Tätigkeiten aus.
9.
Kinder und Jugendliche sind die ungleich wichtigste Zielgruppe freiwilliger Tätigkeiten. Ihnen kamen 2004 33 Prozent aller freiwilligen Tätigkeiten zugute. Das ist ganz besonders für das Engagement junger Leute typisch.
10.
Die auffälligste Altersgruppe ist die Gruppe der 60- bis 69-Jährigen, also der jüngeren Senioren. Diese auch für die Konsum- und Erlebniswirtschaft zunehmend interessante Gruppe hat zwischen 1999 und 2004 ihre öffentliche Aktivität und ihr freiwilliges Engagement von allen Altersgruppen am ungleich deutlichsten erhöht. Den Entwicklungen bei den älteren Menschen ab 60 Jahren widmete die Auswertung des Freiwilligensurveys 2004 eine vertiefende Sonderanalyse.
11.
Die Veränderungen des freiwilligen Engagements bei Männern und Frauen sind Thema einer weiteren Sonderanalyse der Berichterstattung des zweiten Freiwilligensurveys. Sonderanalysen beschäftigen sich außerdem mit dem freiwilligen Engagement von Jugendlichen im Alter von 14 bis 24 Jahren und mit dem freiwilligen Engagement (gut deutschsprachiger) Migranten.
12.
Neben diesem "externen" Potenzial gibt es ein wachsendes "internes" Potenzial innerhalb der Gruppe der bereits freiwillig Engagierten. Die Gruppe der bereits Engagierten, die sich vorstellen kann, sich noch intensiver zu engagieren, ist deutlich gestiegen und bei jungen Leuten besonders groß.