30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

16.3.2006 | Von:
Eckhard Priller
Annette Zimmer

Dritter Sektor: Arbeit als Engagement

Arbeitsmarktpolitische Relevanz

International hat das Johns Hopkins Comparative Nonprofit Sector Project[5] die arbeitsmarktpolitische Bedeutung des Sektors im Sinne einer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung erfasst. Hier wird für die neunziger Jahre empirisch gezeigt, dass die arbeitsmarktpolitische Relevanz der gemeinnützigen Organisationen im Beobachtungszeitraum kontinuierlich gewachsen ist. In den beteiligten 22 Projektländern waren im Durchschnitt knapp fünf Prozent der Beschäftigten im Dritten Sektor tätig. Anders ausgedrückt: Damit waren in den einzelnen Projektländern jeweils mehr Personen in Organisationen des Dritten Sektors beschäftigt als in dem jeweils größten nationalen Wirtschaftsunternehmen.[6]

Wie die Ergebnisse unserer Deutschlandstudie zeigen,[7] ist für den Sektor auch hierzulande und insbesondere im Vergleich zu den Konkurrenzsektoren Markt und Staat eine positive Bilanz der Beschäftigungsentwicklung zu ziehen. Im Jahr 1995 waren im deutschen Dritten Sektor rund 2,1 Millionen Personen sozialversicherungsrelevant beschäftigt. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre hat das Wachstum des Sektors in Deutschland unvermindert angehalten, so dass bei einer Hochrechnung auf der Grundlage der für 1995 zur Verfügung stehenden Daten bis zum Jahr 2000 in den gemeinnützigen Organisationen fast drei Millionen Personen eine Beschäftigung fanden.

Betrachtet man dagegen den deutschen Dritten Sektor im internationalen Vergleich, so liegt die Beschäftigungsintensität seiner Organisationen nur im guten Mittelfeld. Gemäß den Ergebnissen des Johns Hopkins-Projektes verfügen aus beschäftigungspolitischer Sicht gerade jene Länder über einen großen Dritten Sektor, in denen eine enge Kooperation zwischen Staat und gemeinnützigen Organisationen besteht. Dies trifft im besonderen Maße für die Niederlande zu, in denen der Dritte Sektor einen Anteil von 12,4 Prozent an der Gesamtbeschäftigung des Landes hat. Dieser besondere arbeitsmarktpolitische Stellenwert basiert auf enger "Public Private Partnership" zwischen gemeinnützigen Organisationen und dem Staat in nahezu allen Kernbereichen der wohlfahrtsstaatlichen Dienstleistungserstellung - nämlich Bildung (insbesondere Schulen), Gesundheit (insbesondere Krankenhäuser) und soziale Dienste (Beratungs- und Betreuungseinrichtungen).[8] Eine vergleichsweise intensive Zusammenarbeit zwischen Wohlfahrtsstaat und gemeinnützigen Organisationen findet man in Europa ferner in Irland, Belgien und Großbritannien,[9] deren Dritter Sektor einen Anteil von jeweils 11,5 Prozent, 10,5 Prozent und 6,2 Prozent an der Gesamtbeschäftigung des Landes hat. Daraus leitet sich die Feststellung ab, dass die Beschäftigungswirkungen von gemeinnützigen Organisationen in engem Zusammenhang zu ihrem Stellenwert im jeweiligen landesspezifischen "Welfare Mix" zu sehen sind. Je intensiver gemeinnützige Organisationen in den Kernbereichen wohlfahrtsstaatlicher Dienstleistungserstellung - Bildung, Gesundheit und Soziale Dienste - eingebunden sind, desto größer ist die Beschäftigungsintensität des Dritten Sektors.

Nimmt man die Einbindung gemeinnütziger Organisationen in das wohlfahrtsstaatliche Arrangement oder Regime auf Länderebene näher in den Blick, so zeigt sich, dass diese sich weltweit zunehmend über Gebühren und Entgelte und damit am Markt finanzieren, während in Europa nach wie vor eine Finanzierung der in den Kernbereichen der wohlfahrtsstaatlichen Leistungserstellung eingebundenen Dritte-Sektor-Organisationen über öffentliche Zuwendungen sowie über Leistungsentgelte der Sozialversicherungen erfolgt.[10] Da dies auch für Großbritannien zutrifft, das seit der Thatcher-Ära zunehmend zu den "liberal welfare regimes" gezählt wird, kann man zumindest im Hinblick auf die Einbindung von gemeinnützigen Organisationen in die wohlfahrtsstaatliche Dienstleistungserstellung annäherungsweise von einem "Europäischen Sozialmodell" sprechen.[11] Die im internationalen Vergleich eher im Mittelfeld liegende abeitsmarktpolitische Relevanz des Dritten Sektors in Deutschland ist vor allem darauf zurückzuführen, dass eine enge "Public Private Partnership" sich hierzulande nur auf die Bereiche Soziale Dienste und Gesundheit erstreckt. Historisch bedingt haben die Wohlfahrtsverbände vor allem für das Gesundheitswesen und die personenbezogenen sozialen Dienstleistungen in Deutschland eine zentrale Bedeutung, während die Bereiche Schule und Universität, wie auch weite Teile des Kulturbereichs, überwiegend in staatlicher Trägerschaft organisiert sind.


Fußnoten

5.
Das Projekt wurde von der Johns Hopkins-Universität in Baltimore (USA) initiiert und seit 1990 koordiniert. Es erfasst den Dritten Sektor in ausgewählten Ländern quantitativ in seiner ökonomischen Struktur (Beschäftigte, Ehrenamtliche, Tätigkeitsspektrum, Leistungsumfang, Finanzvolumen, Quellen und Verwendung der finanziellen Mittel) und qualitativ in seinen historischen, gesellschaftlichen und politischen Dimensionen. Die deutsche Teilstudie in der zweiten Projektphase wurde von Annette Zimmer (Universität Münster) und Eckhard Priller (WZB) geleitet.
6.
Vgl. L. M. Salamon et al. (Anm. 3).
7.
Vgl. A. Zimmer/E. Priller (Anm. 3).
8.
Vgl. Paul Dekker, Nonprofit-Organisationen in den Niederlanden: Entsäult, verpoldert und was nun?, in: Eckhard Priller/Annette Zimmer (Hrsg.), Der Dritte Sektor international. Mehr Markt - weniger Staat?, Berlin 2001, S. 157 - 177.
9.
Vgl. Eckhard Priller/Annette Zimmer, Ein europäischer Vergleich von Dritte-Sektor-Organisationen, in:Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit, 4 (2005), S. 128 - 144.
10.
Vgl. L. M. Salamon et al. (Anm. 3).
11.
Vgl. Hartmut Kaelble/Günther Schmid (Hrsg.), Das europäische Sozialmodell. Auf dem Weg zum transnationalen Sozialstaat, WZB-Jahrbuch 2004, Berlin 2004.