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16.3.2006 | Von:
Eckhard Priller
Annette Zimmer

Dritter Sektor: Arbeit als Engagement

Professionalisierung als Trend

Aus arbeitsmarktpolitischer Sicht hat der Dritte Sektor in Deutschland, wie zahlreiche Studien zeigen,[12] seinen Schwerpunkt in den wohlfahrtsstaatlichen Kernbereichen: Gemäß unserer Deutschlandstudie war mehr als jedes zweite Beschäftigungsverhältnis ein Arbeitsplatz im Bereich Soziale Dienste oder Gesundheitswesen.[13] Vor diesem Hintergrund kann künftig im Hinblick auf die Schaffung von Arbeitsplätzen im Dritten Sektor nicht zu viel erwartet werden. Ein "Jobmotor", von dem in nächster Zeit ein "Beschäftigungswunder" in unserem Land ausgehen wird, ist der Sektor insofern nicht, als gerade die beschäftigungsintensiven Organisationen, nämlich die Mitgliedereinrichtungen der Wohlfahrtsverbände, eng in die sozialstaatliche Daseinsvorsorge eingebunden und daher von den derzeitigen finanziellen Problemen der Sozialversicherungssysteme sowie der öffentlichen Hand stark betroffen sind. Ferner lässt sich im Bereich Gesundheitswesen, insbesondere bei den Krankenhäusern, ein Trend zur Gründung von GmbHs und damit ein Wechsel vom Dritten Sektor in den Markt feststellen. Der Grund hierfür ist darin zu sehen, dass im Rahmen des staatlicherseits forcierten Kontraktmanagements die Rechtsform des Dienstleisters keine Rolle mehr spielt.

Es waren daher auch nicht diese Bereiche des Dritten Sektors, die in den neunziger Jahren prozentual betrachtet die größten Zuwachsraten in puncto Beschäftigung aufwiesen. Dies traf vielmehr für jene vergleichsweise jungen und sich dynamisch entwickelnden Arbeitsbereiche wie etwa Umwelt- und Naturschutz oder Internationale Aktivitäten zu, die - wenn auch ausgehend von einem teilweise sehr niedrigen Niveau - Zuwachsraten bei der Beschäftigung von 90 (Internationale Aktivitäten) bis zu mehr als 300 Prozent (Umwelt- und Naturschutz) verzeichneten. Gleichfalls zeigt sich an dieser Entwicklung deutlich die zunehmende Professionalisierung gerade jener Arbeitsbereiche von Dritte-Sektor-Organisationen, die im Kontext der neuen sozialen Bewegungen entstanden und vor allem in den Politikfeldern Ökologie und humanitäre Hilfen bzw. Entwicklungspolitik inzwischen in einem beachtlichen Umfang als "Partner des Staates" tätig sind.[14] Wurden diese Tendenzen der Institutionalisierung und Professionalisierung des bürgerschaftlichen Engagements von der Forschung auf diesem Feld lange Zeit kritisch kommentiert,[15] so hat hier mittlerweile eine nüchterne Betrachtungsweise Einzug gehalten. Analog zu den Mitgliederorganisationen der Wohlfahrtsverbände, die aus einer primär lokal verankerten "privaten Wohlfahrtskultur" karitativer Vereine entstanden[16] und sich infolge der Einbindung in wohlfahrtsstaatliche Politiken zunehmend von "Wertgemeinschaften zu Dienstleistungsunternehmen"[17] gewandelt haben, lässt sich ein vergleichbarer organisationaler Lebens- und Veränderungszyklus auch für Dritte-Sektor-Organisationen feststellen, die ihren Ursprung im Bewegungsmilieu der achtziger Jahre haben.

In puncto Beschäftigung blicken diese vergleichsweise jungen Dritte-Sektor-Organisationen jedoch deutlich positiver in die Zukunft als die Mitgliederorganisationen der Wohlfahrtsverbände. Dies ist primär auf ihren jeweils unterschiedlichen Finanzierungsmix zurückzuführen. Während Dritte-Sektor-Organisationen in den Bereichen Umweltschutz und Internationales mehrheitlich eine gemischte Finanzierungsstruktur aufweisen, die sich aus selbst erwirtschafteten Mitteln, Mitgliedsbeiträgen, zum Teil beachtlichen Spendenleistungen sowie öffentlicher Förderung zusammensetzt, finanzieren sich die Organisationen der Bereiche Gesundheitswesen und Soziale Dienste primär aus Leistungsentgelten der Sozialversicherungen und öffentlichen Zuwendungen. Wenngleich nach Angaben der Wohlfahrtsverbände die Gesamtzahl der Beschäftigten in ihren Mitgliederorganisationen bisher nur deshalb nicht zurückgegangen ist, weil der Abbau von Vollzeit- zugunsten von Teilzeitarbeitsplätzen und geringfügiger Beschäftigung kompensiert wurde, wird mit Blick auf die anstehenden Sparpakete der öffentlichen Hand die zukünftige Beschäftigungsentwicklung aus der Sicht der Organisationen eher pessimistisch eingeschätzt.[18] Dies trifft nicht in gleicher Weise auf die ehemaligen Bewegungsorganisationen zu, die sich im Vergleich zu den gemeinnützigen sozialen Dienstleistern insgesamt durch mehr Selbstbewusstsein und eine stärkere politische Orientierung auszeichnen.[19]


Fußnoten

12.
Vgl. Dietmar Dathe/Ernst Kistler, Zur arbeitsmarktpolitischen Funktion des Dritten Sektors, in: Karl Birkhölzer/Ansgar Klein/Eckhard Priller/Annette Zimmer (Hrsg.), Dritter Sektor/Drittes System. Theorie, Funktionswandel und zivilgesellschaftliche Perspektiven, Wiesbaden 2005, S. 161 - 176; Sigrid Betzelt/Rudolph Bauer, Nonprofit-Organisationen als Arbeitgeber, Opladen 2000; Ingo Bode/Achim Graf, Arbeiten für gute Zwecke. Organisation und Beschäftigung im Dritten Sektor, Duisburger Beiträge zur Soziologischen Forschung, (1999) 4.
13.
Vgl. A. Zimmer/E. Priller (Anm. 3), S. 57.
14.
Vgl. Dieter Rucht/Jochen Roose, Zur Institutionalisierung von Bewegungen: Umweltverbände und Umweltproteste in der Bundesrepublik, in: Annette Zimmer/Bernhard Wessels (Hrsg.), Verbände und Demokratie in Deutschland, Opladen 2001, S. 261 - 290.
15.
Vgl. Roland Roth/Dieter Rucht (Hrsg.), Neue soziale Bewegungen in der Bundesrepublik, Bonn 1990.
16.
Vgl. Christoph Sachße, Freiwilligenarbeit und private Wohlfahrtskultur in historischer Perspektive, in: Annette Zimmer/Stefan Nährlich (Hrsg.), Engagierte Bürgerschaft. Traditionen und Perspektiven, Opladen 2000, S. 75 - 88.
17.
Vgl. Thomas Rauschenbach/Christoph Sachße/Thomas Olk (Hrsg.), Von der Wertgemeinschaft zum Dienstleistungsunternehmen, Frankfurt/M. 1995.
18.
Vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, Die Freie Wohlfahrtspflege - Profil und Leistungen, Freiburg 2002.
19.
Vgl. A. Zimmer/E. Priller (Anm. 3), S. 147f.