30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

16.3.2006 | Von:
Eckhard Priller
Annette Zimmer

Dritter Sektor: Arbeit als Engagement

Attraktivität und Erfolg als Herausforderung

Dritte-Sektor-Organisationen sehen sich aber nicht nur als Arbeitgeber gestiegenen Anforderungen gegenüber, die im Wesentlichen auf Veränderungen ihrer Organisationsumwelt - wie etwa die Einführung des Kontraktmanagements im Sozialbereich - zurückzuführen sind. Entsprechendes gilt auch für ihre Funktion als organisationale Basis bürgerschaftlichen Engagements. Wachstum und damit die Attraktivität der Organisationen werden hierbei zur Herausforderung ihrer Existenzsicherung. So ist die Zahl der eingetragenen Vereine[31] in den vergangenen Jahren beständig gestiegen. 2005 wurden in den Vereinsregistern rund 594 000 eingetragene Vereine geführt.[32] Jährlich werden zahlreiche Vereine neu gegründet, von denen sich allein rund 15 000 in die Vereinsregister eintragen lassen. Durch diese Entwicklung hat sich die Vereinsdichte stark erhöht. Während 1960 in der alten Bundesrepublik nur 160 Vereine je 100 000 Einwohner gezählt wurden, waren es 2003 rund 700 und 2005 bereits rund 725 Vereine je 100 000 Einwohner.

Dieser Gründungsboom hat insofern auch eine Schattenseite, als die Zunahme der Organisationen mit deutlichen Problemen ihrer Ressourcensicherung einhergeht. So wurden im Kontext einer Münsteraner Vereinsstudie[33] als drängende Probleme unter anderem der Mangel an Kontakten zu potenziellen Geldgebern sowie die zurückgehende Förderung der Vereinstätigkeit durch öffentliche Mittel angegeben. Das zentrale und am häufigsten angegebene Problem war jedoch, dass sich die Vereine mit der Schwierigkeit konfrontiert sehen, genügend bürgerschaftlich Engagierte für Leitungstätigkeiten sowie für die Übernahme von freiwilligen unbezahlten Tätigkeiten zu gewinnen. Als das mit Abstand größte Problem der aktuellen Arbeit der Organisationen wurde daher die Aufgabe genannt, bürgerschaftliches Engagement auf Dauer sicherzustellen. Vor diesem Hintergrund ist ein Umdenken der Dritte-Sektor-Organisationen unabdingbar. Es ist höchste Zeit, dass die Organisationen jenseits aller Professionalisierung ihrer Basis wieder mehr Beachtung schenken. Die gezielte Ansprache und das aktive Werben neuer Mitglieder, von ehrenamtlichem Führungspersonal und freiwilligen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sind dringend erforderlich.

Die Bereitschaft zum bürgerschaftlichen Engagement befindet sich in Deutschland auf Wachstumskurs, gleichzeitig ist jedoch ein Wandel der Formen des Engagements festzustellen. Es werden eher zeitlich begrenzte und mehr projektartige Tätigkeiten nachgefragt. Dies ist insofern ein Problem für Dritte-Sektor-Organisationen, da Leitungstätigkeit eine gewisse Erfahrung und eine genaue Kenntnis der Organisation voraussetzt. Gemeinnützige Organisationen müssen sich daher auf die veränderte Situation einstellen und sich mehr als bisher bemühen, ihre Mitglieder und Engagierten an Leitungs- und Führungsaufgaben heranzuführen und diese auch für das gesamte Spektrum der Mitglieder - also auch für Frauen und Jüngere - attraktiv zu gestalten. Ferner sollte freiwilliger Mitarbeit auch unterhalb der Vorstandsebene ein höherer Stellenwert eingeräumt werden, etwa durch die Einrichtung der Position eines "Freiwilligenkoordinators" oder durch Schulungs- und Fortbildungsangebote. Solche Angebote vermitteln Know-how, das man für die persönliche Zukunft auch außerhalb des Engagements im Dritten Sektor nutzen kann. Mit diesen Maßnahmen könnte das Engagement in Vereinen gerade für die jüngere Generation attraktiver gemacht werden.

Es ist bekannt, dass Kontakte und Informationen gerade auch für den Einstieg und weiteren Erfolg im Beruf und am Arbeitsplatz von zentraler Bedeutung sind. Das Fehlen von Kontaktnetzwerken - und insofern Desintegration - ist heute der entscheidende Grund dafür, dass Jugendliche und junge Erwachsene keine Lehrstelle und keine feste Anstellung finden. Es verwundert nicht, dass hier besonders die so genannten benachteiligten Jugendlichen und jungen Erwachsenen - aus einkommensschwachen und/oder defekten Elternhäusern sowie auch aus Familien mit Migrationshintergrund - den Eintritt in den Berufsalltag und damit in eine dauerhafte Beschäftigung in deutlich geringerem Umfang als Jugendliche aus so genanntem "gutem Hause" meistern. Gemäß den Ergebnissen des zweiten Freiwilligensurveys sind gerade diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen kaum bürgerschaftlich engagiert und damit auch nicht in die Infrastruktur der gemeinnützigen Organisationen des Dritten Sektors eingebunden, die aber zweifellos ein wichtiges Informationsnetzwerk und - indirekt - auch eine Art Vermittlungsbörse für Kontakte und Wege in den Arbeitsmarkt darstellen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt das Thema bürgerschaftliches Engagement und Beschäftigung eine ganz andere Bedeutung. Ein florierender Dritter Sektor, der alle Gruppen der Bevölkerung einschließt und einen Raum des sozialen wie berufspraktischen Kompetenzgewinns bietet, wird zur Investition in die Zukunft. Insofern sollten gemeinnützige Organisationen sich auch nicht scheuen, Position zu beziehen und sich noch stärker als bisher gesellschaftspolitisch einmischen. Um sich aber heute in öffentlichen Debatten Gehör zu verschaffen, ist es notwendig, Kräfte zu bündeln und gemeinsam Position zu beziehen. Dritte-Sektor-Organisationen haben allen Grund dazu, sich stärker einzubringen als bisher: Als Ausdruck, Infrastruktur und Motor bürgerschaftlichen Engagements befinden sie sich nachweislich und kontinuierlich auf Wachstumskurs. Sie sind daher ein Positivmodell für eine bürgernahe und dynamische Zukunftsgestaltung.


Fußnoten

31.
Die Mehrheit der Dritte-Sektor-Organisationen ist hierzulande in der Rechtsform des Vereins organisiert.
32.
Vgl. V & M Service GmbH, Konstanz 2005, http://www.npo-info.de.
33.
Vgl. Annette Zimmer/Thorsten Hallmann, Mit vereinten Kräften. Ergebnisse der Befragung "Vereine in Münster", http://npm-online.de.